„Uns alle enthüllt Judas"

Montag, 18. Februar 2013

Das Wort vom Sonntag

Seit der Mensch zu den Sternen aufblickt, sucht er im Hunger den Himmel: Nur der Asket erlebt die heiligen Visionen, von denen fromme Fastende aller Religionen künden. Steinzeit-Schamanen knüpfen schon vor 10.000 Jahren mit leeren Mägen den Kontakt zur Geisterwelt. Auch Ägypter und Babylonier opfern ihren Appetit zu Ehren der Götter, am Nil auch als Öko-Gründen: zur Laichzeit etwa sind Fischgerichte verboten. Die Juden des Alten Testaments hoffen fastend auf Vergebung ihrer Sünden. König David darbt, nachdem er einen seiner Krieger wegen dessen schöner Ehefrau in einen Hinterhalt geschickt hat und dafür mit dem Tod seines Erstgeborenen bestraft werden soll. Moses erlebt in 40 Tagen ohne Essen und Trinken auf dem Sinai die Gegenwart Gottes. Jesus begegnete nach gleich langer Fastenzeit in der Wüste dem Teufel. Der erste Mönch, der hl. Antonius von Ägypten, sieht sich als Einsiedler in nächtlicher Höhle bei karger Kost von sexgierigen Dämoninnen bedrängt. Hindus wie Mathatma Ghandi stärken fastend die Selbstdisziplin, Muslime die Willenskraft. Christen geht es in diesen Tagen vor allem darum, durch Verzicht Gott zu ehren – positive Nebenwirkungen für Figur, Gesundheit und Wohlbefinden nicht ausgeschlossen.

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Romano Guardini (1885-1968) über Judas in "Der Herr": "Judas hat den Verrat vollendet, aber war er der einzige, der in dessen Reichweite kam? Der Verrat an Gott ist uns allen furchtbar nahe. Was kann ich denn verraten? Das, was sich meiner Treue anvertraut hat. Gibt es viele Tage in unserem Leben, an dem wir ihn, unser bestes Wissen, unser heiligstes Gefühl, unsere Pflicht, unsere Liebe nicht für eine Eitelkeit, für eine Sinnlichkeit, für einen Haß, für eine Rache preisgegeben haben? Ist das mehr als dreißig Silberlinge? Wir haben wenig Veranlassung, über den Verräter zu sprechen als etwas, was drüben steht, vielleicht noch mit Entrüstung. Uns alle enthüllt Judas." Geschrieben 1937, in einer Zeit, als es in Deutschland viele Verräter gab. Gestern, am 17.Februar, war der Geburtstag des großen Theologen, der in der Nachkriegszeit großen Einfluss besonders auf junge Menschen hatte. Der katholische Publizist, Schriftsteller und Journalist Walter Dirks (1901-1991) sagte über ihn: "Guardini ist ein Gottesgelehrter, der betend denkt und denkend betet … Überrascht hat Guardini mit seinen religiösen Deutungen einiger Gestalten in der Literatur wie in der abendländischen Geistesgeschichte. So nimmt er auch aus christlicher Sicht sehr ernst: Sokrates, Hölderlin, Dostojewski. Dichtung und Kunst sind für ihn wichtige Elemente seines theologischen Denkens. So verwundert es nicht, daß er den Theologen zu ästhetisch, den Sprachwissenschaftlern zu pädagogisch, den Philosophen zu theologisch vorkam." Und: "Daß er nach vielen Jahren großer Wirksamkeit in überfüllten Hörsälen und gut besuchten Hallen vereinsamt gestorben ist, vermerkt ein späterer Weggefährte mit Wehmut."

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Jeder Mensch besitzt seine eigene Realität. Deshalb existieren auf der Welt ebenso viele Realitäten wie Menschen. Gott schuf die Zeit, um diese Milliarden Realitäten zu synchronisieren und aus ihnen das das Leben zu bauen.

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Voltaire, "Die Briefe Amabeds": "Durga ist das indische Wort für Tugend. Sie wird zehnarmig, auf einem Drachen reitend, dargestellt, um die Laster zu bekämpfen, als da sind: Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Diebstahl, Mord, Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung, Nichtstuerei, Ungehorsam gegen Vater und Mutter, Undankbarkeit. In dieser Gestalt haben viele Missionare den Teufel gesehen."

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Zu den Sorgen der katholischen Kirche nach Abtreibungsdiskussion und Papst-Rücktritt passt Martin Luther King: "Der Glaube an das Morgengrauen erwächst aus dem Glauben, daß Gott gut und gerecht ist. Wer das glaubt, weiß, daß die Widersprüche des Lebens weder endgültig noch letztlich sind."

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In „Das Wort zum Sonntag“ (ARD) sagt der katholische Pfarrer Michael Broch: „Mir ist dabei aufgefallen, dass die Rücktrittserklärung Benedikts sehr viel mit der beginnenden Fastenzeit zu tun hat. Fasten nach christlichem Sinn heißt auch: Ich halte inne. Ich besinne mich. Ich höre in mich hinein. Und genau das hat der Papst getan. Immer wieder hätte er sein Gewissen vor Gott geprüft, bevor er sich zum Rücktritt entschieden hatte. Innehalten und sich besinnen, welcher Papst der Kirche in einer modernen und säkularen Welt Orientierung geben könnte – das wünsche ich den Kardinälen für das bevorstehende Konklave, für die Wahl des neuen Papstes.“

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In einem „Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit 2013 im Jahr des Glaubens“ gibt der Hamburger Erzbischof Werner Thiessen eine Anekdote seines Vorgängers Ludwig Averkamp wieder: „Erzbischof Ludwig erzählt gern folgende Begebenheit. In seiner Gebetsschule, die er an verschiedenen Orten unseres Erzbistums durchführte, hielt er mit allen, die teilnahmen, Einzelgespräche. Eine Frau erklärt: ‚Ich würde so gerne mit meinem Mann gemeinsam beten, aber er betet ja nicht.‘ Später kommt der Mann dieser Frau zum Gespräch. Er sagt: ‚Ich würde so gerne mit meiner Frau gemeinsam beten, aber sie betet ja nicht. Deshalb muss ich das immer still für mich alleine tun.‘“

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Kant, "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft": "Ein moralisches Volk Gottes zu stiften, ist also ein Werk, dessen Ausführung nicht von Menschen, sondern nur von Gott selbst erwartet werden kann. Deswegen ist aber doch dem Menschen nicht erlaubt, in Ansehung dieses Geschäfts untätig zu sein und die Vorsehung walten zu lassen, als ob ein jeder nur seinen moralischen Privatangelegenheiten nachgehen, das Ganze der Angelegenheit des menschlichen Geschlechts aber (seiner moralischen Bestimmung nach) einer höheren Weisheit überlassen dürfe. Er muß vielmehr so verfahren, als ob alles auf ihn ankommt, und nur unter dieser Bedingung darf er hoffen, daß höhere Weisheit seiner wohlgemeinten Bemühung die Vollendung werde angedeihen lassen." Geschrieben 1793.

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C.F.Meyer, "Huttens letzte Tage":

  "Wir Christen haben ein gewisses Licht,

  Doch auch ein Heidensprüchlein schadet nicht."

 

 

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