Kapitel 68: Im Rathaus

Sonntag, 3. März 2013
„Niest die Nordsee nassen Westwind hinein“: Dovenfleet und Kornhausbrücke 1883 © Museum für Hamburgische Geschichte

Am Nachmittag wanderten mal wieder graue Wolken wie ein endloser Zug wasserschwangerer Elefanten über den niedrigen Himmel.

  Hamburg liegt im Mündungstrichter der Elbe wie an einer riesigen Nase. Niest die Nordsee nassen Westwind hinein, trieft die ganze Stadt wie ein begossener Pudel. Der Wind sauste und zauste, der Regen nahm der Luft die Wärme, den Häusern die Farbe und den Menschen die Fröhlichkeit.

  Bürgermeister Henry Twistring hatte Fataleres zu bedenken, als er den Blick über sein kleines Notparlament schweifen ließ. Die Zusammensetzung entsprach nicht der republikanischen, wohl aber der realen Verfassung der Stadt. Drei weitere Herren waren hinzugekommen. Ihr Gesichtsausdruck und ihre Haltung zeigten, dass sie ihrer Anwesenheit entscheidende Bedeutung zumaßen. Unter dem Ölgemälde Simons von Utrecht, der fünf Jahrhunderte zuvor den Piraten Störtebeker daran gehindert hatte, der Hafenstadt den Handelsfaden abzuschneiden, saß der baumlange, grauhaarige Admiral Heinrich von Ronneburg von der Kaiserlichen Marine und ließ den fjordblauen Blick über die Täfelung schweifen. Neben ihm schärfte Seine Exzellenz Generalleutnant Freiherr Börries von Waltershausen, Kommandeur des IX. Armeekorps im nun schon seit vierzehn Jahren preußischen Altona, den Blick durch ein goldenes Monokel. An seiner Brust prangte der Stern zum Roter-Adler-Orden zweiter Klasse. Er war schon vor dem Krieg einmal in Altona stationiert, hatte aber zuletzt bei Moltke die Manöverabteilung geleitet und galt deshalb als „Potsdamer“, obwohl der Große Generalstab nicht dort, sondern in Berlin angesiedelt war. Neben dem General folgte der kleine, mit seinem Bauch eher gemütlich wirkende Oberst Hugo von Illies, Kommandeur des 2.Hanseatischen Infanterieregiments Nr.76 „Hamburg“ aus der Kaserne an der Bundesallee, der Diskussion mit der grenzenlosen Selbstsicherheit des erfahrenen Offiziers, der nur einen klaren Auftrag benötigte, um sogleich das Nötige und Richtige zu tun. Was in diesem Fall zweifellos bedeuten würde, die komplett aus der Balance gekippte zivile Hammonia aus dem Sumpf ihrer politischen Schwachheit, um nicht zu sagen Schwachsinnigkeit, und selbstverschuldeten Inkompetenz zu ziehen und mit einem strammen militärischen Konzept wieder ins gott- und kaisergewollte Gleichgewicht zu bringen.

  Die beiden Offiziere trugen Pickelhaube und Säbel, der Admiral weit weniger martialisch seine elegante dunkelblaue Uniform.

  Auf der anderen Seite des langen Tisches hob Senator Hartestraat sein Löwenhaupt in den Sturm der Worte. Neben ihm saß zierlich und zäh August Bebel. Adolph Ritter von Ulzburg-Stegen unterstrich Ernst und Eifer mit umgeschnalltem Säbel, vorgerecktem Kinn und bedrohlich bebenden Hängebacken. Oberinspektor Gernot Franck, der Leiter der Geheimpolizei, streichelte nervös den Mond, der wie jeden Morgen zwischen seinen Ohren aufgegangen war. 

  „Meine Herren!“ Twistring straffte seine Herzogsgestalt und ließ den Inquisitionsblick blitzen. „Die schrecklichen Vorgänge in unserer Nachbarstadt Geesthacht verändern die Lage von Grund auf. Ich sehe mich deshalb außerstande, das Unvermeidliche länger hinauszuschieben. Meine Herren, es ist Krieg! Hamburg befindet sich im Krieg! Wir stehen im Krieg gegen Mächte des Bösen, die unsere Stadt, die unser Gemeinwesen zerstören wollen. Diese Mächte haben uns keine Parlamentäre gesandt. Sie geben sich uns nicht zu erkennen. Sie entziehen sich jeglichem zivilisierten Verhalten. Die Kampfhandlungen haben nicht nur begonnen, sondern bereits einen bestürzenden Umfang angenommen. Angriffe und Überfälle haben unserer Stadt schwere Schäden zugefügt. Der Petroleumhafen ist zerstört, die Reparaturen werden Monate dauern. Ein gesamter Stadtteil, der Große Grasbrook mit fünfundzwanzigtausend Menschen, gerät außer Kontrolle. Der Erste Polizeiherr konnte mit Mühe verhindern, dass vom Feind gelenkte Pöbelhaufen das Rathaus stürmten. Das Rathaus, meine Herren! Herr Ritter von Ulzburg-Stegen, bitte erstatten Sie den Herren Bericht.“

  Bulldog schilderte knapp den Überfall auf die Kellerfabrik des jüdischen Konservenherstellers, den Marsch der nationalistischen Agitatoren und ihres Zulaufs zum Rathaus, den Versuch, den Fabrikanten und eine Verkäuferin im Fleet zu ertränken.

  „Mussten Sie denn unbedingt auf die Leute schießen lassen?“ fragte Bebel.

 „Allerdings, Herr Abgeordneter“, antwortete Bulldog. „Hätten meine Constabler nur ihre Säbel mit sich geführt, wären sie vom Mob überrannt worden, und wir hätten mehr als nur den einen Toten zu beklagen.“

  Der Bürgermeister nahm wieder das Wort. „Ich habe deshalb angeordnet, dass nunmehr jeder Constabler – jeder - ein Gewehr erhält.“

  „Jetzt, wo die Menschen bald zu den Urnen gerufen werden?“ fragte Bebel scharf. „Wollen Sie, dass Hamburg unter Gewehrläufen abstimmt?“

  „Immer noch besser als unter der Gewalt der Straße!“ sagte Senator Hartestraat.

  „Können Sie sich dafür verbürgen, dass Ihre Polizisten, wenn sie erst einmal mit Gewehren bewaffnet sind, sich nicht noch unverhohlener als bisher zum Nachteil meiner Partei in den Wahlkampf einmischen?“ rief Bebel. „Schon jetzt sind unsere Genossen ständig Anpöbeleien, groben Ungerechtigkeiten, ja sogar Übergriffen von Polizeibeamten ausgesetzt.“

  „Unterlassen Sie diese widerwärtige Verhetzungspolitik“, entgegnete Hartestraat. „Die Polizei sorgt nur für Recht und Ordnung. Sich dafür einzusetzen ist übrigens auch Ihre Aufgabe, Herr Abgeordneter, auch wenn es Ihnen nicht gefällt.“

  „Die Polizei sorgt für Ihr Recht, und für Ihre Ordnung, Herr Senator“, erwiderte Bebel. „Unser Recht und unsere Ordnung sind das nicht, denn wir sind für Gerechtigkeit und Freiheit.“

  „Politische Diskussionen führen Sie bitte auf Ihren Wahlveranstaltungen“, sagte der Bürgermeister. „Es ist Eile geboten. Der Feind dringt nicht von außen an unsere Mauern, sondern er befindet sich bereits mitten in unserer Stadt.“

  „Es ist das von Agitatoren aufgeputschte Proletariat“, sagte der Senator. „Wir müssen mit aller Härte durchgreifen, sonst drohen uns in Hamburg Zustände wie bei der Kommune in Paris: Anarchie, Rechtlosigkeit, Plünderungen, Mord.“ Ihm galt noch, was Stifter, den heute leider kaum noch jemand liest, in seinem „Kuss von Senze“ so schön sagen lässt: „Die an festem Besitze und an Ausbildung hervorragen, müssen Säulen des rechtlichen Bestandes sein“. Für Hartestraat hieß das, dass den Habenichtsen, Unsteten und leichten Opfern der Rattenfänger die Zukunft eines Staates niemals anvertraut werden durfte.

  „Ich verwahre mich auf das schärfste gegen diese Verdrehungen!“ rief Bebel empört. „Begriffe wie ‚Proletariat’ oder ‚Kommune’ entstellen die Wahrheit. Sie wollen unsere Arbeiter- und Gewerkschaftsvereine verleumden, Herr Senator. Unsere Leute werfen keine Juden in die Fleete. Das tun nur kriminelle Elemente, die politisch eher Ihnen, Herr Senator, nahe stehen.“

  „Unverschämtheit!“ rief Hartestraat. „Das ist niederträchtig, infam und verlogen! Sie sollten froh sein, dass jetzt endlich durchgegriffen wird.“

  „Das erinnert mich an den guten alten Bürgermeister Dietrich von Holte“, versetzte Bebel ungerührt. „Der sagte einmal, wenn auch eine Obrigkeit gottlos, tyrannisch und habsüchtig sei, so gebühre doch den Untertanen nicht, sich dagegen zu setzen und aufzulehnen, vielmehr sei das Dasein einer solchen Obrigkeit für eine Sündenstrafe Gottes anzusehen. So geschehen im Jahre sechzehnhundertundzwei.“

  „Das waren noch Zeiten“, rief Hartestaart höhnisch.

  „Diese Unruhen werden von nationalistischen Rattenfängern ausgelöst“, sagte Bebel. „Sozialisten sind Internationalisten. Wir haben nichts gegen Ausländer. Für uns sind alle Menschen Brüder.“

  „Plumpe Agitation! Wir machen Unterschiede zwischen Freund und Feind, Herr Abgeordneter“, erwiderte Hartestraat. „Und wir machen auch Unterschiede zwischen Vaterland und Fremde.“

  „Für uns gibt’s keine Fremden oder Feinde, für uns gibt es nur Menschen!“

  „Dann möchte ich allerdings nicht neben Ihnen an der Front stehen“, mischte sich Generalleutnant von Waltershausen ein.

  „Zweifeln Sie nicht an unserer Solidarität mit den Genossen, Herr General!“ rief Bebel.

  „Für mich zählt Treue unter Kameraden, Herr Abgeordneter“, schnarrte von Walterhausen.

  „Und die Liebe zu unserer Vaterstand Hamburg, Sie unverbesserlicher Aufwiegler“, fügte der Senator hinzu.

  „Sie diffamieren uns, damit Ihre Polizisten und Soldaten um o bereitwilliger auf uns schießen!“ sagte Bebel empört.

  „Meine Soldaten schießen nicht auf Arbeiter“, sagte Generalleutnant von Waltershausen.

   „Meine auch nicht“, sagte Oberst von Illies.

   Der Admiral schaute angewidert zur Decke.

   „Meine Herren, zur Tagesordnung!“ mahnte Twistring. „Ausländerfeindlichkeit in unserer Stadt! Das ist nicht nur unhanseatisch, unchristlich, unintelligent und menschlicher Wesen zutiefst unwürdig, das ist auch Gift für unser Gemeinwesen, und für unsere Geschäfte. Wir sind ein Welthafen, meine Herren. Eine Weltstadt mit weltweiten Verbindungen, eine internationale Metropole, die Angehörige anderer Völker immer gastlich aufnahm. Was wären wir ohne die Portugiesen, die Holländer, die Franzosen, die Engländer, und was wären wir ohne die Juden? Der halbe Senat hat jüdische Eltern oder Vorfahren.“

  „Sind antisemitische Bezüge überhaupt erwiesen?“ fragte Hartestraat.

  „Als Anführer der Aufrührer wurde ein gewisser Franz Felgenhauer identifiziert“, berichtete Oberinspektor Frank. „Er war Mitglied der ‚Berliner Bewegung’ und hat auch in Hamburg antisemitische Schriften verteilt.“

  „Der Konservenfabrikant ist völlig unschuldig“, ergänzte Bulldog. „Zeugen haben gesehen, dass die Kerls die Ratten selber mitbrachten und in die Kessel warfen. Ich fürchte, die Aufrührer planen noch andere Lumpereien.“

  „Trotzdem lehne ich Wahlen unter solchen Umständen ab!“ rief Bebel.

  „Sie können ja zurückziehen“, sagte der Senator kalt. „Empfehlen Sie Ihren Anhängern, für unseren Kandidaten zu stimmen, dann sind die Probleme ganz schnell vom Tisch.“

  „Reden Sie von Herrn Lendt, gegen den die Polizei ermittelt?“ fragte Bebel.

  „Lügen!“ rief Hartestraat.

  Die drei Offiziere wechselten erstaunte Blicke. „Die Polizei ermittelt gegen den Kandidaten der Konservativen, Herr Senator?“ fragte der Admiral.

  „Herr Lendt ist Opfer einer Verleumdungskampagne“, antwortete Hartestraat. „Erfundene Behauptungen, gekaufte Zeugen. Wir werden das schon bald beweisen. Der Hauptbelastungszeuge steht offenbar schon gar nicht mehr zur Verfügung.“

  Die Offiziere drehten wie auf Kommando die Köpfe zum Ersten Polizeiherrn.

  „Der Hauptbelastungszeuge war ein gewisser Dietrich Dorscheid“, berichtete Bulldog. „Ein polizeibekannter Straftäter. Er wurde in Wilhelmsburg festgenommen und von der dortigen Polizei nach Hamburg überstellt. Bei seiner Ankunft auf dem Hannoverschen Bahnhof wurde er leider ermordet.“

  Die Offiziere wechselten Blicke. „Wie denn ermordet?“ wollte Generalleutnant von Waltershausen wissen.

  „Erschossen“, erklärte Bulldog. „Der Täter kletterte in einem der beiden Türme des Bahnhofs aufs Dach, entfernte eine Glasscheibe und traf den Zeugen mit einem Schuss tödlich.“

  Die drei Offiziere nickten beeindruckt. „Scharfschützen haben sie also auch schon“, murmelte Oberst von Illies halblaut.

  „Und jetzt sogar ein Maschinengewehr“, fügte Admiral von Ronneburg kopfschüttelnd hinzu.

  „Ich muss mich sehr wundern, Herr Abgeordneter, dass Sie angesichts dieser Bedrohung noch Einwände vorbringen“, sagte der General. „Aus militärischer Sicht ist unverzügliches Eingreifen in dieser Lage absolut unabdingbar, wenn wir nicht wollen, dass der Gegner sich weiter verstärkt und womöglich noch mehr Menschen zu Schaden kommen.“

  „Meiner Ansicht nach reichen polizeiliche Maßnahmen völlig aus, um diese Unruhen unter Kontrolle zu bringen“, sagte Bebel. „Die Gesetze sind scharf genug, wenden Sie sie nur endlich an!“

  „Das tun wir bereits, Herr Abgeordneter“, sagte Bulldog.

  Der Regen hatte aufgehört, und ein paar Sonnenstrahlen blitzten über die nassen Fensterscheiben. Bürgermeister Twistring nahm sie als tröstliches Omen. Er strich sich über seinen Viktor-Emanuel-Bart, zupfte kurz an dem weißen Rundkragen seiner Amtstracht und sagte: „Meine Herren! Darf ich nunmehr meine Vorschläge zur Beschlussfassung vortragen! Punkt eins: Das Constablerkorps erhält vom Armeekorps in Altona sechshundertfünfzig Infanteriegewehre, jedes mit zwanzig Schuss Munition, sowie eine Einweisung in die nötigen waffentechnischen Details. Schießübungen überflüssig, die Constabler sind sämtlich gedient.“

  Senator Hartestraat, die beiden Polizeibeamten und die drei Offiziere nickten, Bebel aber erhob sofort Einwände: „Polizei mit Gewehren fordert Verbrecher geradezu heraus, gleichfalls Schusswaffen zu benutzen!“

  „Machen Sie sich um unsere Beamten keine Sorgen“, sagte der Senator. „Die wissen sich schon zu wehren.“

  „Man soll den Frieden einer Stadt nicht auf Gräber bauen!“ warnte Bebel.

  „Warum nicht, es müssen nur die richtigen drin liegen“, erwiderte Hartestraat. „Kalter Winter ist gut für die Blüte.“ Da klang er wohl ein bisschen wie St. Just, wenn er in Büchners „Danton“ sagt: „Wir haben weder das Rote Meer noch die Wüste, aber wir haben den Krieg und die Guillotine.“

  „Zweitens: Alle Revierwachen und Polizeiposten erhalten umgehend elektrische Fernsprechapparate“, fuhr der Erste Bürgermeister fort. „Die Revierleiter teilen rund um die Uhr Fernsprechposten ein.“

  „Na endlich“, sagte Bulldog. Bisher hatte der Senat der Polizei das hochmoderne Kommunikationsmittel, das sich nur wenige große Firmen und wohlhabende Familien leisteten, aus purer Knickrigkeit verweigert.

  „Drittens: Das Sechsundsiebzigste sichert ab sofort und bis auf weiteres das Rathaus, die Börse, das Polizeipräsidium, das Gefängnis, die drei Hauptmärkte, die Kirchen, Postämter und Zollstationen. Und natürlich wie bisher den Alten Teerhof.“

  „Wie bisher?“ fragte Bebel spöttisch. „Lieber nicht! Wenn noch mehr Dynamit verschwindet, bleibt der Kronprinz besser an der Spree!“

  „Ein Dummejungenstreich, nichts weiter“, sagte Oberst von Illies säuerlich.

  „Seine Majestät der Kronprinz kommt auf jeden Fall“, erklärte der Erste Bürgermeister. „Nach den jüngsten Ereignissen betrachtet er den Besuch sogar als Ehrensache. Hier, die neueste Depesche aus dem Palais.“ Er schwenkte ein Papier und las vor: „Hamburg nicht im Stich lassen ... neue, aber treue Untertanen ... glanzvolle Perle des Reichs ... Treue gegen Treue...“

  „Wir wollen nur hoffen, dass das Dynamit nicht in falsche Hände gerät“, sagte Bulldog.

  „Das zu verhindern ist Ihre Aufgabe, Herr Erster Polizeiherr“, sagte von Waltershausen. „Es sind Ihre Ganoven, nicht unsere!“

  „Es sind Ihre Anarchisten, Herr General, nicht unsere“, antwortete Bulldog.

  „Lieber Himmel, daran darf ich gar nicht denken!“ rief der Erste Bürgermeister. „Sind Sie denn endlich diesem Balkanesen auf die Spur gekommen?“

  Oberinspektor Franck reckte sich und nahm die Hand von der schwitzenden Glatze. „Angeblich treibt sich Persikoff bei den Auswanderern am Amerika-Kai herum. Unsere Agenten sind Tag und Nacht hinter ihm her, Herr Bürgermeister.“

  „Sehr unbefriedigend, Herr Oberinspektor“, sagte Twistring, und der Geheimpolizist wurde wieder etwas kleiner.

  „Was soll das heißen, ‚unsere Anarchisten’?“ fragte der General empört. „Wir sind hier in Hamburg, nicht in Berlin!“

  „Gegen Hamburg und seine Politik hat keiner was“, erwiderte Bulldog, „wohl aber gegen Berlin und die preußische Politik, insbesondere in Südosteuropa.“

  „Seine Exzellenz den Herrn Reichskanzler zu kritisieren liegt wohl kaum in Ihrer Kompetenz, Herr Ritter von Ulzburg-Stegen“, sagte der General mit blitzendem Monokel.

  „Ich kritisiere die Politik des Herrn Reichkanzlers keineswegs“, versetzte Bulldog kühl, „ich stelle nur die Folgen dar.“

  „Meine Herren, zur Beschlussfassung!“ mahnte der Erste Bürgermeister. „Punkt vier: Das Armeekorps sichert den Berliner und den Hannoverschen Bahnhof, das Möllerntor, die Zollstationen an der preußisch-hamburgischen Grenze, die Kaianlagen vom Alten Jonas bis zum Baumwall sowie die Brücken zum Brook.“

  „Geben Sie nicht zu viele Passierscheine aus“, riet Senator Hartestraat.

  „Ich bestehe auf der vollständigen Bewegungsfreiheit aller Wahlhelfer“, sagte Bebel.

  „Wird gewährleistet, Herr Abgeordneter“, sagte der Erste Bürgermeister. „Wir besitzen hier in Hamburg eine sehr alte republikanische Tradition, auf die wir mit Recht stolz sein dürfen.“

  Bebel lachte spöttisch. „Neun Zehntel Ihrer republikanischen Hamburger dürfen bei den Bürgerschaftswahlen überhaupt nicht mitmachen, weil sie nicht reich genug sind!“

  „Sie sehen ja, was herauskommt, wenn der Pöbel Macht bekommt“, stichelte Hartestraat.

  „Aber meine Herren!“ mahnte Twistring. „Politisches Gezänk bringt uns nicht weiter. Denken wir an unsere Pflicht. Wir müssen den Gesetzen wieder volle Geltung verschaffen!“

  „Ganz recht“, sagte von Waltershausen. „Aber den Kriegsgesetzen! Wir werden eine andere Gangart anschlagen. Hauptmann Bendixen hat vorvergangenen Sonntag ja bereits demonstriert, was es bedeutet, sich mit preußischen Soldaten anzulegen. Ich bitte die Herren, sich nochmals in Erinnerung zu rufen, was Belagerungszustand heißt: Kriegsrecht. Ausgangssperre. Standgerichte. Todesurteile werden zur Abschreckung sofort vollstreckt, Aufrührer und Plünderer ohne Anruf erschossen.“

  „Deserteure ebenfalls“, erinnerte der dicke Oberst.

  „Das sollte grundsätzlich für alle gelten, die sich schwere Störungen der öffentlichen Ordnung zuschulden kommen lassen“, schlug Senator Hartestraat vor.

  Bebel sprang auf. „Das ist ein Freibrief für das Militär, Missliebige und Andersdenkende umzubringen.“

  „Was erlauben Sie sich!“ sagte der General entrüstet. „Unsere Soldaten sind keine Mörder!“

  „Meine Polizisten ebenfalls nicht“, sagte Bulldog.

  „Es ist noch nicht einmal dreißig Stunden her, da wurden am Rödingsmarktfleet ein unbewaffneter Mann erschossen und elf weitere verletzt“, sagte Bebel. „Unschuldig oder nicht, es waren Menschen, und selbst wenn sie Leute malträtiert haben, im Strafgesetzbuch steht auf Körperverletzung nicht die Todesstrafe. Bewahren Sie Augenmaß! Sie sollten die Situation entspannen, statt sie noch zu verschärfen.“

  „Wir wissen, wem Ihre Sympathien gelten“, lächelte das Löwenhaupt grimmig.

  „Bitte, meine Herren!“ Der Erste Bürgermeister blickte wieder auf seinen Zettel. „Punkt fünf: Die Marine sichert die Elbbrücken, die Fähren, die Werften auf Steinwerder, den Petroleumhafen, oder was davon noch übrig ist, und die Harburger Chaussee.“

  Ein leichtes Nicken blieb die einzige Reaktion des auf See ergrauten Admirals.

  „Und was wollen Sie gegen diesen gefährlichen Germanen-Unfug unternehmen?“ fragte Bebel.

  „Der Runentempel wird noch heute zugeschüttet“, sagte der Erste Bürgermeister. „Der Bauhof hat bereits entsprechende Anweisungen erhalten. Mögen die Forscher dort in ruhigeren Zeiten wieder graben – jetzt können wir in Hamburg jedenfalls keine Kultstätte für solchen gefährlichen Nationalwahn gebrauchen. Sonst noch Fragen?“

  „Ja“, sagte Bulldog. „Der angebliche Polizistenmörder Johannes Mott ist festgenommen worden.“

  „Endlich einmal eine gute Nachricht“, sagte Twistring. „Ich hoffe, der Staatsanwalt hat die Anklage sehr bald fertiggestellt. Es kann die Bevölkerung nur beruhigen, wenn sie erkennt, dass die Strafverfolgungsbehörden auf dem Quivive sind.“

  „Das ist auch meine Meinung“, sagte Bulldog. „Leider ist der Verdächtige ohne meine Zustimmung von preußischer Feldgendarmerie abgeholt und nach Altona verbracht worden.“

  „Aber meine Herren!“ wunderte sich der Erste Bürgermeister. „Wie ist denn so etwas möglich?“

  „Wir haben erfahren, dass Ihr Polizistenmörder einem Deserteur half, unterzutauchen“, erklärte der General. „Es handelt sich um einen gewissen Josef Kowalski, Unteroffizier bei den Wandsbeker Husaren. Wir haben deshalb veranlasst, dass die beiden Täter unserer Militärgerichtsbarkeit zur Verfügung stehen.“

  „Ach so“, sagte Twistring. „Herr Erster Polizeiherr, war Ihnen das bekannt?“

  „Von einem Deserteur weiß ich nichts, Herr Erster Bürgermeister. Der verdächtige Johannes Mott ist in Hamburg festgenommen worden, die Tat wurde in Hamburg verübt, und er ist deshalb in Hamburg dem Haftrichter vorzuführen.“

  „Keine Sorge“, sagte der General. „Sie bekommen ihn. Wenn wir mit ihm fertig sind.“

  „Das genügt mir nicht, Exzellenz. Ihre Leute haben den Mann aus meinem Präsidium geholt, ohne meine Einwilligung und in meiner Abwesenheit. Ich verlange, dass dieser unglaubliche Vorgang unverzüglich rückgängig gemacht wird!“

  „So“, sagte der General. „Und jetzt will ich Ihnen mal was sagen, Herr Erster Polizeiherr. Wir haben Krieg! Krieg! Haben Sie das verstanden? Krieg! Ihr Bürgermeister sagt es, und alle anderen sagen es ebenfalls.“

  „Ich keineswegs“, protestierte Bebel.

  „Jedenfalls alle, die sich dem Wohl dieser Stadt verpflichtet fühlen! Und die sich dem Deutschen Reich verpflichtet fühlen, Herr Abgeordneter!“ sagte der General giftig. „Der Sicherheit, der Ordnung und dem inneren Frieden in unserem Deutschen Reich! Heute Nacht, Herr Erster Polizeiherr, sind Verbrecher aus Ihrer Stadt mit zwei Barkassen nach Geesthacht gefahren, ganz wie Ihre Piraten in früheren Zeiten, haben eine Waffenfabrik überfallen, die Pulverkammer hochgejagt und auf diese Weise fast die ganze Stadt in die Luft gesprengt! Sechs Tote! Achtzig Gewehre sind gestohlen, dazu eine Gatling mit Bruce-System, die vierhundert Schuss in der Minute abfeuern kann, und jede Menge Munition, Handgranaten, Sprengstoff -  und da kommen Sie uns mit Spitzfindigkeiten über einen Polizistenmörder!“

  „Um einem mutmaßlichen Polizistenmörder“, verbesserte Bulldog in unverhohlenem Ärger. „Gerade weil es um den Mord an einem Polizisten geht, bestehe ich auf einer Verhandlung vor einem Hamburger Gericht. Hier in Hamburg geht es uns um Gerechtigkeit, nicht nur um Ruhe und Ordnung – um Gerechtigkeit, Exzellenz!“

  „Den Eindruck habe ich in der Tat, dass hier Ruhe und Ordnung nicht an erster Stelle stehen!“ polterte der General. „Wir sind gekommen, die Folgen Ihrer Versäumnisse zu beheben. Fallen Sie uns dabei nicht in den Arm!“

  „Über meine Versäumnisse entscheidet der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg und nicht das preußische Militär!“

  Der General sprang auf. „Wollen Sie die zum Segen Ihrer Stadt ins Werk gesetzte Zusammenarbeit unserer Dienststellen wegen eines Mörders in Frage stellen?“

  „Bei uns gilt ein Tatverdächtiger so lange als unschuldig, bis seine Schuld erwiesen ist!“

  „Bei uns ebenfalls, Herr Erster Polizeiherr“, brüllte der General.

  „Sie sind in Hamburg, Exzellenz“ brüllte Bulldog zurück. „Himmelkreuzmillionenbombenelement noch mal!“

  „Jawohl, wir sind in Hamburg“, schrie der General. „Und jetzt sind wir es, die hier für Ruhe und Ordnung sorgen!“

  „Aber meine Herren“, sagte der Erste Bürgermeister, den das unangenehme Gefühl beschlich, nicht mehr Herr im eigenen Rathaus zu sein. „Es wird doch einen Weg geben… einen Kompromiss…“

  „Ist in der Strafprozessordnung nicht vorgesehen, Herr Erster Bürgermeister“, sagte Bulldog mit bebenden Backen.

  „Im Kriegsrecht noch weniger!“ sagte der General mit hochrotem Kopf.

  „Müssen wir das denn unbedingt heute entscheiden?“ fragte Twistring. „Vertagen wird den Punkt, bis…“

  „Bis der Mann füsiliert ist?“ fragte Bulldog sarkastisch.

  „Nun, das wird doch nicht sogleich geschehen, wie?“ wandte sich der Erste Bürgermeister versöhnlich an den General.

  „Den Urteilen unserer Militärgerichtsbarkeit habe ich weder vorzugreifen noch die Richtung zu weisen“, erklärte von Waltershausen mit blitzendem Monokel. „Ich fände es allerdings höchst nützlich, wenn nach straff geführter Verhandlung ohne langes Hin und Her ein Urteil erkannt wird, das schlagend klar macht, was Deserteure und ihre Helfershelfer in dieser Stadt ab sofort erwartet. Auch dann, wenn diese Helfershelfer möglicherweise ein von Ihrer Strafprozessordnung geschützte Polizistenmörder ist.“

  „Und wann erwarten Sie so ein schnelles Urteil?“ fragte Bulldog spöttisch. „Morgen?“

  „Heute! Sie haben sicher bereits bemerkt, Herr Erster Polizeiherr, dass Saumseligkeiten nicht unsere Sache sind.“

  „Herr Erster Bürgermeister!“ donnerte Bulldog in den Raum. „Wenn mein Tatverdächtiger mir nicht innerhalb der nächsten zwei Stunden überstellt wird, trete ich von meinem Amt zurück!“

  „Um Himmels willen!“ rief Twistring entsetzt. „Alles, nur das nicht! Ich bitte Sie! Sie können die Stadt an einem solchen Tag doch nicht im Stich lassen!“

  „Meine Herren“, sagte der General mit höhnischem Lächeln zu den beiden anderen Offizieren. „Hier sehen Sie, wie ernst man in Hamburg Dienstpflichten nimmt, wenn es einmal kracht und schießt.“

  „Das verbitte ich mir!“ schrie Bulldog. „Wenn Sie mir den Man nicht sofort zurückbringen, gondele ich persönlich nach Altona und hole ihn mir!“

  „Wenn Sie das wagen, stelle ich Sie ebenfalls vors Kriegsgericht!“ brüllte der General in heller Wut. „Und jetzt Schluss mit dieser lächerlichen Debatte, wir sind hier nicht im Reichstag! Wir kennen unsere Aufgaben, und wir benötigen keine Unterweisungen von Ihrer Seite! Belagerungszustand reicht unter diesen Umständen wohl nicht mehr aus. Hiermit erkläre ich den Kriegszustand! Die Truppen rücken noch in dieser Stunde ein. Ich übernehme als Festungskommandant die volle Verantwortung. Herr Erster Bürgermeister, Sie stimmen bitte alle weiteren Maßnahmen vor Inkraftsetzung mit mir ab.“

  „Wie bitte?“ Twistring schnappte nach Luft. „So einfach geht das aber nicht, Exzellenz. Ich werde mich an den Herrn Reichskanzler wenden!“

  „Es geht sogar noch einfacher, Herr Erster Bürgermeister!“ schrie der General. „Ich kann Sie auch wegen Nichterfüllung Ihrer Dienstpflichten festsetzen! Seine Exzellenz der Herr Reichskanzler sind bereits informiert.“

  Twistring starrte Hartestraat an. „Wussten Sie davon, Herr Senator?“

  „Ich werde den Herrn Reichkanzler persönlich aufsuchen“, rief Bulldog.

  „Dann lasse ich Sie festsetzen!“ bellte der General. „Führen Sie meine Anweisungen aus! Alle!“ Offenbar wollte er klingen wie das Schwert aus Liliencrons damals sehr populärer „Sommerschlacht“, auf dessen Klinge steht: „Ziehe mich nicht ohne Grund; wenn du mich aber herauszischen lässt, dann stecke mich nicht eher wieder in die Scheide, bis ich Blut getrunken habe.“ Durch das Monokel schweifte ein Adlerblick über die Zuhörer. „Herr Erster Polizeiherr, Sie bleiben auf Ihrem Posten, bis ich Sie ablöse. Das ist ein Befehl! Und jetzt meine Herren, jetzt können Sie wegtreten! Es lebe Seine Majestät der Kaiser!“

  Der General wandte sich um und verließ den Sitzungssaal mit schnellen Schritten.

  „Es lebe seine Majestät der Kaiser!“ röhrte der dicke Oberst noch etwas lauter und eilte seinem Vorgesetzten hinterher.

  „Der Kaiser“, echote der Admiral mit deutlich weniger Begeisterung. „Na denn adjüs!“

  Als die Rathausdiener die Tür hinter den Offizieren schlossen, sagte Bulldog: „Sobald dieser Spuk vorbei ist, erhalten Sie mein Rücktrittsgesuch, Herr Erster Bürgermeister.“

  „Und ich verspreche Ihnen, es anzunehmen, wenn Sie bis dahin auf Ihrem Posten bleiben, Herr Erster Polizeiherr. Lassen Sie uns jetzt bloß nicht mit den Preußen allein!“

  Vor dem Rathaus stiegen die drei Offiziere in ihre Kutschen.

  „Trommeln Sie sofort das Kriegsgericht zusammen“, befahl von Waltershausen seinem Adjutanten, der eilig heranritt.

  „Jawohl, Herr General“, sagte der Adjutant und gab seinem Gaul die Sporen.

  „Ich übernehme den Vorsitz selbst“, sagte der General. „Herr Admiral, Herr Oberst, Sie sind meine Beisitzer. Wir werden diesen Pfeffersäcken zeigen, wie preußische Soldaten mit Staatsfeinden und Landesverrätern fertig werden.“

  „Es handelt sich um einen Deserteur“, sagte der Admiral.

  „Und? Sind das etwa Freunde des Staates?“

  „Es ist einer von unseren eigenen Leuten“, erinnerte der Admiral. „Da können die Hamburger gar nichts für.“

  „Wir werden ein Exempel statuieren, das diese feigen Koofmichs noch in hundert Jahren nicht vergessen“, drohte der General. „Ich werde dieser Stadt ein Schauspiel bieten, gegen das Störtebekers Hinrichtung ein Kindergeburtstag war. Wenn ich mit diesen beiden Verbrechern fertig bin, traut sich kein Hamburger mehr ohne Not aus seinem Haus, ob Ausgangssperre oder nicht, das garantiere ich Ihnen!“

  „Wer Wind sät, wird Sturm ernten!“ fügte der Oberst hinzu.

 

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