Schutzpatron des Internets

Donnerstag, 21. Februar 2013

Das Wort zum Freitag

Die katholische Kirche feiert heute das Gedächtnis des hl. Petrus Damiani (um 1006-1072), von dem besonders ungewöhnliche Geschichten überliefert sind. In einer seiner Schriften gibt er den Rat: „Ich kenne einen Bruder in Christo, der ist sozusagen stets reisefertig. Überkommt ihn eine Versuchung zur Sinnlichkeit, so sagt er zu seiner Seele: Komm, wir wollen spazieren gehen. Sofort durchwandert er im Geist alle Grabstätten und Friedhöfe. Während er überdenkt, daß alles Fleisch, das dort verwest, einst frisch und blühend war, so zweifelt er nicht, daß auch sein Leib bald sein wird, was jene schon sind. Es macht also kurzen Prozess mit der Lust, wer sein Auge auf Moder richtet. Wo sie ein Grab vorfindet, läßt sich die Lust nicht nieder“ - typische sexualfeindliche Moralität des Mittelalters. In einem Brief an seinen Freund Hildebrand, den späteren Papst Gregor VII. wiederum berichtet Petrus Damiani, er habe auf einer Deutschlandreise einen Bischof besucht, der sich Sorgen machte, „was er mir schicklicherweise vorsetzen könnte“. Während der Kirchenmann nervös darüber nachdenkt, ziehen Kraniche über Gast und Gastgeber hinweg, und der Bischof ruft: „O Herr! Einen von diesen Kranich wirf zu uns herab!“ Tatsächlich landet der große Vogel zu Füßen des Betenden und im Kochtopf - lehrreiche Legende auch über die Speisesitten des Mittelalters. (Der Kranich wird schon in der Steinzeit gejagt, ist in römischer Zeit ein Fünftel größer als heute, und Horaz rühmt ihn als „angenehme Beute“, hätte er doch nur nicht so viele Sehnen. Heute wird er auf Märkten in Afrika und Indien verkauft.) Petrus Damiani kommt in Ravenna als jüngster Sohn armer Tagelöhner zur Welt, verliert früh die Eltern und wächst bei einem sehr viel älteren Bruder auf, der den Kleinen schwer arbeiten lässt und übel misshandelt. „Da erschien es Petrus wie eine wunderbare Befreiung, als ihn sein anderer Bruder Damianus, der als Priester eine Anstellung hatte, ihn zu sich nahm“, berichten Erna und Hans Melcher in ihrem „Großen Buch der Heiligen“. „Dieser erkannte bald die Begabung des Knaben und ließ ihn auf seine Kosten studieren. Petrus vergaß nie, was Damianus ihm Gutes getan hatte, und nannte sich aus Dankbarkeit Petrus Damiani.“ Bald ist der junge Mann Professor und kann eine eigene Schule gründen, die viel Zulauf findet. Doch kaum zu Wohlstand gekommen, zieht er sich in ein Eremitenkloster in Umbrien zurück. Papst Stefan IX. macht den frommen Einsiedler gegen dessen Willen zum Kardinalbischof von Ostia und stellt ihn an die Spitze einer kirchlichen Reformbewegung. In feurigen Predigten tritt der begabte Redner nun überall für die Rechte und Reinheit der Kirche ein. Seine wichtigsten Schriften sind der „Liber gratissimus“ gegen die Simonie und der „Liber Gomorrhianus“ gegen die Laster des  Klerus. 1069 reist er nach Mainz, um Heinrich IV. zum Verzicht auf die geplante Scheidung überreden, eine echt mittelalterliche Burleske: Der Kaiser, schon als Sechsjähriger mit der um ein Jahr jüngeren Bertha von Turin verlobt, hat die Prinzessin mit 16 geheiratet und mit 19 so satt, dass er seinen Kumpan anstiftet, sie ehebrecherisch zu verführen. Doch Bertha durchschaut das Komplott und walkt den Ehemann mit einem Stuhlbein so tüchtig durch, dass er einen Monat lang das Bett hüten muss. Der Vorfall bekräftigt Petrus Damianis Argumente, und der junge Kaiser verzichtet auf die Scheidung. Bertha schenkt ihm fünf Kinder, harrt mit ihm beim Gang nach Canossa in klirrender Kälte aus und wird 1084 nach fast 20 Jahren in Rom zur Kaiserin gekrönt. Petrus Damiani versöhnt noch viele andere Streitende, manchmal ganze Städte. Die letzten Lebensjahre verbringt er wieder in der Stille einer Klosterzelle. Gleich nach seinem Tode wird er als Heiliger verehrt, und 1828 erhebt Papst Leo XII. ihn zum Kirchenlehrer.

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Wilfried Stroh in „Latein ist tot, es lebe Latein!“ über Isidor, Bischof von Sevilla, der noch am Anfang des siebten Jahrhunderts seine Etymologie, ein gelehrtes Konversationslexikon schreibt, in dem das gesamte Wissen des klassischen Altertums gespeichert ist: „Dafür hat man ihn übrigens 2001 offiziell zum Schutzpatron des Internets gemacht.“ Isidor (um 560-636) wird Nachfolger seines Bruders als Bischof der andalusischen Metropole, kompiliert in seinen „Etymologiarum sive originum libri XX“ das im Westen des Mittelmeerraums um 600 noch vorhandene Wissen der Antike und prägt damit das Geistesleben Europas bis in die Neuzeit hinein. Stroh meldet das Patronat über das Internet etwas voreilig, denn der Vatikan es noch nicht bestätigt, aber vielleicht nimmt sich der neue Papst des populären Vorschlags an.  

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Frank Thiess, „Das Reich der Dämonen“: „Weder Jesus noch Sokrates haben jemals die herrschende Religion bekämpft, sondern streng auf Einhaltung der Gebote geachtet.“ – „Sokrates wie Jesus wurden zu Enthüllern ungeahnter seelischer Möglichkeiten und lösten, weil sie den Tod freiwillig auf sich nahmen, eine Weltbewegung von unvorstellbarer Größe aus.“ – „Christi Auftreten erzeugte eine neue Religion, der die Gründung der Kirche auf dem Fuß folgte. Sokrates‘ Erziehungswerk leitete ein neues Denken ein und wurde zum Ursprung der gesamten abendländischen Forschung bis in unsere Tage.“ - „Wir befinden uns heute in einem Zeitalter, in dem der Sinn für Tradition und Herkommen, Sitte und Überlieferung nahezu erloschen ist.“ - „Alle großen Weisen haben erkannt, daß es falsch ist, zu viel zu sagen, und alles darauf ankommt, den Schüler nur bis zu dem Punkt zu führen, wo er, einmal zum Fragen und Forschen angeregt, selbst die notwendigen Schlüsse zu ziehen vermag.“ - „Sokrates stellt die merkwürdige Behauptung auf, daß Tapferkeit und Weisheit im Grunde ein und dasselbe und die Tugenden der Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Besonnenheit, Selbstbeherrschung auf eine Urtugend (Platon nennt sie Idee) zurückzuführen seien, in der sie alle beschlossen lägen.“ - „Wie alle großen Weisen hat Sokrates auf die Errichtung eines lückenlosen Systems verzichtet und nur den rechten Weg erschlossen, auf dem dann das abendländische Denken und Forschen weitergeschritten ist.“ – „…sogar die katholische Kirche mußte, wann immer sie es für nötig hielt, das sittliche Leben nach christlichen Grundsätzen zu formen, sich dazu der Philosophie bedienen. Folgerichtig hat sie denn auch Sokrates als den einzigen Heiden der antiken Welt von der Verdammnis freigesprochen, ja sogar die Frage seiner Seligsprechung erörtert.“ - „Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß nur richtiges Verstehen für die Verbreitung einer Lehre die notwendige Voraussetzung ist. Eher könnte man das Gegenteil behaupten. Christi Jünger haben ihn mit großer Wahrscheinlichkeit nicht verstanden, gleiches gilt von Buddha. Kung Fu-Tse war oft verzweifelt über die törichten Fragen seiner Schüler, und nachdem Lao Tse seinen Taoteking verfaßt hatte, verschwand er auf Nimmerwiedersehen; wahrscheinlich fürchtete er sich vor der unüberwindlichen Dummheit seiner Ausdeuter.“

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Die erste Sünde ist die Sünde am Baum der Erkenntnis, die zweite die Sünde am Kreuz, als der Mensch seinen Erlöser nicht erkennt. Der Verstand bleibt an der Grenze der Erkenntnis stehen, der Glaube kennt sie gar nicht.

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Schuberts Streichquintett C-Dur zeigt das Leben als Fluß, der zu Gott strömt, also zu seiner Quelle zurückkehrt, wobei er Klippen überwindet, sich durch Schluchten gräbt und in zahllosen Windungen immer wieder verliert. Der 2.Satz träumt über Welt und Weh dahin, als süßes Schwelgen der Musik, die uns in Gottes Nähe hebt. Rhythmus und Takt gehören der Welt, doch die Melodie dem Himmel allein. Im dritten Satz greift die Gnade ein, fasst liebevoll an das zitternde Menschenherz und erfüllt es mit der tiefen Ruhe des Glaubens.

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Gracián: "Den Götzen macht nicht der Vergolder, sondern der Anbeter."

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Am Sonntag feiert die Kirche den Gedenktag des Apostels Matthias. Er wird wohl 30 n.Chr. durch das Los zum Nachfolger des Verräters Judas bestimmt, predigt zuerst in Judäa, dann in Äthiopien und wird nach der Legende dort mit einem Beil erschlagen. Die hl. Helena, die Mutter Kaiser Konstantins des Großen, lässt die Gebeine des Apostels nach Trier überführen, damals eine der vier Hauptstadt des Imperiums. Dort ruhen sie in der Benediktinerabtei St. Matthias im einzigen Apostelgrab nördlich der Alpen. Jedes Jahr kommen 5000 Pilger dorthin, aus manchen rheinischen Pfarreien wallfahren Matthias-Bruderschaften schon seit acht Jahrhunderten an die Mosel. „Sie suchen Gott, Glaubenserfahrung und Gemeinschaft“, weiß Benediktiner-Pater Markus. „Seit einiger Zeit steigt ihre Zahl an, und es sind auch immer mehr Jugendliche dabei, oft auch Kinder von zehn oder elf Jahren.“ Nach der Legende heilte der Apostel 250 Blinde durch Handauflegen. Heute hoffen die Matthias-Pilger auch auf Hilfe gegen Arbeitslosigkeit, Geldprobleme oder Zerrüttung der Ehe. Die meisten Wallfahrer aber stellen sich Fragen, die lange vom Leben verdeckt waren. „Sie wollen wissen: Wo stehe ich? Wo führt das Leben mich hin? Was trägt mich?“, sagt Pilgerpater Hubert Wachendorf. „Viele hatten mit der Kirche Jahrzehnte lang nichts zu tun, und durch die Wallfahrt zu Fuß bekommt ihr Leben plötzlich eine neue spirituelle Dimension: da wird in ihnen buchstäblich etwas losgetreten.“

 

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