Nie wieder ein Wembley-Tor

Dienstag, 26. Februar 2013

Die FIFA revolutioniert den Fußball mit Kamera und Chip im Ball – zum Segen nicht nur der Benachteiligten, sondern auch der Begünstigten von Fehlentscheidungen. Für sie gibt es nur einen Ausweg: Das Geständnis.

„Das Gewissen des Menschen gibt ihm bessere Auskunft als sieben Wächter auf der Warte“, warnt die Bibel (Jesus Sirach 37,14). Es gibt auch bessere Auskunft als alle Schieds- und Linienrichter, wie mancher Fußballer schmerzhaft erfährt, wenn er sich nach getaner Arbeit zu Hause im Schwalbenflug über den Bildschirm ziehen sieht und das Söhnchen vorwurfsvoll fragt: „Aber Papi, das war doch gar nichts?!“

Ähnliche Erkenntnisse bewogen möglicherweise Englands WM-Goalgetter von 1966 Geoffrey Hurst vor zwölf Jahren, die Medaille von Wembley bei seinem Stammverein West Ham United abzugeben. Denn das Metall ist ein Kainsmal von Lüge und Unsportlichkeit.

Hursts Begründung läßt davon freilich nur ahnen: Er habe drei Töchter und wisse nicht, welcher er die Pretiose vermachen solle. In Wirklichkeit zeigt die Entscheidung: Daddy will keines der drei Girls mit seiner Lebenslüge belasten. Denn Hurst ist ein Held von Gauners Gnaden, Nutznießer einer Fehlentscheidung, die nicht Irrtum, sondern Absicht war, und Opfer seiner eigenen Schwäche dazu.

Erinnern wir uns: WM-Finale Wembley 1966, 2:2, Verlängerung, ein Schuss, ein Lattenkracher, der Ball setzt auf und springt ins Feld zurück. Den entscheidenden Fehler macht, unbewußt natürlich, der Kölner Abwehrrecke Wolfgang Weber: Er köpft die Kugel ins Aus. Dadurch wird das Spiel unterbrochen, die Engländer können zum Schiedsrichter laufen und ihn unter Druck setzen. Der sehnliche Wunsch nach dem Siegestor macht den erschöpften Spielern das physikalisch Unmögliche plausibel. Es muss ein Tor sein, denn sie brauchen es! Der sowjetische Linienrichter nutzt die Chance, den verhaßten Deutschen eins auszuwischen. Der feige Schweizer Referee läßt sich zur Fehlentscheidung treiben. Und England ist (Hursts vierter Treffer bleibt Statistik) endlich Champion.

Aber, so der Aphoristiker Lothar Schmidt: „Das Gewissen hält uns keineswegs von allen Taten zurück; doch es verhindert, dass wir Freude daran haben.“ Eine moralische Langzeitwirkung treibt Schwarzfahrer dazu, nach fünfzig Jahren zwei Mark für eine Fahrkarte an die Bundesbahn zu schicken. Oder Ehesenioren, anläßlich der Goldenen Hochzeit den Seitensprung aus dem ersten Ehejahr zu gestehen. Oder Fußballspieler ... Wurde Hölzenbein im WM-Finale 1974 wirklich gefoult? Und wann wird Maradona die „Hand Gottes“ im WM-Viertelfinale 1986 öffentlich als Eigenleistung anerkennen?

Hurst ist kein Linkmichel. Englische Fußballer sind grundsätzlich brave Burschen. So geradlinig, wie sie spielen, sind sie auch beim Denken, Reden oder Trinken. Das erste Bier nach dem Sieg hat sicher geschmeckt. Schmeckte es auch später noch, als die Zweifel immer lauter wurden, sogar im eigenen Herzen? „Das Gewissen ist der Kompass des Menschen“, wußte Vincent van Gogh. Seit dieser einen Sekunde im Jahr 1966 waren Hurst, Bobbie Charlton, Nobbie Stiles und wie sie alle heißen, plötzlich auf falschem Kurs. In der ersten Begeisterung ist das jedem egal. Später nicht mehr. Dann schweigt man. Oder man wird laut, erklärt das Thema für unwichtig oder erledigt.

Aber man wird es nicht los. „Das Gewissen ist eine Uhr, die immer richtig geht“, verriet Erich Kästner, „nur wir gehen manchmal falsch.“ Bei Hurst war es offenbar fünf vor Zwölf. Jetzt sollte er die Zeiger wieder richtig einstellen. England ist Weltmeister 1966 und möge es bleiben. Doch seine Spieler müssen endlich bekennen, dass das dritte Tor keines war. Sonst gibt die innere Stimme niemals Ruhe. „Wenn euer Gewissen rein ist, seid ihr frei“, versprach Goethe. Den eigenen Fehler, die eigene List und Lüge zuzugeben ist sicher schwerer als einen Ball ins Tor zu schießen. Aber es ist auch das, was aus Schwindlern, Tricksern und Opportunisten wieder echte Männer macht.

 

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