Erlösung durch den Bauch

Sonntag, 17. Februar 2013

Am Aschermittwoch begann für Millionen Christen wieder die Zeit von Verzicht und Besinnung. Experten wissen: Richtiges Fasten führt nicht für Fette und Fromme zu großen Freuden.

Ex-Minister Norbert Blüm isst nur noch die Hälfte und meidet den Alkohol: „Ich will ausprobieren, ob ich abhängig bin von meinen Launen, Lüsten und Trieben, oder ob ich mich selbst bestimmen kann.“ Bischof Karl Lehmann, einst Oberhirte aller deutschen Katholiken, will möglichst wenig Alkohol zu sich und „Augen, Ohren und Denken mehr in Zucht nehmen.“ Schauspieler Hans Clarin streicht Zigaretten und harte Drinks, aber „Bier nicht, das trinken ja auch die Mönche.“ Andere machen sich das Leben durch Verzicht auf Süßigkeiten sauer, nähren sich fleischlos, nehmen statt des Lifts die Treppe, klemmen sich auf den Fahrradsattel statt hinter das Steuer oder schalten bis Ostern den Fernseher aus. 

Verschieden die Wege, gemeinsam das Ziel: Zwölf Millionen Deutsche, die sich am Aschermittwoch zur Selbstkasteiung in unterschiedlichsten Formen entschlossen, wollen an Leib und Seele gesünder werden – und ein bisschen schlanker auch. Fernseh-Mutter Marie-Luise Marjan: „Fasten entspannt, weil man plötzlich so viel Zeit für sich selbst hat.“ TV-Moderatorin Birgit Lechtermann: „Die Gedanken werden klarer, und das Wissen, dass man verzichten kann, beflügelt das Selbstvertrauen.“

Die siebenwöchige Selbstzucht entgiftet den Körper und entschlackt den Geist. Psychologen wissen: Fasten ist nicht für Fette und Fromme gut – auch auf Freunde gesunder Ernährung mit durchaus weltlicher Ausrichtung wirkt eine gründliche Abkehr vom Alltagstrott enorm positiv. Denn Einschränkungen im Essen und Trinken helfen gegen psychische Probleme: Langeweile, Überdruss und Depressionen schwinden, Glücks- und Erfolgsgefühle brechen durch, die Frühjahrsmüdigkeit fällt aus, alte Reize wirken wieder neu.

Das Angebot ist groß: Heilfastende z.B. stellen ihren Körper durch Nahrungsaufnahme nahe Null künstlich auf ein Notprogramm um, das die Evolution einst für Hungerzeiten entwickelte. Der Angriff auf Fett- und Eiweißreserven kostet täglich bis 450 Gramm Gewicht, der Stoffwechsel wird gefördert, die Leber entgiftet und die körpereigene Kalorienbeschaffung putzt Cholesterin und andere Rückstände aus den Adern: Nichts ist gieriger als das Blut eines Fastenden! Die Radikalmethode der Magen-Masochisten gestattet nur Tee, Obst, Gemüsebrühe und –säfte, garantiert aber besonders günstige Effekte. Schon der antike Mediziner Hippokrates riet: „Die wirkungsvollste Art, euren inneren Arzt arbeiten zu lassen, besteht im Weglassen der Nahrung und der davon ausgelösten Mobilisierung der Heilkräfte.“

Die helfen auch der Psyche. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Huether fand jetzt erstmals heraus: Energisches Fasten beeinflusst die Stressmoleküle Adrenalin und Kortisol. Hoher Kortisolspiegel, typisch für Menschen unter hohem psychischen Druck, sinkt auf normales Niveau. Ein niedriger Kortisolspiegel dagegen, oft bei Personen gemessen, die nichts an sich heranlassen, steigt, und die Fastenden werden freier, umgänglicher, offener. Zum schlankeren Leib gesellt sich eine gelockerte Psyche.

Wichtigste Voraussetzung für den Fasten-Erfolg ist Freiwilligkeit. Zwangshungern bedeutet Stress, doch wer aus höheren Motiven darbt, bei dem stellen sich, so die Baseler Neurobiologin Marion Wendt, „euphorisch gehobene Stimmung, Entspannung, innere Stabilisierung, gesteigerte Sensibilität für ästhetisches Empfinden und eine deutlichere Wahrnehmung von Problemen ein.“ Der Kirchenvater Augustinus sprach vor 1600 Jahren von „Erlösung durch den Bauch“ – der geistige Mensch soll sich ganz bewusst einmal über das Irdische erheben, sich von seinen natürlichen Trieben und Begierden unabhängig machen. Dabei hilft jeder Verzicht, auch der auf die Zunge nicht nur als Geschmacks-, sondern auch als Geräuschquelle. Kardinal Lehmann: „Wenn man mal ein paar Tage schweigt, merkt man erst, wie viel dummes Zeug man schwätzt, welche Schimpfworte man sagt und wie indiskret man über andere redet.“ 

Für alle Fastenden gilt: Nach ein bis drei Tagen unangenehmer Hungergefühle steigert sich plötzlich die Stimmung zur Euphorie. Ursache dieses Umschwungs ist das serotonerge System. Diese Struktur im Mittelhirn schüttet Serotonin (von lateinisch „serum“ für „Molke“ und „tonus“ für „Anspannung“) aus. Die Chemikalie versetzt Nervenzellen in harmonischen Gleichklang und erzeugt ein Hochgefühl, das, so Hirnforscher Huether, „sonst nur mit Drogen wie Ecstasy oder LSD zu erreichen ist.“

Wissenschaftler verdächtigen Serotonin denn auch als eigentlichen Urheber jener Visionen, von denen fromme Fastende aller Religionen künden. Moses erlebte in 40 Tagen ohne Essen und Trinken auf dem Sinai die Gegenwart Gottes. Jesus begegnete nach gleich langer Fastenzeit in der Wüste dem Teufel, der heilige Antonius sah sich in nächtlicher Höhle von sexhungrigen Dämoninnen bedrängt. Alles nur Chemie? Dem Gläubigen ist gewiss, dass der christliche Gott den Körper des Menschen als seinen Tempel betrachtet und dort umso lieber einzieht, je aufgeräumter es darin zugeht – eine Lasterhöhle der Völlerei wird der Schöpfer nicht mit seiner Gegenwart und schon gar nicht mit Visionen beehren. Der Teufel wiederum attackiert, auch das zeigt die Geschichte aller Religionen, die Frömmsten stets am liebsten.

Steinzeit-Schamanen suchten schon vor 10 000 Jahren fastend Kontakt zur Geisterwelt. Ägypter und Babylonier opferten ihren Appetit zu Ehren der Götter. Die Juden des Alten Testaments hofften hungernd auf Vergebung der Sünden: König David etwa darbte, nachdem er einem seiner Soldaten die Ehefrau abgeluchst hatte und zur Strafe sein erstgeborener Sohn sterben sollte. Hindus wie Mathatma Ghandi stärken fastend die Selbstdisziplin, Muslime die Willenskraft.

Das seelisch erhebende Fasten-Produkt Serotonin war ursprünglich eine Überlebenshilfe: Mit dem Chemie-Doping glich die Natur die Hungerschwäche aus und machte den nach längerem Nahrungsmangel schwach und mutlos gewordenen Urmenschen wieder mobil. Auch der Fastende fühlt neue Kräfte wachsen und kann sich wieder besser konzentrieren. Das Nebensächliche verblasst, das Wesentliche tritt klar hervor. Nichts ist schärfer als der Blick des Hungernden. Gleiches gilt für das Gefühlsleben. Der Grieche Epikur, vor 2300 Jahren Verfechter einer vielbefolgten Lehre des irdischen Glücks, schwärmte vom Vorzug des Verzichts: „Mein Körper strömt über vor Leichtigkeit, wenn ich von Brot und Wasser lebe, und ich spucke auf die Freuden des prachtvollen Lebens.“

„Durch Fasten und Verzichten finden Sie heraus, wie frei oder wie abhängig Sie leben“, sagt Pastor Hinrich Westphal, Initiator der evangelischen Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“. Zwei Millionen Teilnehmer wollen auch versuchen, freundlicher zu ihren Mitmenschen zu sein, mal wieder etwas zu spenden oder ohne Sex auszukommen. Eine Geschäftsfrau: „Ich möchte mich mal von innen heraus reinigen.“ Eine Technikerin: „Ich brauche wenigstens sieben Wochen mal die Kontrolle über mich.“ Ein Student: „Ich will wissen, wo meine Grenzen sind.“ Ein Bauunternehmer: „Ich will nicht immer nach dem Vorteil rechnen, sondern auch mal was opfern.“ Der seelische Gewinn wird allemal größer sein.



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