Hilfe, Papa ist ein Vielfraß!

Sonntag, 24. Februar 2013

Der mit dem Wolf tanzt: Der Bärenmarder hat Skier und Tränengas, aber auch die gemütlichste Kinderstube des Nordens.

 

Sibirien. Schnee fällt in dichten Flocken. Längst schon ist die Sonne hinter den Tannen der Taiga gesunken. Nacht bricht herein. In der Ferne heulen Wölfe. Niemand ist jetzt noch gern unterwegs.

Nur einer lässt sich weder von Winter noch Wetter erschüttern, sondern zieht unbeeindruckt und auch gar nicht leise seine Loipe durch die lebensfeindliche Landschaft. Er hat schon manche eisige Expedition zum kältesten Punkt der Erde durchgestanden - ohne Motorschlitten und Biwakzelt, Funkverbindung oder wenigstens Proviant.

Stattdessen jagt und klaut sich der patente Polarforscher seine Verpflegung unterwegs zusammen. Zur Pause rollt er sich einfach in die nächste Schneewehe. Und wenn er mit seinen Leuten Verbindung aufnehmen will, stößt er eine schaurige Erkennungsmelodie aus Keuchen und Knurren aus.

Denn der einsame Wanderer ist ein VIP, ein Vielfraß in Plünderlaune. Und dieser Mega-Marder ist der König der polaren Prärie. Denn er hat die Kräfte eines Bären, die Wildheit eines Wolfs und die Laune eines psychotischen Pitbulls.

Für seine Kinder aber ist er der bravste Papa der Welt. Denn sie sind es, für die er die langen Erkundungsmärsche auf sich nimmt. Zu ihnen schleppt er sich mit Extra-Portionen ab. Und für sie legte er sich sogar mit ganzen Wolfsrudeln an, wenn sie Bau oder Beute zu nahe kommen.

Dabei beginnt der wehrhafte Waldrekordler seine Laufbahn als eigenbrödlerischer Junggeselle, und wehe dem, der unerwünschterweise seine Fährte kreuzt! Doch im Mai wird der Rambo vom Revier plötzlich zum Familientier. Bis zu 100 Kilometer marschiert er Tag für Tag, um eine wilde Braut zu finden, die es wagt, sich mit dem Taiga-Trampel einzulassen.

Die Werbung ist kurz und direkt: ein Blick, ein Schnüffeln, ein Grunzen, fertig ist der Ehebund. Denn in der Einsamkeit des hohen Nordens ist die Auswahl nicht besonders groß! Nach der Hochzeitsnacht in kuscheliger Erdmulde gräbt das pelzige Paar sein Eigenheim, eine bis zu 50 Meter lange Souterrain-Wohnung mit mehreren Ausgängen. Neun Monate später ist dort die Höhle los: Drei kleine Spielfraße, 100 Gramm schwer und 13 Zentimeter lang, sorgen dafür, dass Mutti und Vati keine ruhige Minute mehr haben. Damit die nimmersatten Newcomer möglichst schnell den Pfad der Jugend verlassen, geht's gleich in die Schlemmer-Schule

Erste Lektion: Sei schlau, kau im Bau! Kleine Vielfraße werden erst sechs Wochen lang mit Muttis Milchshake abgefüllt. Erst dann gibt es was zu beißen: Vati kaut kleine Fleischhäppchen vor, später dürfen die Mini-Marder schon mal mit dem Essen spielen!

Zweite Lektion: Häng nicht rum, schau dich um! Nach drei Monaten sind die faulen Vielfresssäcke schon so groß wie ihre Alten. Höchste Zeit, dass sie auch mal aus der Grube fahren. Mutti  wetzt beim Querfelleinlauf voran, zeigt den Familienbesitz - und der ist bis zu 2000 Quadratkilometer groß!

Dritte Lektion: Springbrut. Die Pelz-Pummel sind zwar wie Rennwagen gebaut (vorne tief, hinten hoch), aber die kurzen Beine können besser bremsen als beschleunigen. Am schnellsten kommen sie mit vielen kleinen Hüpfern voran, und das muss geübt werden, denn sonst fallen sie auf die Vielfresse! Im Sommer holen sie keine müde Maus ein, aber winters im Schnee sind sie die Artisten der Pisten: Elastische Häute zwischen ihren Zehen funktionieren wie Skier, und damit schaffen sie jeden Elch-Test!

Vierte Lektion: Mit Ach und Krach! Da der Bärenmarder kein Leisetreter ist, muss er im Sommer unfreiwillig Diät halten: Monatelang gibt es nur Beeren, Pilze, Wurzeln, denn das Steak springt immer rechtzeitig aus der Pfanne. Im Winter aber wird die Wampe wieder dick, denn auf Schnee hängt den schneidigen Snowmaster so leicht keiner ab.

Fünfte Lektion: Mit Mut zum Fast-Food! Wird der Gierschlund mal so richtig vom Hunger gemardert, marschiert er einfach zur Konkurrenz in die kalte Küche: Mit Witz und Frechheit bringt er sogar Wölfe und Bären dazu, ihm ihr Menü zu überlassen!

Sechste Lektion: Immer gasfreundlich sein! Auch wenn er sich gegen Feinde mit Zähnen und Klauen gut behaupten kann, zuweilen sogar mit dem Wolf tanzt, setzt er manchmal eine Geheimwaffe ein: Wie sein Vetter, der Skunk, kann er mit Stinkdrüsen zielgenau in freche Schnauzen ballern.

Siebte Lektion: Sind sie nicht alleine, zieh Leine! Mit einzelnen Wölfen wird der Vielfraß jederzeit fertig, aber wenn ein ganzes Rudel aufkreuzt, wird ihm doch etwas mulmig. Dann kraxelt er kurz mal auf einen Baum - aus der Traum!

Achte Lektion: Der Brauch zum Bauch. Die rundlichen Raffzähne fühlen sich zwar vollgefressen am wohlsten, aber falls nötig, bringen sie sich mit einem raffinierten Trick ganz schnell wieder in Form: Sie quetschen sich zwischen ganz eng beieinanderstehenden Bäumen durch und massieren so den Magen.

Nach zwei Jahren zieht der junge Vielfraß in den weiten Wald hinaus und sucht sich eine eigene Immobilie, in der er nach weiteren vier Jahren eine eigene Familie gründet. Dann ist er selbst der große Zahnpano und bringt den jungen Hüpfern seine Survival-Tricks bei.

Mit 16 Jahren aber ist auch der munterste Marder des Taiga-Trampelns müde. Und eines Tages schüttelt er morgens nicht mehr den Schnee aus dem Pelz, sondern bleibt gemütlich liegen - den Leib im weißen Grab, die Seele aber schon auf dem Weg in eine noch verfressenere Welt.

 

Vielfraß-Poesie:

Der Vielfraß, heißt es, wird erzogen.

Des echten Name ist verbogen:

Fjälfräs, das ist Felsenkatze,

Ist, nach dem "Kluge", mehr am Platze.

Voraus man wieder deutlich sieht

Das "semper haeret aliquid".

Eugen Roth (1895-1976)

 

Kleine Räuber ganz groß                  

Marder sind die ursprünglichsten Landraubtiere und auf der ganzen Welt verbreitet. Es gibt 24 Gattungen mit zusammen 70 Arten. Der Vielfraß oder Järv gehört mit 87 cm Länge und 35 kg zu den stärksten Mitgliedern dieser großen Familie.

Riesenotter

Der Größte: 150 cm, Schwanz 70 cm, bis 24 kg. Fischt in fast allen großen Flüssen Südamerikas von Venezuela bis Argentinien, schneller und ausdauernder Schwimmer, wird sogar mit bösen Hunden fertig.

Pekan

Der Schlaueste: 90 cm, Schwanz 50 cm, bis 8 kg. Lebt in Nordamerikas Wäldern zwischen Labrador und Oregon, klaut Anglern die Fische aus den Fallen, überlistet sogar das wehrhafte Stachelschwein.

Dachs

Der Schläfrigste: 85 cm, Schwanz 20 cm, bis 20 kg. Gräbt seine Bauten

überall zwischen Portugal bis Japan, auch noch in 2000 m Höhe, großer Schädlings-Vertilger, überwintert in oft sieben Monate langer Faulzeit.

Ratel ("Honigdachs")

Der Mutigste: 70 cm, Schwanz 30 cm, 15 kg. Fürchtet weder Bienenstachel noch Schlangen- oder Hundezähne. Plündert Bienenstöcke von Marokko bis Indien, kann sogar Schildkrötenpanzer knacken.

Charsa ("Buntmarder")

Der Mobilste: 70 cm, Schwanz 45 cm, bis 15 kg. Pausenlos unterwegs, durchstreift alle Wälder von Sibirien bis Sumatra, läßt sich auch von Eis und Schnee nicht bremsen, schwimmt furchtlos durch reißende Ströme.

 

Klein und spitz mit viel Witz

Der Urahn aller Marder, Miacis, lebte vor rund 50 Millionen Jahren zu Beginn des Eozäns, als alle Erdteile von tropischen Urwäldern bedeckt waren. Sein Name setzt sich aus lateinischen Wörtern für "klein" und "spitz" zusammen, denn er besaß als erstes Säugetier ein richtiges Raubtier-Gebiss. Der geniale Kletterer war in schwankenden Baumwipfeln hinter Vögeln und Insekten her. Dass er schon fast so aussah wie ein heutiger Marder, zeigt, was für ein erfolgreiches Modell die Natur erfunden hatte: Fast ohne jede Veränderung passte es sich allen Klimaschwankungen und sonstigen Umweltveränderungen an.

 

Was wir vom Vielfraß lernen können

Friedfertigkeit: Beim Vielfraß gibt's nie Streit, Eltern und Kinder vertragen sich bestens, leben in höchster Harmonie.

Zivilcourage: Für seine Familie legt sich der Vielfraß ohne Bedenken auch mit den größten Raubtieren an, lässt sich nichts gefallen!

Disziplin: Ganz anders als sein Name denken lässt, achtet der Vielfraß auf einen ausgewogenen Speiseplan, damit er immer fit bleibt. Im Winter viel Fett, aber dafür im Sommer viel Pilze, Beeren, Kräuter.

Gleichberechtigung: Beim Vielfraß kümmern sich grundsätzlich beide Elternteile um die Kindererziehung. Kein Vater würde seine Familie im Stich lassen!

Freundlichkeit: Egal, ob Freunde oder Fremde - jeder Ankömmling wird mit fröhlichem Zirpen oder Trillern begrüßt.

Treue: Vielfraße bleiben zusammen, bis die Kinder aus dem Haus sind. Fremdgehen gibt's bei ihnen nicht.

Flexibilität: Obwohl Vielfraße ihr angestammtes Revier haben, dem sie auch treu bleiben, wechseln sie ohne weiteres die Wohnhöhle: Wird es zuhause zu eng, sind sie keineswegs zu bequem, sich gleich was neues zu suchen oder zu graben.

Fairness: Vielfraße setzen ihre wirkungsvollste Waffe, die Stinkdrüse, nur ein, wenn es gar nicht mehr anders geht. Vorher warnen sie aber den Gegner so oft, dass der es gar nicht übersehen kann. Zieht er trotzdem nicht Leine - Pech gehabt!

 

 

 

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