Der Pinguin liebt Eislawin‘

Donnerstag, 16. August 2012
Millionen Freunde: Adelie-Pinguine auf Paulet Island in der Antarktis. © Aah-Yeah/Wikimedia Commons

Die Watschelmänner sind nicht nur immer korrekt gekleidet (schwarzer Frack), sie haben auch moralisch immer eine weiße Weste - Pinguin-Ehen dauern lebenslänglich!

 

Der Winter dauert zehn Monate. Der Tag hat nur drei Stunden, in der restlichen Zeit ist es stockfinster und eisig kalt. Stürme fegen mit 200 km/h durch die Wüste aus Schnee, die Temperatur sinkt auf 85 Grad unter null - kaum zu glauben, dass in dieser unwirtlichen Welt überhaupt Leben existieren kann! Doch in der weißen Hölle der Antarktis ist nicht nur tierisch viel Action, sondern die Hauptfiguren können sich auch keinen schöneren Platz vorstellen: Futter ohne Ende, keine Feinde und Millionen Freunde - der Pinguin ist der King in der Pol Position. Und so wie Rennfahrer beim Start am liebsten von der Spitze starten, steht auch für Pinguin-Eltern der Nachwuchs grundsätzlich in der ersten Reihe: Kein anderes Tier in diesen Breiten zieht seine Jungen mit so viel Liebe, Ausdauer und Cleverness auf.

Vorher kommt aber nach altem Brauch erst mal die Vogelhochzeit. Die Watschelmänner sind nicht nur immer korrekt gekleidet (schwarzer Frack), sie haben auch moralisch immer eine weiße Weste - Pinguin-Ehen dauern lebenslänglich, und die Partner halten zusammen wie Bonnie & Clyde. Nur im kurzen Sommer ziehen sie getrennt auf Futtersuche. Sobald die Brutzeit beginnt, paddelt die ganze Gemeinde zur großen Wiedersehens-Party auf Scholle 17. Es ist die wohl größte und vornehmste Gala der Welt, mit oft mehr als 100 000 geladenen Gästen, alle gekleidet wie aus dem FF: Feder-Frack ist Pflicht!

Der Partytalk ist tierisch laut, denn die Verheirateten versuchen ihre Ehefrauen wiederzufinden, von denen sie Monate lang getrennt waren. Sie rasen quer durch den Tumult und rufen den klassischen Pinguin-Piepsatz: "Krohk!" Die Weibchen erkennen den Ehemann an der Stimme und antworten mit dem gleichem Lösungswort.

Steht sich das Pärchen endlich gegenüber, überreicht der Pinguin als Morgengabe einen leuchtenden Kieselstein, den er vom Meeresboden mitgebracht hat - ein Liebesbeweis, unvergänglich wie ein Diamant. Danach fallen sich die Wiedervereinten fröhlich in die Flügel und schnäbeln sich mit einem fulminanten Eistanz singend in die Hochzeitsnacht. 25 Tage später legt die frischgebackene Mama dem stolzen Papa ein Ei auf die Füße und zieht sich erst einmal zurück, um sich von den Anstrengungen der Schwangerschaft zu erholen.

Dieser Pinguin-Mutterschaftsurlaub geht so: In 14 Tagen 3900 Kilometer schwimmen und dabei zwei Zentner Fisch futtern. Vater hält inzwischen die Stellung: Er stülpt seine Wampe über das Ei und hält es mit seine Körperwärme konstant auf 35 Grad. Damit er kein Eisbein bekommt, wippt er alle paar Sekunden auf den Fersen. Für ihn bleibt die Küche kalt, aber geteiltes Leid ist halbes Leid: Mit ihm sitzen jetzt viele tausend andere Väter auf Federfühlung. Eine verschworene Gemeinschaft, die da dichtgedrängt den Eisstürmen trotzt - eine Freundschaft, die wirklich erwärmt!

Nach 63 Tagen kommt das Ei ins Rollen, und der große Auf-Bruch beginnt. Er dauert bis zu zwölf Stunden, dann steht ein neuer Vogel on the rocks: 12 Zentimeter groß. Der Strampelanzug ist aus silbergrauen Daunen. Papa serviert erst mal den berühmten Pinguin-Powerdrink: Ein milchartiges Sekret aus seinem Kropf macht Baby jede Woche ein Pfund dicker. Für Papa die härteste Diät der Welt: Er hat um die Hälfte abgespeckt und muss jetzt dringend ein paar Fische in den Schnabel kriegen. Zum Glück hat Mutter genug geurlaubt; gut gelaunt und fröhlich singend watschelt sie durchs Gedränge. Das Wiedersehen findet auf Japanisch statt: Viele, viele Verbeugungen. Jetzt schwimmt Papa in die Ferien, und Mutter macht die Pinguin-Schule auf.

Erstes Fach: Anzugsordnung. Bei Kälte heißt es Federspitzen dicht anlegen, damit der Wind nicht in die Klamotten pfeift. Scheint aber die Sonne, müssen die Federn sofort hochgefahren werden, denn Klein-Pingos Daunenjacke isoliert so gut, dass bei Wärme schnell ein Hitzschlag droht. Notfalls hilft ein Häppchen Schnee - Pinguine haben Schnabelkühlung.

Zweites Fach: Auf geht's! Gangart Nummer eins: Aufrecht mit Hopsschritten. Dabei behält man zwar immer den Überblick, kommt aber nur langsam voran, und im ganz tiefen Schnee geht der kleine Piepfratz auch schon mal unter. Gangart Nummer zwei: Lustige Schlittenfahrt. Gerutscht wird auf dem Bauch. Die Füße sind für den Start, die Flügel für den Speed - so hängen die Fracksauser selbst Reinhold Messner ab!

Drittes Fach: Schwimmen. Schon nach zehn Tagen kriegt der Eiszwerg einen umweltfreundlichen Tauchanzug. Wenn es taut und die Gletscher in Bewegung kommen, beginnt die Badesaison - der Pinguin liebt Eislawin‘! Aber: Erst wenn die Eltern genau abgecheckt haben, ob die Luft rein ist (manchmal lauern Haie), können die kleinen Lawiener den Sprung ins kalte Wasser wagen. Pinguine sind die Kunstschwimmer der Natur: Start mit Kopfsprung, Brustschwimmtempo 80 km/h, Tauch-Trips bis 550 Meter Tiefe. Rückkehr im Torpedo-Stil: Pinguine schnellen meterhoch aus dem Wasser und landen immer mit den Füßen zuerst.

Viertes Fach: Schnabulieren. Lieblingsspeise ist der Klein-Krebs Krill. Dazu gibt es Fischfilet satt, bis zu sechs Kilo/Tag. Die Flossentiere sind flink, aber Pinguine sind unter Wasser so schnell wie andere Vögel in der Luft. So schnappen sie immer fette Beute und hängen jeden Verfolger ab.

Nach acht Monaten hat der Pinguin ausgelernt und schwimmt seine eigenen Wege - bis zur nächsten Gala, wenn die Eiseiligen wieder auf Brautschau gehen und es wieder Singen & Suchen heißt.

Pinguine werden manchmal 30 Jahre alt. Nach dem letzten Tauchgang schlafen sie im warmen Schnee für immer ein - nach einem Leben, das wie kaum ein anderes zeigt, welche wunderbaren Wege die Natur geht, um selbst noch die härtesten Klimazonen mit fröhlichen Familien zu füllen.

 

Pinguin-Punkte

Sturz-Bug

Mit 120 Flügelschlägen und einem cw-Wert von 0,03 (bestes Auto 0,29) ist es eine Leichtigkeit für den Pinguin, aus dem Wasser zu schnellen und auf den Füßen zu landen. Dank des fetten Gefieders spritzt das Wasser dabei nach allen Seiten!

Knicke-Hals

Im aufrechten Stehen ist der Kleine nicht zu sehen! Eltern müssen schon den Kopf schon sehr weit abknicken, um den Kleinen nicht aus den Augen zu verlieren. Aber nicht nur deshalb haben die heißen Vögel aus der Kälte einen so beweglichen Nacken - sie können so auch besser Fische packen!

Frack-Wechsel

Die Lebensdauer eines Kostüms ist auf ein Jahr beschränkt. Danach werden die alten von neuen Federn einfach aus dem Anzug gedrückt, dem Pinguin kann dabei nicht kalt werden. Das dauert ein paar Tage.

Feder-Ball

Nach einem Jahr sind Pinguin-Kid's schon fast so groß, dick und rund wie ihre Eltern. Jetzt streifen sie den braunen Strampelanzug endgültig ab und werfen sich in Schale. Dabei werden die alten Federn von neuen aus dem Anzug gestoßen.

 

Pinguin-Poesie

Der Pelikan ins Herz sich sticht,

Aus übertriebner Mutterpflicht.

Doch ist der Pinguin der beste:

Er wahrt sich seine weiße Weste.

Kaum noch ein Vogel, sondern dicklich,

Zum Seehund mehr sich hin entwicklich,

Sitzt er, gelangweilt und oft müd wohl,

Das ganze Jahr auf seinem Südpol.

Zum Glück kein Zigarettenraucher:

Er würde sonst zum Kettenraucher.

Eugen Roth (1895 - 1976)

 

Was Menschen vom Pinguin lernen können                       

Friedfertigkeit: Pinguine leben zur Brutzeit in riesigen Kolonien dicht an dicht - und streiten sich trotzdem nie!

Freundlichkeit: Wenn Pinguine sich nach Monaten wiedersehen, wird erst mal ein großes Fest gefeiert. Und dazu sind alle eingeladen!

Heimatliebe: Pinguine kehren zum Brüten immer wieder zu ihrem Geburtsort zurück, auch wenn sie noch so viel in der weiten Welt herumgeschwommen sind!

Gelassenheit: Pinguine warten mit großer Geduld oft tagelang auf ihren Ehepartner, werden dabei nie nervös, auch wenn es mal ein bißchen länger dauert.

Treue: Pinguine bleiben ein Leben lang zusammen.

Großzügigkeit: Pinguine geben auch fremden Kindern gern zu essen - sogar dann, wenn sie nur wenig Futter haben.

Hilfsbereitschaft: Junge Pinguin-Singles passen gern auf fremde Kinder auf - sie wissen: Später werden sie als Eltern auch so nette Babysitter finden.

Gemeinschaftsgefühl: Pinguine lieben es, mit Freunden schwimmen zu gehen, warten sogar aufeinander, bis alle genug Spaß hatten.

Kinderfreundlichkeit: Kleine Pinguine  dürfen in der ganzen Umgebung machen, was sie wollen - kein Erwachsener hat was dagegen!

 

Das Pinguin-Volk

Pinguine gibt es in sechs Gattungen und 18 Arten. Ihre Heimat ist die südliche Erdhalbkugel. Groß- und mittelgroße Pinguine leben rund um die Antarktis und auf den umliegenden Inseln,  Zwergpinguine nur im Süden von Australien und Neuseeland.

1. Kaiserpinguin

Der größte: 115 cm lang, 30 kg schwer, taucht bis zu 100 Minuten, 36 km/h schnell.

2. Zwergpinguin

Der kleinste : 40 cm lang, 2,5 kg schwer, brütet in 2 m tiefen Fels- und Erdhöhlen.

3. Brillenpinguin

Der freundlichste: 70 cm lang, 2,9 kg schwer,  grüßt als einziger mit Schnabelreiben.

4. Adeliepinguin

Der schnellste: 70 cm lang, 5 kg schwer, läuft im weichen Schnee schneller als ein Mensch

 

Der Urahn wog 100 Kilo

Der früheste Vorfahr der Pinguine hieß „Hesperornis“ und lebte in der Kreidezeit vor 130 Mio. Jahren an den Küsten des Ur-Kontinents Gondwana. Er war eineinhalb Meter lang und wog über 100 kg. Spätere Pinguine wurden sogar noch größer, starben aber bald wieder aus.

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