Kapitel 64: Die große Explosion

Mittwoch, 20. Februar 2013
„Das malerische Elbstädtchen“: Der Mittelkanal auf Steinwerder © Museum für Hamburgische Geschichte

Was ich jetzt erzähle, weiß ich nicht aus eigenem Erleben, denn ich lag ja wie tot im Bett, aber so hat es sich zugetragen.

  Als ich nach dem Gelage auf der „Midas“ zu Danny schlich, dampfte Onkel Johnny mit Ridder, Kowalski und den anderen nach Finkenwerder, die einen, um sich aufs Ohr zu legen, die anderen, um eine Erforschung der Ridderkerkschen Genever-Vorräte in situ vorzunehmen.

  Wandrahm-Willy, Wacko Brett, Ben der Bremser, Hein Cölln und einige Dutzend anderer Brookoboys waren in der entgegengesetzten Richtung unterwegs.

  Das malerische Elbstädtchen Geesthacht zwei Stunden stromaufwärts war schon damals ein beliebtes Ausflugziel der Hamburger. Die Vergnügungsschiffe legten morgens im Oberhafen ab und bummelten durch die sattgrünen Marschen der Vierländer Obst- und Gemüsebauern, bis hinter den hohen Kiefern der Besenhorster Sandberge die roten Dächer mittelalterlicher Fachwerkhäuser aufleuchteten. Den dreißig Männern auf den zwei Barkassen stand der Sinn indes nur selten nach Kaffee und Kuchen. Seit Alfred Nobel in Geesthacht das Dynamit erfunden hatte, blühte dort eine kriegerische Industrie von Sprengstoff-, Munitions- und Waffenfabriken. Der Volksmund nannte den Ort „Pulverstadt“, oder „Kamerun“ wegen der pulvergeschwärzten Arbeitergesichter. Nach dem Ersten Weltkrieg, als dort besonders viele Kommunisten agitierten, hieß Geesthacht auch mal „Klein-Moskau“. 

  Der Maimond war kein Kürbis mehr, aber noch eine ziemlich dicke Mandel, gerade recht für das kriminelle Kommandounternehmen. Während unsere Freunde sich auf Finkenwerder in aller Seelenruhe noch einen verlöteten, war Jacks Bande aktiv, und wie! Nach dem, was seine Leute in dieser Nacht anstellten, war es wirklich kein Wunder, dass die Preußen bald keine Rücksicht mehr auf hanseatische Empfindlichkeiten nahmen, schon gar nicht auf die Zuständigkeiten der Hamburger Polizei, denn der Donner dieser wahnwitzigen Aktion dröhnte bis nach Berlin.

  Willy und seine Leute schauten zu, wie der Bug durch die Silberflut des großen Stromes schnitt. Neben ihnen stand Fritz Lerre, Aktivist einer kommunistisch-anarchistischen Untergrundgruppe in der Kranfabrik Kampnagel zu Barmbek. Sein älterer Bruder Horst war Vorarbeiter in der Geesthachter Waffenfabrikation Schückel & Maus und wartete an einem Anleger vor der Stadt. Für wahre Revolutionäre waren Kriminelle lediglich Opfer kapitalistischer Repression und deshalb durchaus akzeptable Verbündete, wenn es nur gegen das Großkapital und seine uniformierten Schergen ging. Als Oberboss der Banden auf dem Brook genoss Jack Lendt unter Hamburgs Anarchisten einen Ruf, dem es nicht einmal schaden konnte, wenn er für die Konservativen kandidierte. Der sozialdemokratische Kurs August Bebels war diesen Fabriksansculotten viel zu lasch. Sie strebten nach Aufruhr, Aufstand und Ausrottung ihrer Ausbeuter und überhaupt aller Andersdenkenden mit Bombe, Kugel und Strick.

  „Willkommen in Kamerun, Herr Lendt“, sagte Horst Lerre an der Anlegestelle mit der Würde des kleinen Funktionärs, der sich nach der Anerkennung eines großen Mannes sehnt, doch seine Hand wurde für sein Wichtigkeitsgefühl nur allzu kurz geschüttelt.

  „Ich heiße Willy. Jack konnte nicht mitkommen“, sagte Wandrahm-Willy.

  „Nicht?“ Der Vorarbeiter war sichtlich enttäuscht. „Warum denn nicht?“

  „Komm rauf“, sagte Willy statt einer Antwort. „Was ist mit den Wachposten?“ Im Mondschein sah die Narbe auf seiner Wange wie ein Blutegel aus.

  Lerre kletterte über die Bordwand. „Sechs Mann. Zwei gehen Streife, die anderen schlafen in der Wachbaracke.“

  „Gewehre?“

  „Ja. Vorsicht, es sind alte Soldaten, die schießen verteufelt gut!“

  „Leg’ sie schlafen, Wacko“, sagte Willy.

  „Aber nicht umbringen“, sagte der Vorarbeiter etwas bang, „sonst kriegen wir morgen Militär in die Fabrik.“

  „Das kriegt ihr sowieso“, knurrte der Ex-Boxer.

  „Lass sie trotzdem am Leben“, sagte Willy. „Wenn du ihnen die Hälse abschneidest, weiß die Polizei gleich, dass wir es waren. Jack möchte, dass es möglichst geräuschlos abgeht.“

  „Ist wohl auch besser, in einer Munitionsfabrik“, lachte Wacko.

  Die Barkassen legten ab und fuhren an der pittoresken Wasserfront des Städtchens entlang. Die Strömung war stark, und die Maschinen ächzten. Einige hundert Meter weiter entdeckte Willy am Ufer einen großen Backsteinbau mit Quadertürmen, Zinnen und einem Rundbogentor. „Ist es das?“ fragte er.

  „Ja“, sagte der Vorarbeiter. „Der Anlieger ist hinter den Weiden, ziemlich groß, da passen vier Altländer Kähne hin.“

  Wacko kletterte über die Bordwand und stapfte ans Ufer. Ein paar Sekunden später sahen sie seine Riesengestalt auf dem Deich. Der Ex-Boxer hob grüßend die Faust und verschwand.

  Sie warteten. Nach einer Viertelstunde sagte Willy: „Das reicht. Fahren wir.“

  Als sie zu der Fabrik kamen, sahen sie eine Gestalt. Es war aber nicht Wacko Brett, sondern ein Wachposten, mit dem Gewehr im Anschlag. „Zurück! Anlegen streng verboten!“

  „Wir sind leck geschlagen“, rief Willy hinüber. „Wir saufen ab!“

  „Dann lasst euch treiben und legt in der Stadt an“, rief der Posten. Hinter ihm hob sich Wacko wie ein böser Geist aus dem Schatten der Weiden und ließ die Hickorykeule niedersausen.

  Die Barkasse legte an. „Wo warst du denn so lange?“ fragte Willy. „Ich dachte, du hast den Anleger längst klar gemacht!“

  „Warum denn so eilig?“ lachte Wacko und warf den Toten in die Elbe. „Wir haben doch die ganze Nacht Zeit!“

  Dem Vorarbeiter war kreidebleich geworden. „Ihr habt doch versprochen, Gewalt nur, wenn es unvermeidlich ist!“

  „War doch auch unvermeidlich, oder etwa nicht?“ grinste Ben der Bremser. „Wo ist denn der andere?“

  „Schwimmt auch schon“, antwortete Wacko. „War ebenfalls unvermeidlich.“

  Auch die zweite Barkasse machte fest. Willy verteilte die Männer und nahm einen Trupp mit zur Wachbaracke. Sie zogen die Tür auf, sprangen hinein und schlugen mit ihren Hickorystöcken zu. „Unvermeidlich!“ riefen sie dabei lachend. Horst und Fritz Lerre schauten entsetzt zu. Jetzt dämmerte ihnen, mit wem sie sich eingelassen hatten.

  „Wo sind die neuen Kugelspritzen?“ fragte Ben der Bremser.

  „In der Waffenkammer“, sagte der Vorarbeiter. „Hört mal, ihr solltet doch nicht...“

  „Halt’s Maul!“ sagte Wacko. „Wo ist diese Kammer?“

  „Dort!“ Horst Lerre zeigte auf einen Eingang. Einige Brookboys brachen die Tür auf und drangen in das Gebäude. Nach ein paar Minuten kamen die ersten wieder heraus. Jeder trug ein paar nagelneue Infanteriegewehre zu den Barkassen, andere schleppten Munitionskisten.

  Plötzlich peitschten Schüsse, und einer der Gangster brach getroffen zusammen.

  „Die Ablösung“, rief Horst Lerre. „Viel zu früh!“

  Die Brookboys gingen in Deckung. „Die haben Nerven, ballern in einer Munitionsfabrik einfach so herum!“ sagte Willy empört, griff sich eins der geraubten Gewehre, lud es, zielte kurz und schoss. Ein halb erstickter Schrei verriet, dass er getroffen hatte.

  „Wie viele von den Dingern haben wir?“ fragte Willy

  „Ungefähr achtzig“, antwortete Hein Cölln. „Und so’ne große Kanone.“

  „Kanone?“ freute sich Wacko. „Die ist für mich.“

  „Wo ist die Pulverkammer?“ wollte Willy wissen.

  Der Vorarbeiter zeigte automatisch auf eine andere Ecke der Fabrik, bevor er begriff. „Ihr wollt doch nicht etwa alles hochgehen lassen?“

  „So lange die schießen, können wir nicht zu den Barkassen“, sagte Willy. „Und so ganz geräuschlos kommen wir jetzt sowieso nicht mehr raus. Also, Ben! Ich geb’ dir Feuerschutz!“ Er nahm fünf andere Gewehre, lud sie und legte sie zurecht.

  Ben war nicht nur ein Teufelskutscher, er konnte auch rennen wie ein Salamander. Er flitzte los, und Willy feuerte. Die Wachposten schossen trotzdem, und einige Male sausten Kugeln und Querschläger knapp an Ben vorbei. Er schaffte es aber, stieß mit fliegenden Fingern einen Dietrich ins Schloss, fummelte es auf, verschwand ins Innere und rollte gleich darauf ein Fass in die Tür. Willy gab wieder Feuerschutz, und Ben machte sich auf dem Rückweg.

  „Verflucht!“ murmelte Horst Lerre. „Sie haben uns gesehen. Jetzt kann ich nicht mehr in die Fabrik zurück.“

  „Sollst du auch gar nicht“, sagte Wacko und stieß ihm sein Messer in den Rücken.

  „Ihr Schweine!“ schrie der jüngere Bruder in Wut und Todesangst und wollte fliehen, aber Willys Kugel streckte ihn nieder. „Verdammte Kommunistenbrut!“ sagte er dazu. „Die Roten konnte ich noch nie leiden.“

  „Dann lass uns jetzt man wieder nach Hause juckeln“, sagte Wacko. „So was macht immer durstig.“

  „Wirst’s schon noch erwarten können“, sagte Willy. „Das viele Saufen tut dir sowieso nicht gut, das verkleistert den Bregen.“ Er nahm das nächste Gewehr, schlug an und zog ganz ruhig durch. Die Kugel flog und traf das Fässchen. Das Pulver explodierte, die Pulverkammer ebenfalls, und dann flog die ganze Fabrik in die Luft.

  „Holla“, rief Wacko, wie die anderen an den Boden gepresst, während Steine und Metallteile über sie hinwegflogen. Ein Riesenblitz machte die Nacht zum Tag, immer weitere Explosionen folgten, dann brandeten Feuerwogen gegen die Hügel am Ufer der Elbe.

  „Weg hier!“ schrie Ben der Bremser und rannte zu den Barkassen, noch schneller als zuvor. Die Wachposten schossen nicht mehr. Willy brüllte Befehle, die Verletzten zu bergen, und nach den Gewehren wurden auch die Angeschossenen an Bord geschleppt. Zwei kamen nicht mehr lebend an. Ihre Leichen wurden nicht ins Wasser geworfen, sondern mitgenommen. Wacko kam mit der schweren Kanone angekeucht. Willy sprang als letzter an Deck.

  „Hoho!“ brüllte Wacko, als die Barkassen in die Strömung steuerten. „Denen haben wir es gezeigt!“

  „Ja“, sagte Ben der Bremser, „aber so ganz geräuschlos war das ja nun mal nicht.“

  Die brennende Waffen- und Munitionsfabrik hinter ihnen erleuchtete den Himmel bis zum Horizont. Die Elbe sah wie ein Strom flüssiger Lava aus. In Geesthacht rannten die Menschen auf die Straße. Ein paar Minuten später rasten hinter wiehernden Pferden die ersten Feuerwehren aus der Stadt. Da der Wind aus Osten kam, bestand die Gefahr, dass das Feuer auch auf Alfred Nobels Dynamitparadies übergriff, und diese Explosion hätte vermutlich ganz Geesthacht in Schutt und Asche gelegt. Die Retter kamen aber noch eben rechtzeitig, und eine quer durch das Industriegebiet gesprengte Schneise hielt die Flammenwalze auf.

  Als die Feuerwehrleute den Brand nach zwei Stunden endlich niedergekämpft hatten, ging schon die Sonne auf, und die Brookboys feierten im Kaiserspeicher längst ihren Erfolg. Die Stimmung stieg noch, als Willy feststellte, dass die vermeintliche Kanone eine Art Maschinengewehr war, zwar noch kein richtiges modernes, sondern ein Nachbau der Gatling Gun aus dem amerikanischen Sezessionskrieg, aber bereits mit dem brandneuen Bruce-Ladesystem, wie Willy sofort bemerkte.

  „Vierhundert Schuss pro Minute“ sagte er begeistert. „Mit diesen Dingern halten wir auch die verdammten Pickelhauben auf.“

  „Jack hat den Petroleumhafen in die Luft gejagt, und du die Pulverstadt“, lachte Ben. „Ich weiß wirklich nicht, was geräuschloser war. Jack ist König auf dem Brook, aber du bist der Kronprinz!“

  „Lass ihn das nur nicht hören“, sagte Willy, konnte aber nicht verbergen, dass ihm der Vergleich gefiel.

  „Besser nichts tun, als zu viel Ruhm erwerben / Durch tapfre Tat, wenn unsre Obern fern“, sagt der kluge Unterfeldherr Ventidius in „Antonius und Cleopatra“. Hätte Jack gewusst, was Willy und Wacko anrichten würden, hätte er das Kommando über diesen Raubzug ganz bestimmt selbst übernommen, und dann wäre die Sache sicher geräuschärmer abgelaufen. So aber lag der große Boss seelenruhig in seiner Kolossalkoje unter dem schwarzen Baldachin und schlief, wenn er denn dazu kam, er hatte wohl wieder eine seiner Jungladys an Bord; jedenfalls hat Jahrzehnte später eine da schon längst verwitwete Dame erlesener hanseatischer Herkunft mehr als nur zart angedeutet, mit dem Herrn des Hamburger Hades in jenen turbulenten Tagen auf Hautfühlung gestanden zu haben, ich hab’s selbst gehört.

 

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