Kapitel 65: Die Verhaftung

Samstag, 23. Februar 2013
„Am Deichtor legten sie an“: Am Stadtdeich 1886 © Museum für Hamburgische Geschichte

Feuer brannte auch auf Finkenwerder, aber nur im Schlund der trinkfrohen Freunde, die sich den Ridderkerkschen Geneverbeständen bis zum Morgengrauen mit nicht nachlassendem Eifer widmeten. Irgendwann zog Kowalski Onkel Johnny zur Seite und sagte: „Wie stehst du eigentlich zu Augustus?“

  „Guter Junge“, sagte mein Onkel.

  „Ja, schon – aber glaubst du, du kannst mit ihm über alles reden?“

  „Nein, so gut kenne ich ihn auch wieder nicht. Was gibt’s denn?“

  Statt einer Antwort zog der Pole einen Brief aus der Tasche. Er war an Augustus adressiert und stammte von Agnes.

  „Wer ist denn Edgar?“, fragte Onkel Johnny, als er gelesen hatte.

  „Auch guter Junge“, sagte Kowalski. „Bei uns zu Hause. Beamter. Bei der Eisenbahn. Agnes liebt ihn und will jetzt schnell zu ihm.“

  „Schade. Für Augustus, meine ich. Für deine Schwester aber auch. Der Junge ist ja ganz verrückt nach ihr, würde sie ganz bestimmt heiraten, das sieht’n Blinder. Eine bessere Partie kann die Kleine nicht machen.“

  „Sie ist zu klein, um mit einem großen Mann glücklich zu werden“, sagte Kowalski. „Sie liebt Edward. Basta.“ Er merkte selbst, wie gefühllos das klang, und fügte hinzu: „Verfluchte Peronje! Welches verliebte Mädchen hört auf einen Rat, der nicht aus dem eigenen Herzen kommt?“

  „Tja, so ist das wohl.“

  „Meine Leute wollen gleich morgen abreisen“, sagte Kowalski.

  „Und du?“

  „Ich? Ich bleibe natürlich bei dir. Du hast mir geholfen, jetzt helfe ich dir. Ist Ehre.“

  „Hast du dir das auch gut überlegt? Du bist desertiert. Wenn sie dich erwischen, sperren sie dich ein paar Jahre ein. Wenn sie dich nicht gleich totschießen.“

  „Totschießen nur im Krieg“, sagte Kowalski.

  „Ja, aber einsperren auch im Frieden.“

  „Ich bin Polle“, sagte Kowalski. „Willst du mit Polle über Ehre streiten?“

  „Und was soll ich jetzt machen? Augustus den Brief übergeben?“

  „Ja, das auch“, sagte Kowalski. „Aber da ist noch was. Ich möchte meine Leute nicht allein zum Bahnhof gehen lassen. Zuviel Ganoven. Aber ich kann sie nicht begleiten. Zuviel Polizei.“

  „Ich auch nicht. Aber ich rede mit Ridder, der bringt sie mit der Barkasse hin.“

  „Danke.“

  „Schon gut. Bedank’ dich bei Ridder. Wann geht der Zug?“

  „Um zwölf.“ 

Am nächsten Vormittag setzte der Veermaster Walter und den Gecko in Neumühlen ab und steuerte dann in den Binnenhafen. Am Deichtor legten sie an. Die Stars and Stripes wehten am Heck wie eine Verheißung von Freiheit und Glück.

  Kowalski nahm mit vielen Tränen und Küssen Abschied von Eltern und Schwester. Ridder und zwei amerikanische Seeleute luden das Gepäck in eine Kutsche. Der Veermaster stieg mit ein und warf einen prüfenden Blick in die Runde. Überall zogen Menschen durch schmale Täler zwischen schroffen Gebirgen aus Ballen, Säcken, Kisten und Kästen, luden die Last der Welt auf die Karren oder schleppten sie auf krummen Buckeln in die Speicher, in ihrem Gewimmel geheimnisvoll geordnet wie Ameisen, nur nicht so lautlos, überall dröhnte die Luft von einer vieltönigen Symphonie der Schreie, Flüche, Warnungen, Befehle und Beschwerden. 

  „Bleibt man schön stille an Bord, hier kann euch keiner was“, sagte Ridder vom Kai und deutete stolz auf die Flagge seines neuen Heimatlandes. Der Kutscher schlug die Zügel, und die Droschke rollte los.

  Onkel Johnny und Kowalski hockten sich am Bug der Barkasse auf eine Bank und schauten dem arbeitsamen Treiben zu.

  „Puh, wie das hier stinkt!“ sagte der Pole.

  „Das ist Hafenduft“, erklärte mein Onkel.

  „Riecht wie Abtritt!“ beharrte Kowalski.

  „Ist ja auch einer“, lachte Onkel Johnny.

  Plötzlich übertönten laute Hilferufe das Rasseln der Karren, Kreischen von Kränen, Surren der Winden, Zetern der Möwen und Schimpfen der Schauerleute, und hinter einem besonders hohen Stapel von Ballen und Kisten rannte eine hübsche junge Frau auf den Kai, verfolgt von einem vierschrötigen Kerl, der wütende Drohungen ausstieß: „Du faule Zibbe, ich schlag dich tot!“ Nach ein paar Metern hatte er sie eingeholt und zu Boden geworfen. Brutal setzte er sich auf sie und traktierte sie mit Hieben. Das Mädchen schrie gellend um Hilfe, aber die wackeren Arbeitsmänner schauten der Szene unschlüssig zu. Es kam dauernd vor, dass so ein Kerl sein Mädel verdrosch, und selbst wenn es gelang, den Übeltäter zu vertreiben, war doch klar, dass er seinem Opfer dann irgendwo auflauern würde, um ungestört weiterzuprügeln. Onkel Johnny wusste das natürlich auch, aber er konnte bei so was nie untätig zuschauen, also sprang er auf den Kai und riss den Mann von seinem Opfer weg. Im gleichen Moment kamen drei Constabler hinter den Kisten hervor. Sie stürzten sich aber nicht auf den Schläger, sondern auf den Retter.

  „Du bist festgenommen“, sagte der eine.

  „Ihr habt den Falschen“, klärte Johnny sie auf. „Ich bin der Gute, der da ist der Böse!“

  Der Bursche rappelte sich mühsam wieder auf. „Lüge!“ sagte er. „Wir sind hier nur mal eben spazieren gegangen, da haut mir dieser Kerl aus heiterem Himmel was in die Schnauze und fällt über mein Mädel her. Ich erstatte Anzeige!“

  „Genau so war’s!“ behauptete die Gerettete.

  Da roch Onkel Johnny den Braten, ging kurz in die Hocke, setzte einen Hüftschwung an, und im nächsten Moment kullerten die drei Constabler in alle Richtungen wie Kegel über das Pflaster. Dafür kamen jetzt aber noch sechs andere hinter den Kisten hervor. Da hielt es auch Kowalski nicht mehr in der Sicherheit der Barkasse, er jumpte ebenfalls auf den Kai, und es begann eine heftige Prügelei, die alsbald ein Schuss beendete.

  Zwischen den Kisten kam Möller hervor, das frisch von der Armee empfangene Gewehr im Arm. „Keine Bewegung, sonst knalle ich euch ab“, drohte er.

    Die Constabler legten Onkel Johnny und Kowalski Handschellen an. Aus der Lemkentwiete rumpelte ein Gefangenenwagen heran.

  „Ihr seid verhaftet“, sagte Möller. „Einsteigen!“

  Als die Überrumpelten nicht reagierten, griffen die anderen Constabler zu und schoben sie in Bulldogs Kinderwagen. Möller schloss die Gittertür, setzte sich auf den Kutschbock und ließ die Peitsche knallen. Der Karren setzte sich in Bewegung, und die anderen Constabler blieben zurück.

 Ein paar hundert Meter weiter, in einem stillen Winkel am Reichenstraßenfleet, hielt Möller an, kletterte vom Kutschbock, schloss die Tür auf und sagte: „Da bin ich ja man gerade noch rechtzeitig gekommen. Schönen Gruß von Jack, ihr könnt jetzt abhauen. Die Handschellen werdet ihr auf dem Brook leicht los.“

  Kowalski wollte gleich aussteigen, aber Johnny hielt ihn zurück. „Wenn du uns abknallen willst, musst du das schon in der Karre tun“, sagte er zu Möller.

  „Wie ihr wollt“, sagte Constabler und näherte sich der Tür, das Gewehr im Anschlag.

  „Was geht hier vor?“ rief eine energische Stimme.

  Möller fuhr herum. Hinter ihm stand eine Kutsche, und neben ihr Constabler Godfroy, ebenfalls mit einem nagelneuen Gewehr im Arm.

  „Ich hab’ hier den Polizistenmörder Mott und den Deserteur Kowalski“, erklärte  Möller, „die werden eingelocht.“

  „Und ich habe hier eine Anweisung des Ersten Polizeiherrn, dass mir die Gefangenen unverzüglich zu übergeben sind“, sagte Godfroy und präsentierte Möller das Papier.

  „Das könnte Ihnen so passen!“ sagte Möller wütend. „Ich hab’ die Kerls erwischt, und ich bringe sie auch in den Knast!“

  „Das werden Sie nicht tun“, sagte Godfroy. „Und nehmen Sie endlich das Gewehr herunter!“

  „Das sind gefährliche Mörder und Deserteure!“ schnaubte Möller.

  „Haben Sie Angst? Übergeben Sie mir die Gefangenen, und zwar alle beide. Sofort!“

  „In Ihrem Wisch ist nur von Mott die Rede!“ sagte Möller wütend.

  „Das klären wir ja im Palais“, sagte Godfroy.

  „Sehr gern!“ schrie Möller, dem nun so schnell nichts anderes einfallen wollte.

  „Kommen Sie heraus“, sagte Godfroy in die Kutsche und behielt Möller dabei im Auge.

  Onkel Johnny steckte den Kopf aus der Tür. Als er Godfroy erkannte, winkte er Kowalski.

  „Setzen Sie sich in meine Kutsche und verhalten Sie sich ruhig“, befahl Godfroy. „Wenn Sie zu fliehen versuchen, schieße ich.“

  „Das ist anzunehmen“, sagte Onkel Johnny.

  „Fahren Sie hinter mir her“, sagte Godfroy zu Möller, lenkte seine Kutsche an dem Gefangenenwagen vorbei und fuhr über den Großen Burstah zum Goertz-Palais. Onkel Johnny spannte die ganze Zeit auf eine Fluchtmöglichkeit, aber vor zwei Gewehren war jeder Versuch Selbstmord.

  Die beiden Constabler brachten die Gefangenen in Bulldogs Büro. Sie mussten ein paar Minuten warten, denn der Erste Polizeiherr hatte gerade Besuch: Professor Minkus war erschienen, um sich über die Schließung der Ausgrabungsstätte zu beschweren. Er hatte fast den gesamten Montagnachmittag in der Baudeputation verbracht, ohne etwas zu erreichen, dabei aber immerhin herausgefunden, dass der neue Grundstückseigentümer Jacob Christopher Averdar heiße.

  „Der Konsul?“ rief Bulldog erstaunt.

  „Ach, der Mann ist Konsul?“

  „Allerdings, lieber Freund, und was für einer!“ Er skizzierte die Persönlichkeit des Großspekulanten in präzisen Begriffen.

  „Ich werde mit allen Mitteln gegen diese Willkürmaßnahme vorgehen“, sagte Minkus kampfeslustig. „Können Sie mir dabei helfen?“

  „Ich denke schon“, sagte Bulldog. Es werde aber ein paar Tage dauern. Die Lage in der Stadt mache diese Angelegenheit leider zu einer Nebensache.

  Der Senat werde eine solche Ungerechtigkeit nicht dulden, sagte der Professor hoffnungsvoll. Er wisse, dass Bulldogs schöne Stadt seine Landsleute stets fair behandele.

  Das werde sich auch nicht ändern, erwiderte Bulldog. Er müsse dem Freund aber sagen, dass der Senat im Augenblick andere Sorgen habe. Es sei sicher zu früh, bereits von Bürgerkrieg zu sprechen, aber es mehrten sich äußerst bedrohliche Anzeichen.

  „Sie meinen, auf dem Brook?“ fragte Minkus.

  Bulldog nickte. „Einige Mitglieder des Senats sind der Meinung, dass wir dieser Gefahr mit polizeilichen Mitteln allein nicht mehr ausreichend Rechnung tragen können, und deshalb die Armee…“

  In diesem Augenblick ließen sich Godfroy und Möller mit ihren Gefangenen melden.

  „Sollen warten!“

  „Sie haben den Mann, der den Constabler umgebracht hat.“

  „Sollen warten!“ Bulldog wandte sich wieder seinem Studienfreund zu. „…dass deshalb die Armee in Alarmbereitschaft versetzen werden soll. Womöglich werden also hier bald Preußen patrouillieren. Lassen Sie Ihre Ausgrabungen ruhen, bis ich die Angelegenheit für Sie geregelt habe. In der Zwischenzeit könnten Sie sich ja wieder mit Mythogenese beschäftigen. Einer Ihrer Helden steht jetzt draußen.“

  „Und wer ist das?“

  „Der Mann heißt Johannes Mott und wird Kehrwieder-Johnny genannt. Soll hier vor zwanzig Jahren einen Constabler ermordet haben. Höchstwahrscheinlich war er es aber gar nicht. Trotzdem ist er damals geflohen und erst vor einigen Tagen aus China zurückgekehrt. Wenn ich nicht irre, ist er der Gegenspieler des Bandenchefs auf dem Brook, Johannes Lendt, genannt Jack, der diesen Bandenkrieg angezettelt hat. Wir sahen ihn, als er an der Holländischen Reihe einen Zweikampf bestritt.“

  „Ich erinnere mich“, sagte Minkus höchst angetan. „Ein Einzelkampf zweier echter Anführer, wie in der Ilias.“

  „Bleiben Sie also und hören Sie zu“, schlug Bulldog vor.

  „Mit dem allergrößten Vergnügen.“

  Die beiden Beamten und ihre Gefangenen traten ein. Der Erste Polizeiherr hörte sich die Version des korrupten Constablers in großer Gelassenheit an: Mit jüngeren Kollegen unterwegs, um die besonderen Sicherheitsprobleme im Hafen aufzuzeigen. Gefängniskarre zufällig dabei, um Häftlinge aus der Wache am Brooktor zu holen. Bereits im Nachbarrevier plötzlich Zeuge eines brutalen Überfalls geworden. Dabei gemerkt, dass Täter steckbrieflich gesucht. Festnahme samt eines Helfers, der sich als gleichfalls gesuchter Deserteur entpuppte, feine Gesellschaft das! Beide Verbrecher in Gefängniskarre gesteckt mit der Absicht, sie wegen der vermuteten Bedeutung des Falles sofort zum Herrn Ersten Polizeiherrn zu transportieren. Unterwegs bemerkt, dass die Verhafteten versuchten, die Tür aufzubrechen. Sofort angehalten, um sie zu verwarnen. Da sei plötzlich Godfroy aufgetaucht und habe auf sehr unhöfliche Weise die sofortige Übergabe der Gefangenen gefordert. Er hoffe doch sehr, dass seine Verdienste um die Festnahme der Übeltäter nun nicht ganz ungewürdigt blieben! Er habe das Opfer des Polizistenmörders Mott noch persönlich gekannt. Constabler Flint sei auf dem Brook sein Vorgesetzter gewesen, vielleicht habe er deshalb den Gefangenen gegenüber einen etwas rauen Ton angeschlagen, das möge man ihm nicht übel nehmen. Der Tipp, dass der Gesuchte sich häufig am Binnenhafen herumtreibe, sei übrigens von Konsul Averdar gekommen, der deshalb die Belohnung verdiene.

  Als der korrupte Constabler zu Ende gelogen hatte, sagte Bulldog: „Ich erwarte noch heute Ihren detaillierten schriftlichen Bericht.“

  „Jawohl, Sir!“

  „Abtreten!“

  „Jawohl, Sir!“

  Als Möller die Tür hinter sich geschlossen hatte, sagte Onkel Johnny: „Der Constabler wollte uns umbringen.“

  „Sackerment, Sie reden nur, wenn Sie gefragt werden!“ rief Bulldog.

  „Dann fragen Sie was“, versetzte mein Onkel unerschrocken.

  „Das werde ich. Bis dahin halten Sie gefälligst den Mund. Herr Constabler, Ihre Meldung!“

  Godfroy berichtete in kurzen Worten, was sich wirklich zugetragen hatte: Er hatte Möller befehlsgemäß beobachtet und gleich Verdacht geschöpft, als er ihn vormittags am Dovenfleet mit einem ziemlich zwielichtigen Pärchen reden sah. Später sei Möller mit neun Constablern seiner Wache aufgetaucht, obwohl die Nordseite des Binnenhafens gar nicht zu seinem Revier gehörte. Es folgten das Prügeltheater, die Festnahme und der Abtransport. „Sie hatten mich ja vorgewarnt, Herr Erster Polizeiherr“, schloss Godfroy. „Deshalb war mir auch gleich klar, was es bedeuten konnte, dass Constabler Möller den Kinderwagen plötzlich anhielt. Die Gefängniskutsche, meine ich natürlich.“

  „Jetzt kommt die erste der von Ihnen gewünschten Fragen, Herr Mott“, sagte Bulldog zu meinem Onkel. „Haben Sie Constabler Flint umgebracht?“

  „Nein.“

  „Können Sie Ihre Unschuld beweisen.“

  „Nein.“

  „Wissen Sie, wer es getan hat?“

  „Nein.“

  Bulldog kratzte sich den Backenbart, ging um sein Mahagonimonstrum herum und ließ sich in den Sessel fallen. „Ziemlich unergiebig, Ihr ständiges Nein.“

  „Stellen Sie andere Fragen, dann bekommen Sie andere Antworten.“

  „Wie reden Sie denn mit dem Ersten Polizeiherrn?“ fuhr Godfroy dazwischen.

  Bulldog winkte ab. „Lassen Sie, Constabler. Das ist mir lieber als das sonstige Lügen, Winseln und Bramabarsieren.“ Er überlegte kurz und warf einen raschen Seitenblick auf den Professor, dann fixierte er Onkel Johnny wieder mit seinen kohlschwarzen Augen und fragte: „Kennen Sie Constabler Möller?“

  „Den kennt auf dem Brook jeder.“

  „Ich meine, kennen Sie ihn persönlich?“

  „Nein.“

  „Wo hielten Sie sich auf dem Brook versteckt?“

  „Gar nicht.“

  „Sie fürchteten nicht, verhaftet zu werden?“ 

  „Nein.“

  „Und warum nicht?“

  „Möller macht, was Jack sagt, und Jack würde mich nie an die Polizei verraten.“

  „Wen meinen Sie mit Jack?“

  „Jack Lendt.“

  „Sprechen wir hier über Ganovenehre?“

  „Nennen Sie es, wie Sie wollen. Der Brook hat seine eigenen Gesetze.“

  „Jetzt hat Möller Sie dennoch hopp genommen.“

  „Nicht auf dem Brook.“

  „Aber doch wohl auf Geheiß Ihres ehemaligen Komplizen?“

  „Nein, denn dann hätte Möller ja nicht warten müssen, bis er mich außerhalb des Brooks erwischt.“

  Der Professor nickte zufrieden.

  „Auf dem Brook hat man wohl nicht gern mit der Polizei zu tun?“ fragte Bulldog.

  „Wundert Sie das, bei Leuten wie Möller?“

  „Aber Sie, Sie reden mit uns. Andere Verbrecher tun das nicht.“

  „Ich bin kein Verbrecher“, sagte Onkel Johnny. „Ich bin Soldat.“

  „Soldat?“ Bulldog und Minkus wechselten fragende Blicke. „Berichten Sie!“

  Onkel Johnny erzählte kurz von seinen Einsätzen in China.

  Bulldog schüttelte staunend das Oïlidenhaupt. „Gegen Seeräuber und Triaden, da könnte man ja fast sagen, dass wir Kollegen sind!“

  „Wenn Sie mir ein vernünftiges Angebot machen, trete ich vielleicht bei Ihnen ein.“

  „Das würde meine Position im Senat sicher stärken“, sagte Bulldog sarkastisch. „Jetzt aber wieder zur Sache. Woher konnte Constabler Möller wissen, dass Sie an diesem Tag am Deichtor anlegen würden?“

  „Keine Ahnung. Die Barkasse kennt auf dem Brook inzwischen jeder, und natürlich auch den Dampfer, zu dem sie gehört.“

  „Eigner?“

  „Klaas Ridderkerk. Er war früher auf dem Kehrwieder unser Freund.“

  „Und ist es heute nicht mehr?“

  „Teils, teils.“

  „Was genau heißt das?“

  Constabler Godfroy wunderte sich über die schier grenzenlose Geduld des gefürchteten Cholerikers, doch Bulldog wollte dem alten Studienkollegen kein billiges Schauspiel seiner Autorität, sondern Fakten liefern, und außerdem wurde ihm Onkel Johnny wohl so langsam sympathisch.

  „Mein Freund ist er immer noch“, sagte Onkel Johnny. „Jacks Freund ist er nicht mehr.“

  Bulldog nickte, Minkus ebenfalls. Ein Mythos in der Entstehung.

  „Also hat Möller in diesem Fall sozusagen eigenmächtig gehandelt?“ fragte Bulldog. „Jedenfalls nach dem Disziplinarrecht, wie es auf dem Brook gilt?“

  „Ich denke, er machte sein eigenes Spiel.“

  „Bedeutet das nicht einen Autoritätsverlust für Ihren alten Freund Lendt?“ setzte Bulldog nach.

  „Kommt darauf an, wie ernst Jack die Sache nimmt.“

  „Immerhin standen Sie unter seinem Schutz.“

  „So kann man das nicht sagen. Wir hatten eine Art Abkommen, dass wir einander in Ruhe lassen, bis alles geklärt ist.“

  „Was ist denn zu klären?“

  „Wie’s damals wirklich war.“

  „Und wie war es?“

  „Kann ich nicht sagen.“

  „Haben Sie wenigstens eine Vermutung, wer Constabler Flint umgebracht hat?“

  „Ja.“

  „Betrifft diese Vermutung Ihren ehemaligen Komplizen Jack Lendt? Nun reden Sie schon, es geht um Ihren Kopf!

  „Ich glaube nicht, dass es Jack war.“

  „Wer dann?“

  „Das versuche ich gerade herauszufinden.“

  „Und in welche Richtung gehen Ihre privaten Ermittlungen?“ fragte Bulldog.

  „Geben Sie mir eine Woche Zeit, und ich liefere Ihnen den Täter.“

  Godfroy stieß ein ungläubiges Schnauben aus.

  „Sie haben wohl zu viele Romane gelesen“, sagte Bulldog. „Wir sind hier in Hamburg, da gehen wir die Dinge etwas nüchterner an. Das bedeutet, dass Sie nunmehr dem Polizeirichter vorgeführt werden. Wenn Sie nichts zu Ihrer Entlastung vorbringen können, werden Sie anschließend in Untersuchungshaft genommen. Sie werden einen Anwalt zu Rate ziehen, sonst stellt Ihnen das Gericht einen Pflichtverteidiger. Haben Sie mich soweit verstanden?“

  „Was ist mit meinem Freund?“

  Bulldog richtete seinen Blick auf Kowalski. „Sie sind aus der Preußischen Armee desertiert?“

  „Jawoll!“ sagte der Pole.

  „Dann werden Sie den preußischen Militärbehörden überstellt.“ 

  „Er ist abgehauen, weil so ein Schweinehund seine Schwester verschleppt hat“, sagte Onkel Johnny.

  „Und welcher von Ihren zahlreichen Schweinehunden auf dem Brook ist das gewesen?“ fragte Bulldog.

  „Es war Ihr Schweinehund!“ erwiderte Onkel Johnny. „Ein Schweinehund in Uniform!“

  Die anderen starrten ihn staunend an.

  „Können Sie mir den Namen nennen?“ fragte Bulldog irritiert.

  „Eben war der Kerl noch hier!“

  „Was?“ rief Kowalski zornig. „Warum sagst du mir das nicht, ich hätte dem Hund den Hals umgedreht!“

  „Deswegen hab’ ich’s ja nicht gesagt“, antwortete Onkel Johnny.

  „Sie reden von Constabler Möller?“ vergewisserte sich Bulldog. „Erzählen Sie!“

  Onkel Johnny warf einen zweifelnden Blick auf Godfroy.

  „Keine Angst“, sagte Bulldog. „Der Constabler ist absolut vertrauenswürdig.“

  Als Onkel Johnny seine Erzählung über die arme kleine Agnes beendet hatte, sagte Bulldog: „So eine Sauerei habe ich überhaupt noch nicht gehört. Können Sie das auch beweisen?“

  „Es gibt einen Zeugen, der den Constabler im Siel gesehen hat.“

  „Namen, Adresse!“

  Mein Onkel schüttelte den Kopf. „Muss erst fragen, ob er einverstanden ist.“

  „Versuchen Sie nicht, mich hinters Licht zu führen!“

  „Warum sollte ich? Soweit ich das jetzt sehe, sind Sie wirklich der einzige, auf den man bauen kann, wenn’s auf dem, Brook losgeht.“

  „Was wissen Sie über diese Pläne?“ fragte Bulldog sofort.

  „Deutsche Halunken gegen ausländische Halunken, wie letztes Mal, nur noch schlimmer. Viel schlimmer. Ich hoffe, Sie können das verhindern.“

  „Verlassen Sie sich darauf. Aber Sie haben mir nicht alles gesagt.“

  „Was noch?“

  „Dass Sie bei dieser Schlacht einer der Anführer sein sollen.“

  „Wenn Sie das wissen, dann wissen Sie auch, dass ich niemandem verpflichtet bin.“

  „Und dass Sie bei dieser Gelegenheit mit Ihrem alten Komplizen Jack Lendt abrechnen wollen.“

  „Wenn ich das wirklich wollte, hätte ich wohl kaum mit Ihnen darüber gesprochen.“

  „Man sagt auch, Sie wären der einzige, der diese Schlacht verhindern kann.“

  „Ich glaube, dass nur Sie das können. Wenn überhaupt.“

  „Warum sollte ich das nicht können?“ fragte Bulldog.

  „Weil auf dem Brook der Freihafen gebaut werden soll.“

  „Das wissen Sie?“

  „Auf dem Brook weiß das jeder.“

  „Dann wissen die Leute dort mehr als der Senat“, sagte Bulldog. „Es gibt noch keinen Beschluss, weil es noch keine Zusage vom Reich gibt.“

  „Die wird schon kommen.“

  „Und was hat das mit meiner polizeilichen Arbeit zu tun?“

  „Den Spekulanten wird es angenehm sein, wenn dort möglichst rasch tabula rasa gemacht wird.“

  „Ich erhalte meine Aufgaben vom Senat, nicht vom Spekulantentum.“

  „Dann ist’s ja gut.“

  „Sie glauben wohl nicht daran?“ fragte Bulldog angriffslustig.

  „Wir werden ja sehen.“

  Der Erste Polizeiherr überlegte. Dann sagte er: „Ich glaube Ihnen, Mott. Ich glaube ich auch, dass Sie tatsächlich ermordet werden sollten, bevor Sie zu mir kamen. Constabler, führen Sie die Herren in ihre Zellen.“

  „Nun, lieber Minkus, habe ich Ihnen zu viel versprochen?“ fragte Bulldog dann.

  „Aber nein, lieber Ulzburg, das ist hochinteressantes Material. Verrat, Mord, Flucht, Rückkehr, Rache, vielleicht sogar noch ein Zweikampf der Haupthelden, fehlt nur noch die schöne Frau.“

  „Chapeau, lieber Minkus. Wie ich höre, ist Lendt mit so einer Schönheit verheiratet. Sie singt in seinem Nachtclub diese neumodischen verruchten Chansons. Und jetzt passen Sie auf: Vor ihrer Ehe war sie mit diesem Kehrwieder-Johnny liiert.“

  „Wahrhaftig?“ staunte Minkus.

  „Yes, Sir. Und die Amüsiermädchen am Hamburger Berg haben sogar schon ein Lied über die Sache gedichtet. Kein Heldenepos wie bei Homer, aber immerhin eine recht hübsche Ballade.“

  „Donnerwetter. Es dürfte in der Tat lohnend sein, sich mit diesem Mythos in progress zu beschäftigen. Gibt es schon Akten? Protokolle? Zeitungsartikel?“

  „Ich lasse Ihnen umgehend Abschriften zugehen.“

  „Äußerst liebenswürdig, Ulzburg. Darf ich Sie dafür zum Lunch einladen?“

  „Sehr gern.“

  In eine angeregte Unterhaltung vertieft, spazierten die Herren auf dem schon damals ziemlich mondänen Neuen Wall in den „Hamburger Hof“.

  Für Onkel Johnny braute sich bald leider Fatales zusammen. Constabler Möller hatte nicht gezögert, mit der Pferdebahn nach Altona zu fahren und dem Generalkommando des IX. Armeecorps die Festnahme eines Deserteurs und dessen Komplizen zu melden. Der Offizier vom Dienst schickte sofort eine Militärstreife los. Der preußische Feldwebel mit seinen fünf baumlangen Grenadieren hatte keine Mühe, den Wachhabenden im Goertz-Palais zu überzeugen, dass ihm die beiden Gefangenen sofort zu überstellen seien, zumal es für den Polizeibeamten nicht die Möglichkeit einer Rückfrage bei seinem Chef gab.

  „Was passiert denn jetzt mit den Kerls?“ erkundigte sich der Wachhabende.

  „Da  machen wir nicht viel Federlesens“, sagte der Feldwebel grimmig. „Die werden an die Wand gestellt. Bei unserem Kriegsgericht geht das zackzack!“

 

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