Kapitel 63: Ein verhängnisvoller Streit

Montag, 18. Februar 2013
„Das Haus war einigermaßen in Ordnung“: Diele am Neuen Wandrahm © Museum für Hamburgische Geschichte

Ich wartete noch eine Weile, dann kletterte ich aus dem Boot und setzte mich wieder zu ihnen.

  „Wo warst du denn?“ fragte mein Onkel.

  „Sterne begucken“, antwortete ich.

  Es war schon fast Mitternacht, als der Veermaster uns mit seiner Barkasse wieder am Kehrwiederkai absetzte. Nell fuhr in den Club, Lida in den „Hamburger Hof“, und der Bäcker ging brav nach Hause zu seiner Holden. Augustus sollte sich des Viaschmahandels wegen mal wieder bei seinem Onkel einfinden und fuhr also in den Palazzo, wenn auch höchst ungern, da er sich kaum eine Minute von Agnes trennen mochte.

  Und ich ging zu meinem Danny. Nur mal gucken, ob er wirklich wartete. Kaum drehte ich den Schüssel, riss er schon die Tür auf und mich in seine Arme.

  „Helena! Helena!“ Glühende Küsse pflasterten mein Gesicht.

  Das Haus war einigermaßen in Ordnung, die Wohnung auch, zwei kleine Zimmer unterm Dach juchhe, aber Fenster zum Binnenhafen, neue Tapeten, gescheuerter Holzboden, Kachelofen, direkt luxuriös im Vergleich zu den Verhältnissen, die ich von früher gewohnt war – vor allem das Bett. Es sah genauso aus wie die Betten im „Tritonia“, es war nämlich auch aus dem „Tritonia“. Die gute Nell! Ich musste lachen.

  „Was lachst du denn?“

  „Nur so“, sagte ich.

  „Gefällt’s dir?

  „Fühl’ mich schon ganz wie zu Hause.“

  Er fiel vor mir auf die Knie und zog einen goldenen Ring mit einem Rubin aus der Tasche, der wie ein kleines Herz geformt war. „Diesen Ring hat mein Großvater meiner Großmutter zur Verlobung an den Finger gesteckt, und mein Vater meiner Mutter, und jetzt sollst du ihn tragen“, sagte er feierlich.

  „O Danny!“ sagte ich und war ganz hin und weg.

  Und dann reißt mir der Faden – erst aus Liebe, später aus einem nicht ganz so schönen Grund.

  Die Liebe ist der Prokrustes der Zeit: Muss sie warten, schleicht sie wie eine Dezemberfliege, hat sie ihren Willen, kürzt sie Stunden zu Sekunden. Ich möchte nicht romantischer erscheinen als ich bin, aber in dieser Nacht hatten die üblichen kosmischen, physikalischen oder sonstigen Naturgesetze jede Bedeutung verloren. Wir schlangen uns um- und ineinander wie Tang, Tauwerk und Tintenfischtentakel, wir keuchten und dampften in die tropenheiße Aura unserer jungen Leidenschaft, wir schmeckten das Salz der Liebe und rochen den Duft der Lust, und zwischendurch ruhten wir wie auf Engelsflügeln, von dem, was andere Sünde nennen, nicht bedrückt, sondern erhoben. Wir sangen ohne Töne, schwuren ohne Worte und träumten ohne Schlaf.

 Als uns der Magen, der ewig eifersüchtige Spielverderber, aus Amor Armen knurrte, war es Dienstagnachmittag. Wir zogen uns rasch an, kletterten die fünf steilen Treppen hinunter und wollten um die Ecke in eine Imbisskneipe, da hing dieser Steckbrief. Ich hatte natürlich gesehen, dass sie die Dinger überall angeklebt hatten, mir aber noch keins näher betrachtet. Die Zeichnung war natürlich wenig schmeichelhaft, Onkel Johnny sah wie ein Sittenstrolch aus. Darunter las ich es: „5000 Mark Belohnung! Die Polizei fahndet in Zusammenhang mit dem Mord an einem Constabler am 18. Juni 1861 nach Johannes Mott, geboren 1842 in Hamburg, zuletzt wohnhaft am Kehrwieder. Der Gesuchte ist 1,76 Meter groß und schlank. Er hat blonde Haare und blaue“ – Ratsch! Das Fahndungsplakat war weg.

  Ich guckte verblüfft. Mein Danny hatte es abgerissen. Er knüllte es zusammen und schleuderte es in hohem Bogen ins Hafenbecken.

  „Was machst du denn da?“ fragte ich verdutzt. „Ich hab’s noch gar nicht zu Ende gelesen.“

  „Wozu auch“ sagte Danny. „So etwas gehört nicht an das Haus unserer Liebe!“

  „Na erlaube mal“, sagte ich, „ich werde doch noch ein Plakat lesen dürfen!“

  „Aber nicht so eins“, beharrte Danny. „Das ist ein ganz fieser Verbrecher!“

   „Ach ja?“ fragte ich ärgerlich. „Und woher weißt du das?“

  „Na du bist gut“, sagte er. „Guck dir doch bloß mal die Visage an!“

  „Wie denn, du hast das Ding ja abgerissen.“

  „Sei froh, sonst hättest du vielleicht noch schlecht geträumt.“

  „Ich hätte es aber gern noch zu Ende gelesen.“

  „Seit wann interessierst du dich denn für gemeine Verbrecher?“

   Ich wurde langsam wütend. Wie konnte er so etwas über Onkel Johnny sagen? „Ob das ein gemeiner Verbrecher ist, ist noch lange nicht raus!“

  „Ach? Vielleicht sucht ihn die Polizei ja, weil er ein Wohltäter der Menschheit ist!“

  „Lass den Dwatsch! Die können sich ja auch mal irren!“

  „Du kennst dich wohl gut aus“, spottete er.

  „Besser als du vielleicht!“ Und das war nichts weniger als die Wahrheit.

  „Was bist du bloß so krabitzig? Dem sieht man es doch an der Nasenspitze an, dass er ein ganz übler Verbrecher ist. Er hat einen Polizisten umgebracht.“

  Aber damit war er bei mir an der falschen Adresse. „Die Polizisten sind auch nicht alles Engel!“

   Er lachte mich aus. „Das wird ja immer besser. Willst du mich veräppeln? Wenn ich schon lese, auf dem Kehrwieder, meine Güte, da wohnt doch lauter solches Lumpenpack.“

  „So, Lumpenpack“, rief ich gereizt. „Als ob alle, die mal Pech gehabt haben, oder nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren sind, gleich schlechte Menschen sein müssten!“

  „Wahrscheinlich gibt’s Ausnahmen“, sagte er mit einem verständnisvollen Lächeln, das mir nun allerdings ziemlich überheblich vorkam, „aber in neun von zehn Fällen habe ich recht. Wetten? Du musst dir diese Leute doch nur angucken, diese Gestalten, hässliche Fratzen, verschlagene Blicke. Schon die kleinen Kinder klauen, und wenn sie größer sind, werden sie Räuber und Mörder, und die Mädchen landen du weißt schon wo. Geh nur nicht da über die Brücke, sondern bleib immer schon hier auf der richtigen Seite, da drüben wohnt wirklich nur Gesindel, glaube mir. Abschaum!“

  Da platzte mir der Kragen. „So, du Schlaumeier, dann will ich dir mal was sagen. Weißt du, wer zum Beispiel auf dem Kehrwieder wohnt? Ich! Ja, guck nicht so! Ich!“

  Ach, hätte ich nur gesehen, wie das drachenköpfige Verhängnis auf das dünne Eis meiner jugendlichen Empfindsamkeiten schlich! Aber Zorn macht blind, und ich war sehr zornig.

  „Aber Helena!“ staunte Danny, „warum sagst du denn so was!“

  „Weil’s die Wahrheit ist, du Angeber! Weil ich wirklich von dort komme!“

  „Das kann doch nicht sein, dass du mit diesem  Verbrechergesindel…“

  Er guckte mich ganz entsetzt an, der Arme, aber es war schon zu spät.

  „Verbrechergesindel?“ wiederholte ich höhnisch. „O ja. Verbrecher. Ja, das ist meine Welt, da komme ich her!  Das sind meine Leute! Verbrechergesindel. Das sind meine Freunde. Das ist mein Leben!“

  „Das glaube ich nicht“, jammerte er.

  „Ach!“ sagte ich höhnisch. „Du denkst also, dass ich lüge.“

  „Nein“, beeilte er sich zu versichern. „Aber vielleicht wisst du nicht, was du redest…“

  „So, das weiß ich nicht! Meinst du! Gut, dann will ich dir noch was sagen: Der Mann auf dem Plakat, der mit der Visage, wie du so schön sagst, der ist zufällig mein Onkel Johnny, und für mich ist er nicht nur kein Verbrecher, sondern sogar der tapferste, anständigste und ehrlichste Mann der Welt.“ 

  „Was, dieser Gangster soll dein Onkel sein? Das kann nicht wahr sein, Helena, bitte, sei nicht so garstig, sag’, dass das nicht wahr ist! Es ist alles nur ein Witz!“

  „Es ist die Wahrheit“, sagte ich. „So, jetzt weißt du’s.“

  Er starrte mich kopfschüttelnd an. Dann gab er sich einen Ruck.  „Arme Helena. Aber ich werde dir helfen.“ Verzweifelt suchte er nach Worten. „Trotzdem liebe ich dich. Versprich mir nur, dass Mama und Papa nie etwas von deiner Herkunft erfahren, dann werde ich schon einen Weg finden.“

  Damit machte er nun natürlich alles nur schlimmer. „Ach so“, sagte ich. „Der vornehme junge Herr erweist sich als großzügig, aber seine Familie soll nichts mit mir zu tun haben.“

  „Doch, schon“, rief er erregt, „sie sollen bloß nicht wissen, wo du herkommst, sonst wird Papa böse! Du kennst ihn ja gar nicht, er kann manchmal richtig streng sein!“

„Soweit ich mich erinnere, hatte ich erst am Sonntag das ungeheure Vergnügen, mit ihm ein paar Worte zu plaudern. Bei einem Gläschen Dom Perignon.“

  „Ja, aber das war doch nur kurz…“

  „Und ich kenn’ ihn auch schon länger, den alten Jack Lendt“, fuhrwerkte ich weiter, „schon seit ich klein war, dein lieber Papá ist nämlich ebenfalls vom Kehrwieder. Mit dem erschrecken die Mütter dort ihre kleinen Kinder.“ Das war nun doch etwas übertrieben, aber wenn ich erst mal in Fahrt bin, halte ich mich nicht gern mit Nebensächlichkeiten auf.

  „Das lügst du!“ rief er entsetzt. „Papa ist Notar!“

  „Der liebe Papá ist der größte Gangsterboss in der ganzen Stadt“, sagte ich gnadenlos. „Raub, Diebstahl, Hehlerei, Erpressung – alles Geschäftszweige seiner ehrbaren Firma!“

  „Lügen!“ schrie er.

  „Du glaubst mir nicht? Na, dann komm mal mit, wir gehen gleich zu ihm. Du kennst doch den Turm mit dem Zeitball, oder? Klar kennst du ihn, bist ja so’n großer Segler. In dem Turm ist Papa Jacks Büro. Komm, besuchen wir ihn! Er wird Augen machen. Guck dir mal die Leute an, die da herumstehen, und dann sag noch mal, dass mein Onkel Johnny eine Verbrechervisage hat!“

  „Das hab’ ich doch nicht so gemeint, Helena. Ich wollte dir doch ganz bestimmt nicht wehtun! Ich kann auch verstehen, dass du wütend auf mich bist. Aber deshalb musst du doch auch nicht solche Sachen über meinen Vater sagen! Und Mama hat uns extra die Wohnung…“ Er verstummte.

  „Ja, mit einem Bettchen aus dem Tritonia, ein dreifaches Hurra“, sagte ich, grausam, wie ich in dieser Minute war.

  „Das weiß du?“ fragte er entsetzt.

  „Klar weiß ich das“, sagte ich. „Ich logier’ nämlich in dem Hotel von deiner Mama, wenn ich mich nicht gerade von einem jungen Herrn in ein Haus mitschnacken lasse, an dem ein Steckbrief von meinem Onkel hängt!“

  Er stöhnte gequält. „Mama sagt, das Hotel ist nur für Kapitäne und Seefahrer und so, deshalb muss es ja am Hafen sein, sonst wäre sie bestimmt anderswo.“

  „Klar, zum Beispiel im Nachtclub von deinem Papa.“

  „In was für einem Nachtcub denn? Papa hat doch keinen Nachtclub.“

  „Du weißt aber wirklich gar nichts, Danny.“

  „Und als du bei uns warst, haben sie doch…“

   „…so getan, als würden sie mich nicht kennen? Ja, was hätten sie wohl auch anderes machen sollen. Komm, gehen wir hin!“

   „Ich glaub’s dir nicht“, sagte er schwach. „Ich weiß nicht, warum du das sagst, vielleicht ist das nur eine schreckliche Prüfung – aber beim Himmel, ich kann’s dir einfach nicht glauben.“

  „Komm und sieh“ sagte ich wie der Apostel Philipp zu Natanaël, wenn auch aus weniger frommen Gründen, und zog ihn hinter mir her über die Brücke. Erst sträubte er sich ein wenig, aber dann trabte er tapfer mit, wobei er allerdings furchtsame Blicke um sich warf und immer wieder versicherte: „Nein, das kann nicht sein. Von hier kann Papa nicht stammen, und du auch nicht.“

  Ich hörte gar nicht mehr zu, sondern marschierte stracks zum Kaiserkai, Danny dicht auf den Hacken. Auf dem Brook sagte er nichts mehr, guckte nur entgeistert und bald immer bedenklicher auf die Ganoven, die dort herumlungerten.

  „He, Helena!“ krakeelte einer über den Kai, „wohin willst du denn mit dem Kiek-in-die-Welt, das ischa man hier keine Gegend für Grünschnäbel!“

  „Ach ja?“ rief ich zurück. „Was machst du denn dann hier?“

  Die anderen lachten.

  Manchmal kommt die Wahrheit wie die Flut und überschwemmt das Land der Ahnungslosen, bis die letzten Zweifel abgesoffen sind. Die erste Woge traf Danny dreißig Meter vor dem Turm, denn da stand Wandrahm-Willy mit seinem bleichen Gesicht und der blutroten Narbe, ein Gangster-Elegant wie aus dem Wachsfigurenkabinett. Er sah uns aber nicht, sonst wäre meine kleine Demonstration hier wohl schon zu Ende gewesen, denn er hätte uns nie und nimmer in Jacks Büro gelassen. Aber Willy hatte seine ganze Aufmerksamkeit zwei Besuchern zugewandt, die sich gerade verabschiedeten, Mister Tai-Tai und der Prinzessin des Todes, die ich hier zum ersten Mal sah. Der Meister der Fünf Tugenden schaute mit seinem Totenschädel und dem Speichelfadenbart wie eine Ausgeburt der Hölle aus, und die Scharfrichterin in ihrem zartbeigen Qipao wie eine fernöstliche Lilith, trotz des hochgeschlossenen Kragens.

  „Was sind das denn für Leute?“ staunte Danny.

  „Opiumhändler“, sagte ich.

  Danny schluckte. Ich zerrte ihn hinter Willys Rücken zum Turm. Im Eingang rollte der zweite Brecher aus der Brandung der Göttin Veritas gegen den Kinderglauben meines armen Lieblings, denn dort stand Wacko Brett, dieser Satansbraten der Hamburger Unterwelt, umgeben von einigen Kumpanen.

  „Was wollt ihr denn hier, ihr Grashüpper?“ fistelte er launig. „Das ist ja man nicht die Kinderkirche!“

  Danny schaute ziemlich erschüttert in Wackos allerdings richtig fiese Gangsterfresse: gebrochene Nase, zottige Brauen, Kinn wie ein Bullenbeißer und wüste Tätowierungen überall, wo der schwarze Bart ein Stückchen Haut freiließ. Die anderen sahen auch nicht viel vertrauenerweckender aus.

  „Du kannst mich mal am Achtersteven kleien, du Töffel“, sagte ich zu dem Ex-Boxer. „Weißt wohl nicht, was du ’ner Dame schuldig bist!“

  „Dame?“ kicherte er. „Seit wann denn Dame, du Haubenelster? Schieb ab, hier wird nicht gemopst.“

  „Schiet am Boom“, sagte ich. „Wer geht denn fürs Klauen zum Hehler? Wir woll’n dein’ Boss besuchen, mach’ das man klar, aber fix!“

  „Man immer schön sutje, Helena“, sagte Wacko und musterte Danny von oben bis unten. „Was hast’n da für’n Schniepel im Schlepptau?“

  Die anderen lachten.

  „Mach keine Glossen“, versetzte ich. „Das ist zufällig der Sohn von dein’m Boss. Ich darf dann man vorstellen: Daniel Lendt. Waldemar Brettschneider, ein resoluter Gentleman in Diensten des Herrn Notars. “

  Danny schaute von einem zum anderen, der arme Kerl - aber so dachte ich damals nicht, damals dachte ich vielmehr: Dem werd’ ich’s zeigen. So über Onkel Johnny herzuziehen! Soll mal sehen, was er selber für eine Familie hat.“

  „Wat?“ rief Wacko verdutzt. „Wat is los? Du willst mich wohl auf die Nudel schieben!“

  „Wenn ich’s dir sage“, erwiderte ich. „Und jetzt Schluss mit dem Affengetue, du Stutzkopf!“

  Wacko war aber noch nicht ganz zufrieden. „Du bist der Sohn vom Boss?“ fragte er Danny.

  „Ich weiß nicht, von dem Sie reden“, sagte mein Danny förmlich. „Mein Name ist Lendt, und mein Vater ist Notar.“

  „Notar“, wiederholte Wacko einfältig. „Ja, dann ist ja alles klar. Gott verdamm’ uns alle, und unsere Mütter dazu. Johnnys Nichte mit dem Sohn vom Boss!“

  „Wie bitte?“ fragte Danny.

  „Wie lange willst du ’n noch rumdröseln?“ fragte ich Wacko.

  „Tja“, sagte Wacko und kratzte sich den kantigen Schädel.

  „Wenn Sie wissen, wo sich mein Vater aufhält, fordere ich Sie auf, uns sofort zu ihm zu führen“, sagte Danny mitten in die tätowierte Visage.

  Hochdeutsch wirkt auf solche Kerls oft irgendwie motivierend, wohl weil sie diese Redeweise nur von Richtern oder Staatsanwälten kennen. „Also gut“, sagte Wacko schließlich. „Ist wohl heute großes Familientreffen! Aber wenn’s dort oben ’ne Verlobung gibt, schmeißt ihr uns ’ne Buddel runter!“

  „Klar“, sagte ich und stieg auf die Plattform an den vier Stahlseilen, Danny hinter mir her. Wacko legte einen Hebel um, und der Lastenfahrstuhl ruckelte durch den Schacht mit Fachwerkwänden. In jedem Stockwerk öffneten sich Dannys erstauntem und meinem anerkennenden Blick riesige Lagerräume voller Schränke, Kisten, Säcke und Fässer. Die Quartiersleute, die damit herumpolterten, sahen aus wie frisch aus dem Zuchthaus und waren es auch.

  „Alles Schmuggel- und Hehlerware“, erklärte ich meinem Danny.

  Vor dem Eingang im obersten Stockwerk stand auf einem großen Schild „Jack Lendt. Notar. Sprechzeiten nur nach Vereinbarung“.

  Ich hörte Danny erleichtert aufatmen. Wenigstens das schien zu stimmen. Armer Danny! Nun tat er mir schon ein bisschen leid. Aber mein Zorn war noch längst nicht verraucht, und ich wollte ihn ein für alle Mal von seiner bürgerlichen Überheblichkeit kurieren. Dumme Gans, die ich war!

  Ich griff nach der goldenen Klinke mit der kleinen Kaiserkrone, und sie gab nach, also traten wir in den geräumigen Flur mit den Garderobeschränken, Eiche altdeutsch mit Türmchen, Erkerchen und Spiegeltüren wie von Adolf Werner gemalt, roter Läufer über knöcheltiefem Perser. Ich hatte nicht vor, leise zu sein, war es dann aber doch, denn plötzlich hörten wir Stimmen.

  „Jack, ich flehe dich an! Um alles in der Welt, rette ihn! Du bist der einzige, der das kann!“

  „Damit du wieder mit ihm zusammengehst? Ist es das, was du willst?“

  „Nein! Das werde ich nicht tun. Ganz bestimmt nicht.“

  Danny und ich standen da wie vom Schlag gerührt. Das war Nell!

  „Das soll ich dir glauben! Wahrscheinlich hast du dich ihm schon längst wieder an den Hals geworfen!“

  „Nein, Jack, ganz bestimmt nicht! Ich schwöre es. Wir haben nichts getan, was dich in deiner Ehre kränken könnte.“

  „Was soll mir denn das, Ehre! Du liebst ihn! Du liebst ihn immer noch, gib es doch zu!“

  „Ja, Jack. Ich will dich nicht anlügen. Ich liebe Johnny. Aber ich bin deine Frau, und werde es bleiben. Rette ihn. Dann tue ich alles, was du willst!“

  „Das soll ich dir glauben?“

  „Ich schwöre es. Du bist der einzige, der Johnny retten kann. Du allein hast die Macht dazu. Du wirst einen Weg finden!“

  „Schwörst du, dass du für immer bei mir und bei Danny bleibst?“

  „Ja. Ich schwöre es.“

  „Schwör es auf die Bibel!“

  „Auf die Bibel?“

  „Ja. Warte.“

  „Auf die Bibel?“ fragte sie wieder.

  „Hast wohl nicht gedacht, dass ich so was hier habe, was?“ sagte Jack. „Immerhin bin ich Notar, und nicht bloß der üble Gangsterboss, den du jetzt aber plötzlich brauchst, mitsamt seinen bösen Brookboys, damit sie dir deinen Herzensliebling vom Galgen pflücken!“

  „Jack! Ich werde schwören. Ich werde auf den Knien vor dir schwören. Aber rede nicht so! Rede doch nicht so, ich bitte dich!“

  „Und du sei nicht so empfindsam! Reiß dich zusammen!“

  „Ich tu es ja, Jack. Ich tue es ja, Ich tue alles, was du sagst!“

  „Und hör gefälligst auf zu heulen!“

  „Ja“, weinte Nell.

  „Schwöre! Schwöre, dass du ihn niemals wieder auch nur  anschauen wirst, wenn er davonkommt!“

  „Ja, Jack.“

  „Du wirst ihm schreiben, dass du dich umbringst, wenn er die Stadt nicht sofort verlässt. Schwöre es!“

  „Ich schwöre es“, schluchzte Nell.

  Danny stieß mich zur Seite und stürzte hinein, ich hinter ihm her. Jack stand vor seinem Schreibtisch mit der Bibel in der Hand. Nell kniete vor ihm. Als Danny durch die Tür kam, fuhren sie herum.

  „Danny!“ rief Jack. „Was machst du denn hier!“

  „Papa!“ rief Danny ganz aufgelöst. „Was ist denn passiert? Was soll denn das alles? Was machst du denn mit Mama?“

  Nell stand auf. „Danny!“ sagte sie unter Tränen. „O Danny!“ Dann sah sie mich. „Helena!“ rief sie, packte mich am Arm und versuchte, mich mit sich hinunterzuziehen. „Sprich auch du mit Jack! Komm, knie dich hin! Bitte auch du für Johnny!“

  „Was ist denn?“ rief ich entsetzt.

  „Weißt du es denn noch gar nicht? Aber warum seid ihr denn dann hier? O Helena, Johnny ist verhaftet! Sie haben ihn nach Altona gebracht und vor ein Kriegsgericht gestellt. Das Urteil ist schon gesprochen: Tod durch den Strang! Sie werden ihn hängen. Schon morgen! Die Soldaten bauen schon den Galgen! Nur Jack kann ihn noch retten. O Helena, komm, knie dich hin, sonst muss Johnny sterben!“ Und dann riss mir zum zweiten Mal der Faden, mir wurde schwarz vor Augen, und bevor Danny mich auffangen konnte, knallte ich mit dem Hinterkopf auf eine massive Fußbank aus Mahagoni.

  Deshalb bin ich erst am nächsten Tag wieder aufgewacht, als über Hamburg der Belagerungszustand verhängt, der Grendel geheilt, aber verschleppt, Konsul Averdar um sein Vermögen gebracht und mein Onkel Johnny zum Galgen geschleppt worden war.

 

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