67: Ein Psychiater aus Wien

Donnerstag, 28. Februar 2013
„Am Sonntag geht mein Dampfer nach Amerika“: Im Binnenhafen an den Butenkajen © Museum für Hamburgische Geschichte

Neben dem „Hamburger Hof“ stand das „Streits“, das früher „Der römische Kaiser“ hieß, seine Fassade aber trotz des Namens weitaus unaufdringlicher inszenierte als die neugroßdeutsche Konkurrenz, anderes auch gar nicht nötig hatte, denn vor seinen Fenstern hatten die Hamburger Turnerschaft von 1816 und die Hamburger Liedertafel von 1823 zum ersten Mal Hoffmann von Fallerslebens Deutschlandlied gesungen, und gegen diesen Ruhm kam keine Sahnetortenrenaissance an. Im Foyer saß der schnauzbärtige Gelegenheitsjournalist Leo Wuttke, seiner Gewohnheit folgend, die kapitalistischen Löwen in ihren Höhlen aufzusuchen, denn aus einem am Nebentisch belauschten Gespräch über Aktien und Antiquitäten, Erdöl und Edelsteine, Polo oder Portfolio ließen sich stets treffliche Exempel für die Dekadenz der besitzenden Klasse destillieren und zu Sprengstoff für publikumswirksame Papiergranaten verhackstücken. An diesem Tag aber erlebte Wuttke etwas, was ihn wieder einmal in seiner oft vorgetragenen Ansicht bestärkte, dass der Zufall ein Taschentrick Gottes sei. Denn als er hinter einer großen Palme den Sessel unauffällig in die Nähe zweier distinguiert in englische Stadtanzüge gekleideter Herren rückte, vernahm er ein Wort, das ihn sogleich in helle Aufregung versetzte. Dieses Wort lautete „Grendel“, und zu seiner Überraschung hörte Wuttke, dass sich die beiden, wenn auch in wenig schmeichelhafter Weise, über seinen Artikel aus dem Hamburger Fremden-Blatt unterhielten.

  „Absoluter Unfug, was dieser Zeitungsschmierer verzapft“, sagte der eine mit starkem oberdeutschen Akzent, „dieses sogenannte Ungeheuer leidet lediglich unter einer allerdings ziemlich fortgeschrittenen Porphyrie, da bin ich mir sicher.“

  „Sie meinen wirklich, dass sein Verhalten nur Folge einer Stoffwechselkrankheit wäre?“ erwiderte der andere. „Dann hätte mein Vorgänger ja völlig versagt!“

  „Ihr Vorgänger, Herr Medizinalrat, war mit Verlaub ein Gefängnisdirektor, aber kein Arzt. Er hat die armen Teufel einfach weggesperrt, wie im Mittelalter. Scheußlich!“ sagte der eine mit dem oberdeutschen Mundwerk. Ich kann’s ja schon mal verraten: Er kam wie fast alle berühmten Psychiater dieser Zeit aus Wien.

  „Ja, das ist wahr, von moderner Psychiatrie verstand er nichts und wollte er auch nichts wissen“, sagte der andere, bei dem es sich, wie Wuttke nun natürlich klar geworden war, um den Direktor der Hamburger Irrenanstalt, den Medizinalrat und Neurologen Dr. Joachim Wiedenhorst, handelte. „Aber was macht Sie so sicher?“

  „Ich bitte Sie, Herr Kollege, die Symptome sind doch wohl eindeutig: starke Lichtempfindlichkeit, Verfärbung der Zähne, krankhafte Veränderungen der Haut, nervöse Zustände bis hin zu manisch-depressiven Psychosen oder sogar Delirien…“

  „Aber das Schockerlebnis, das plötzliche Eingemauertsein in der Finsternis des Siels...“ zweifelte der Direktor.

  „...hat den Ausbruch der Krankheit beschleunigt“, sagte der Wiener. „Wenn der arme Karl dann bärtig und haarig in den Sielen herumgeisterte, ist es kein Wunder, dass Abergläubische ihn für eine krude Schreckensgestalt wie den grausen Grendel halten und die Strapanzer in den hiesigen Revolverblättern einen solchen verantwortungslosen Unsinn schreiben. Noch vor hundert Jahren wurden Porphyrie-Patienten sogar verdächtigt, Werwölfe zu sein. Zu schade, dass er Ihnen weggelaufen ist. Ich hätte ihn gern untersucht. Ich bin ganz sicher, dass ich ihn heilen könnte.“

  „Tatsächlich? Das würde ich gern auf einen Versuch ankommen lassen.“

  „Bringen Sie mir den Patienten, oder führen Sie mich zu ihm, dann werde ich es Ihnen beweisen, und zwar innerhalb weniger Tage, das garantiere ich Ihnen.“

  Da hielt es Wuttke nicht mehr in seinem Sessel. Die Aussicht, eine neue Grindel-Story fingern zu können, fuhr in sein Denken wie der Duft von Pferdeäpfeln in die sechs Beine des Skarabäus. Er sprang auf, wetzte um die Palme herum und sagte ohne weiteres Nachdenken: „Entschuldigung, wenn ich Sie anspreche, meine Herren. Wuttke mein Name. Ich wage es nur, Sie mit meiner Person zu inkommodieren, weil meine Wenigkeit zufällig weiß, wo sich der Gesuchte zurzeit verborgen hält. Oder vielmehr, wo er verborgen gehalten wird.“

  „Wen meinen Sie?“ fragte der etwas irritierte Direktor mit der Vorsicht des Staatsbeamten und fixierte den Lauscher durch einen goldenen Zwicker.

  „Den Grendel“, sagte Wuttke. „Oder sagen wir doch lieber, als humane Menschen, die wir sind: Kasimir Konski, von seinen Freunden Kasi genannt. Und zu diesen Freunden, meine Herren, habe ich die unbescheidene Ehre, meine unbedeutende Wichtigkeit, äh, Wenigkeit zu zählen.“

  „Ungewöhnlich“, sagte der Wiener, der nach der Mode seiner Zeit und Zunft einen kurzgeschnitten dunklen Vollbart trug.

  Selbst der Prolet Wuttke konnte einen gewisses Anstandsgefühl nicht ganz unterdrücken und sagte nun: „Ich bitte Sie, mir vielmals zu vergeben, aber ich wurde soeben zufällig Zeuge Ihres hochinteressanten Gesprächs, und ich glaube, ich kann Ihnen helfen, oder besser gesagt, Sie dem Kasi, wie Sie soeben zu äußern geruhten.“

  Die beiden Herren wechselten Blicke. „Ich verstehe noch nicht ganz“, kam es nicht unfreundlich aus dem Vollbart hervor. „Sie sind ein Freund des Patienten?“

  Wuttke nickte eifrig.

  „Lassen Sie mich versuchen, das etwas genauer zu erfassen“, sagte der Direktor. „In welcher Eigenschaft haben Sie Kenntnis vom Verbleib des Patienten erhalten? Ich muss Sie wohl nicht darüber belehren, dass die Entführung eines psychisch Erkrankten aus seiner gewohnten Umgebung nicht mit unserem Gesetzen in Einklang steht, von der Verantwortung für die möglichen Folgen einer solchen Handlung ganz zu schweigen.“

  „Entführung?“ wiederholte Wuttke gekränkt und holte tief Luft. „Ich hätte den Bedauernswerten entführt? Ich, ein Freund aller mühseligen und Beladenen, wie Sie allen meinen Artikeln seit vielen Jahren entnehmen können? Ich, ein Vorkämpfer für eine moderne humane Behandlungsweise aller psychisch Kranken, die in Wirklichkeit nicht als die unglücklichen Opfer unserer inhumanen Gesellschaft, unserer zerstörerischen Lebensweise sind? Das mir? Nehmen Sie zur Kenntnis, meine Herren, dass ich nicht der Entführer dieser armen Irren bin, sondern sein Retter. Auch jetzt handele ich ausschließlich zu seinem Heil.“

  „Ich verstehe“, sagte der Direktor trocken. „Sie sind der Schmock, der diesen Schwachsinn auf allzu geduldiges Papier geschmiert hat.“

  Wuttke pumpte sich auf, als wolle er gleich platzen, aber bevor er seiner selbstgerechten Empörung Luft machen konnte, sagte der Wiener mit einem Augenzwinkern zu dem Direktor: „Lassen Sie das für den Augenblick gut sein, Herr Kollege. Ich bin überaus begierig, den Patienten zu sehen, und wenn dieser wackere Journalist uns zu ihm führen kann, sollen ihm alle Ehren zuteilwerden, die sein unerschrockener Einsatz für Wissenschaft und Fortschritt verdienen.“

  Er gab Wuttke den väterlichen Blick des erfahrenen Praktikers im Umgang mit Angst und Aufregung und fügte hinzu: „Ich bin Dr. Simon Gerö, Professor der Psychiatrie an der Universität in Wien. Wann, meinen Sie, Herr…?

  Das klang schon anders. „Wuttke, zu Diensten.“ 

  „Herr Wuttke. Sehr erfreut. Wann, glauben Sie, können Sie uns zu dem Patienten führen?“

  Wuttke strahlte innerlich, doch alsbald verdunkelte sich seine Miene, denn nun kam ihm endlich Petersen in den Sinn. Der Wärter würde sauer sein. Das war nicht gut. In der ersten Story hatte Wuttke ihn zum Helden gemacht. „Sogleich, wenn Sie es wünschen, meine Herren. Da wäre aber noch etwas. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll…“

  „Nur frisch heraus“, ermunterte ihn der Professor.

  „Sie stehen unter ärztlicher Schweigepflicht“, würgte Wuttke hervor. „Sie dürfen ihn nicht in den Keller zurückbringen!“

  „Erlauben Sie mal!“ fuhr der Direktor auf. „Was geht Sie das an? Wir tragen die ärztliche Verantwortung!“

  „Bitte beruhigen Sie sich erst einmal, Herr Wuttke“, sagte Dr. Gerö sanft. „Kommen Sie! Setzen Sie sich zu uns.“

  Eine Viertelstunde und drei große Gläser Bier später standen die drei wieder auf. „Das war sehr vernünftig, Herr Wuttke“, sagte der Professor. „Der Patient wird schon allein deshalb nie wieder in die Klinik zurückkehren, weil ich ihn bereits in den nächsten Tagen zu heilen gedenke. Sie können also ganz beruhigt sein, es wird ihm nichts Nachteiliges geschehen.“

  „Und Herrn Petersen auch nicht“, fügte der Direktor hinzu. „Er ist offiziell nicht abwesend, sondern nur krank gemeldet, und ich hoffe, dass er seinen Dienst bald wieder aufnehmen kann.“

  Wuttke rieb sich innerlich die Hände. Großartig! Er sah schon die nächsten Schlagzeilen vor sich: „Der Grendel geheilt!“ –  „Der Grendel wieder in Lohn und Brot!“ Und, warum nicht, eines Tages auch: „Der Grendel heiratet!“ Vielleicht sogar das kleine blonde Mädel. ..

   „Gehen wir!“ sagte Dr. Gerö mitten in Wuttkes Sensationsseifenblasen.

   „Jawohl.“ Aber halt – wie sah der Grendel denn jetzt aus? „Da wäre noch etwas“, traute sich Wuttke nur mit einiger Überwindung zu sagen.

  „Was denn noch?“ fragte der Direktor ungeduldig.

  „Der Grendel“, berichtete Wuttke vorwurfsvoll. „Er sieht jetzt gar nicht mehr aus wie vorher. Stellen Sie sich vor, Petersen hat ihn gewaschen, rasiert und ihm sogar die Haare geschnitten!“

  „Sehr gut!“ lobte der Professor. „Jede Art von Normalität wirkt heilsam. Herr Kollege, ich beglückwünsche Sie zu diesem umsichtigen Mitarbeiter.“

  Im „Tritonia“ fiel Petersen beinahe in Ohnmacht, als er den Direktor vor seine Tür erblickte. Es kostete Wiedenhorst einige Mühe, den entsetzten Wärter zu beruhigen. Schließlich ließ Petersen die Besucher ein und setzte sich ergeben auf den einzigen Stuhl.

  Der Kranke fletschte die Zähne, verdrehte die Augen und zerrte an den breiten Lederriemen.

  „Er braucht sofort Aktivkohle und Chlorhämininfusionen“, sagte Professor Gerö und zerrte sein Stethoskop aus der Arzttasche.

  „Ich kümmere mich darum“, sagte der Medizinalrat und war schon zur Tür hinaus.

  Zwei Stunden später hatten die beiden Ärzte und zwei zu strengster Verschwiegenheit verpflichtete Pfleger den Patienten unter Decken in ein Krankenzimmer der Irrenanstalt transportiert. Dort lag Kasimir Konski bald erneut gebadet, rasiert, frisiert und mit sauberen, kurz geschnittenen Fingernägeln in einem frischen Schlafanzug auf einem breiten Bett. Statt der primitiven Lederriemen schützte ihn eine bequeme Zwangsjacke vor unkontrollierten Bewegungen, die, als die Medikamente zu wirken begannen, gleich viel weniger heftig ausfielen. Nur noch die rötlichen Zähne und die dunkel verfärbte Haut erinnerten an die Leidenszeit als Grendel. Auch das gequälte Gehirn erholte sich langsam. Aufmerksam lauschte der Kranke der sanften Stimme des Psychiaters und schien teilweise sogar schon zu begreifen, was mit ihm geschehen war. Dann forderte die Erschöpfung ihren Tribut, und er schlief ein.

  Wuttke raste in die Redaktion.

  „Und Sie meinen wirklich, dass wir das Mädchen gar nicht mehr brauchen?“ fragte der Direktor leise. „Auch nicht als Photographie?“

  „Nein“, sagte der Psychiater.“

  „Ich bin Ihnen ja so dankbar, dass Sie dem Kasi helfen“, sagte Petersen aus tiefster Seele.

  „Ruhen Sie sich jetzt ebenfalls aus“, sagte der Professor. „Sie sehen, Ihr Freund ist in guten Händen. Es braucht aber natürlich seine Zeit.“

  „Hauptsache, er wird wieder gesund“, sagte Petersen inbrünstig. „Ich sehe doch, wie viel Vertrauen er zu Ihnen hat. Wenn es jemand schafft, dann Sie!“

  „Das mag sein“, sagte der Psychiater, „aber ich fürchte, ich kann mich ihm nicht mehr allzu lange widmen, denn am Sonntag geht mein Dampfer nach Amerika.“

 

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