Stonehenge ein deutscher Biergarten?

Freitag, 17. August 2012
Zechlustiger Fuchsjäger am Dreikönigstag: Stonehenge 1885 © Wikimedia Commons

Die Wissenschaft hat sich bereits damit abgefunden: die berühmteste Kultstätte der Insel ist wohl das Werk eines ganz frühen Deutschen.

 

Das alte England schrieb das Wunder der Erbauung von Stonehenge dem Zauberer Merlin zu, manche tippten auch auf Riesen, Märchenfeen oder Flüchtlinge aus Atlantis. Spätere Forscher deuteten die 81 Sandsteinpfeiler als Säulen eines altbritischen Tempels für Sonne, Mond und eine Schlangengottheit. Wissenschaft und Phantasie machten den mythischen Ort auch zu Palast, Thingstätte, Friedhof oder profanem Rinderpferch, mal als Opferstätte eingefriedet auf Geheisß weiser Druiden, mal umwallt auf Befehl römischer Quartiermeister als Zeltplatz für Cäsar.

New-Age-Apostel sahen in den konzentrischen Kreisen lieber einen steinzeitlichen Computer, ein Schaltrelais für Magnetströme aus dem Erdinneren oder einen Ufo-Landeplatz. Nur eines kam in Jahrhunderten keinem Engländer in den Sinn: Dass es sich um das Werk eines „Krauts“, eines Deutschen handeln könne.

Als jüngste Forschungen genau diesen Schluss nahe legen, bietet sich britischen Boulevardzeitungen Anlass zu publikumswirksamem Entsetzen. „Das ist ein ebensolcher Schock für unseren Nationalstolz, als wenn man herausfinden würde, dass die ersten Cricketspieler Lederhosen trugen und zum Tee Bratwürste aßen“, klagte der “Daily Express“ unter der Überschrift „It’s Steinhenge!“ und fragte seine Leser und sich selbst. „War Stonehenge nichts als der Schauplatz eines Bierfests?“

 Denn, so die bestürzende Botschaft: Ein 2002 nicht weit von der sakralen Stätte entdecktes Skelett, von der Presse flugs als Reliquie eines „Königs von Stonehenge“ gefeiert, gehörte nach einem jetzt publizierten anthropologischen Befund vermutlich einem Fremdling aus dem deutschsprachigen Alpenraum. Darauf deuten Gegenstände hin, die sich bei dem Toten fanden.

 Ein Sauerkraut-Ötzi als Architekt des ältesten Heiligtums Englands? „Es ist faszinierend, dass die Idee für Stonehenge von einem deutschen oder schweizerischen Einwanderer gekommen sein könnte“, findet der britische Archäologe Tony Trueman ganz ohne nationalistische Scheuklappen. Eine solche Erklärung käme für Forscher auch weit weniger überraschend als für englische Journalisten: Die Megalithkultur, zu deren schönsten Zeugnissen Stonehenge gehört, entsteht im Orient; ihre Erfinder wandern über den Balkan nach Mitteleuropa und über Nordafrika nach Spanien und Frankreich. Um 5000 v.Chr. erreichen sie den Nordrand der Alpen, um 4000 Holland. Der Baubeginn für Stonehenge wird auf 2800 v.Chr. datiert.

Zwar stehen in England auch ältere Megalith-Monumente, doch kann sich keines mit Stonehenge messen: Das mit der damals modernstem Gerät und gewaltigem Arbeitsaufwand errichtete Heiligtum stellt einen technischen Quantensprung dar, Kenner sprechen von „Pyramiden des Nordens“. Gut denkbar, dass das Knowhow damals ebenso vom Festland kam wie heute im Autobau. Bier und Lederhosen dagegen waren dem urigen England durchaus nicht fremd. Schon den Namen erhielt das rätselhafte Riesenrad mit seinen 33 Metern Durchmesser keineswegs vom urbritischen Sagenkönig Artus, sondern von dessen germanischen Gegnern: Die aus Schleswig-Holstein über die Nordsee gesegelten Angelsachsen fanden im 4.Jh. auf dem Vormarsch durch die Ebene von Salisbury das Wort „Stonehenge“ („hängende Steine“) für die massiven Decksteine auf den riesigen Pfeilern - für die beeindruckten Eindringlinge sah es aus, als hingen die tonnenschwere Blöcke in der Luft.

Der Erzbischof Geoffrey von Monmouth, hochgelehrter Chronist des 12.Jahrhunderts, requirierte Stonehenge schlau als Denkmal christlich-keltischer Krieger, die im Kampf gegen die heidnischen Angelsachsen gefallen seien. Der zechlustige Fuchsjäger John Aubrey aus Wiltshire, der dort am frühen Dreikönigstag 1648 mit einer fröhlichen Freundesschar vorüberritt, erkannte, dass die Steine ein Muster bildeten, und entdeckte die 58 „Aubrey-Löcher“ voll weißer Kreide, Zeichen einer steinzeitlichen Erd-Religion. Nach aktuellem Forschungsstand handelt es sich um die Ruine eines astronomischen Observatoriums zu kultischen Zwecken: Präzise Beobachtungen der Mond- und Sonnenläufe durch sternkundige Priester schufen und kontrollierten einen exakten Festkalender, um die jeweils günstigste Zeit für Aussaat und Ernte zu bezeichnen.

Der Erde wurde geopfert, aber die Sterne schlugen den Takt. Die Priester liehen sich himmlische Autorität und ließen sich aus der Ernte entlohnen. Das Ergebnis waren blühende Landschaften bis Schottland und Wales, bis etwa um 2200 v.Chr. jüngere Kulturen kamen. Seit ihrer näheren Erforschung ankert die Ära von Stonehenge als eine Art Goldenes Zeitalter im Bewusstsein vieler Briten. Dass das Symbol dieser seligen Vorzeit nun etwa einem zugelaufenen Oberschwaben zu danken sei, kränkt ihren Stolz, doch hält die Wissenschaft von den uralten Steinen noch ganz anderen Kummer bereit: Vor Jahrmillionen etwa war die Nordsee trocken Land, der Rhein mündete irgendwo westlich Dänemarks, und England war keine seeherrschaftliche Insel, sondern eine simple linksrheinische Provinz.

Inzwischen ist der erste Schock überwunden, in der Fachliteratur wird der zunächst so verblüffende Tatbestand nicht mehr ernsthaft bestritten, und die Populärwissenschaft saugt längst Honig aus der Entdeckung, die womöglich sogar bis in unsere Gegenwart ausstrahlt: Finden sich die Engländer mit der Erkenntnis ab, dass es derart wichtige und nützliche Verbindungen mit dem Kontinent schon seit der Steinzeit gab, könnten auch die Ressentiments gegenübver der EU schnelle schwinden.

 

Die Kultur der Großen Steine

Das wichtigste Kennzeichen der Megalithkultur sind Großsteingräber („Hünengräber“), die sich besonders zahlreich in Norddeutschland finden: allein 400 in Niedersachsen, andere in Mecklenburg und Schleswig-Holstein, vor allem im Sachsenwald. Eines steht im Forst bei Klecken, ein anderes in Grundoldendorf bei Buxtehude. Ihre Erbauer sind kluge Ingenieure, aber auch einfallsreiche Künstler und geschickte Chirurgen, die sogar am Hirn operierten. Sie wohnen in kleinen Dörfern aus höchstens einem Dutzend Häusern, roden Wälder mit Steinäxten, säten Getreide an und halten Haustiere: Rind, Schaf, Ziege. Sie spannen Ochsen vor Wagen mit Scheibenrädern und bauen Bohlenwege durch die Moore – bei Aurich sind mehrere Kilometer einer vier Meter breiten Fahrbahn erhalten. Sie paddeln in Einbäumen über die Nordsee, beten zu Naturgöttern und schmücken ihre Frauen mit Perlmutt und Raubtierzähnen. Ihre Schamanen tanzen zu Trommeln, Muscheltrompeten und Knochenpfeifen.

 

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