5. Kapitel: Der korrupte Constabler

Samstag, 18. August 2012
„Würzig wie der Geruch von Hass und Gier“: Blick über die Hohe Brücke (1885) © Museum für Hamburgische Geschichte

  Es wird um die gleiche Stunde gewesen sein, als Adolph Leberecht Ritter von Ulzburg-Stegen, Erster Polizeiherr der Freien und Hansestadt Hamburg, den ersten seiner berüchtigten Wutanfälle erlitt. Er war sonst eigentlich ein gemütlicher alter Knabe. Mein Mann und ich haben ihn später öfter besucht, weil uns der liebe Charles Foster Minkus aus Oxford den Floh ins Ohr gesetzt hatte, wir sollten aus der Geschichte vom Brook ein Buch machen.

  Minkus war Professor der Mythologie, und später habe ich noch mehr von ihm zu erzählen. Seine These lautete, dass jede Epoche ihre Helden nach immer gleichen Regeln zeugt: Achilles und Alexander den Großen, Siegfried von Xanten oder Widukind, Störtebeker, den rasenden Roland, und in unserer Zeit vielleicht Nelson, oder Lawrence von Arabien. Minkus sagte damals, in Hamburg könne man der Entstehung eines neuen Mythos zuschauen. Mein lieber Mann wollte das Buch aber vor allem schreiben, um die Erinnerung an den Ort meiner Kindheit zu bewahren, von dem bald nichts mehr übrig war.

  Der Erste Polizeiherr hatte mehr zu melden als ein heutiger Polizeipräsident, denn er war Senator und konnte sich seine politischen Weisungen selber erteilen. Klein, aber kampfesmutig wie der oïlische Ajax, Charakterkopf, Stirnglatze, weißer Backenbart, blitzende kohlschwarze Augen, Schmisse, Haltung wie ein Feldmarschall – ein unvergesslicher Ritter des Rechts. Er hatte die Angewohnheit, sich als Harun-al-Raschid im Lumpenzivil unters Volk zu mischen. Zuweilen lud er wie der berühmte Pariser Polizeileutnant d’Argenson in seine Abendgesellschaft fünf oder sechs der berühmtesten Spitzbuben ein, um seinen Gästen eine Vorstellung ihres Handwerks zu geben. Es wurden große Summen auf die Matadore gewettet, denen es manchmal sogar gelang, den Hausherrn zu bestehlen. Wenn der Polizeiherr ins Bruddeln geriet, schob er den Unterkiefer vor, was ihm in der Halbwelt den Spitznamen „Bulldog“ eintrug. Bulldog, nicht etwa Bulldogge, auch unsere Ganoven waren ja total British minded. Wenn seine Hängebacken zu zittern begannen, ging alles in Deckung. Er brachte mehr Zug in die Kolonne als sein allzu liberaler Vorgänger, der alte Senator Binder, den die Hamburger wegen seiner Sanftmut „Tante Binder“ nannten.

  Hamburgs Polizei war zu jener Zeit ziemlich militärisch, sie musste in der rasant wachsenden Stadt schnell aufgestockt werden und rekrutierte sich hauptsächlich aus ehemaligen Unteroffizieren der preußischen Armee. Es gab, auch wieder „British minded“, Constabler – und auf der anderen Seite des Gesetzes, ganz so, als wolle die Unterwelt in der Bewunderung für England nicht zurückstehen, „Gangs“: Früher nannten sich nur die einzelnen Gruppen von Schauerleuten so, später aber auch die Banden auf dem Brook, sogar die Hafenratten, obwohl sie ansonsten großen Wert auf ihren ehrlich erworbenen deutschen Namen legten.

  Die Schutzpolizei bestand aus siebenhundert Constablern zu Fuß und zu Pferd, dazu kamen eine Kriminalpolizei, eine Hafenpolizei und die Politische. Ulzburg-Stegen residierte im Stadthaus, dem ehemaligen Görtz-Palais am Neuen Wall, wo später die Gestapo einzog und heute die Baubehörde sitzt. In souveräner Verachtung alles Neumodischen trug der Ritter unter dem schwarzen Anzug noch immer das Chemisett. Er saß an einem riesigen Schreibtisch aus stets auf Hochglanz poliertem Mahagoni, und vor ihm stand in Habachtstellung Horst Möller, der korrupteste Polizeibeamte der Stadt. Bulldog hatte ihn schon lange auf dem Strich.

  „Unruhen, Sir?“ fragte dieser Kerl verblüfft aus blauen Augen. „Auf dem Brook, Sir?

  „Allerdings!“ fuhr ihn der Polizeichef an. „Eine Bande, die sich ‚Brookboys’ nennt, will alle Ausländer verjagen. In Ihrem Revier, Constabler!“ Er pochte auf ein zerknittertes Papier. 

  „Jawoll, Sir!“ Möller, den Helm unter dem linken Arm, die Rechte auf dem Griff des Säbels, stand noch etwas strammer und dachte wohl so ungefähr: Verdammt, anonymer Brief, welche Ratte hat uns verpfiffen?

  Ulzburg-Stegens Monokel blitzte. Als besonders eingefleischter Anhänger englischer Lebensart liebte er den „Sir“ zwar ebenso wie die marineblauen Uniformen und die Helmen seiner Polizisten, die exakt so aussahen wie die Kollegen in London, in diesem Fall aber genügte das ehrenvolle Wort nicht, seinen Zorn zu lindern, o nein, bei weitem nicht, es bewirkte sogar das Gegenteil, aus dem Munde dieses schmierigen Ganoven in Uniform. In dieser schönen, blauen Uniform! Um sich nicht noch mehr zu echauffieren, erhob sich der Polizeichef und trat ans Fenster. Am Ende des Neuen Walls war noch ein kleines Stück der Binnenalster zu erkennen, auf der Ewer und Schuten Holz von der Oberalster und Ziegel aus den Walddörfern in die City schleppten. Überall wurde gebaut. Hamburg war über tausend Jahre alt, aber es schien, als würde es erst jetzt erwachsen. Die Stadt zehrt ihre Nachbarschaft mit großen Bissen auf, dachte der Polizeichef, sie schluckt die Bäume als Balken und die Erde als Backsteine, und frisst mit dem Boden des Umlands auch dessen Bewohner, denn die meisten folgen ihrer abgetragenen Scholle in die Stadt und teilen dort ihr Schicksal: Aus dem Lehm werden Ziegel, und aus den Menschen Arbeiter, die Hamburger schufteten in Fronknechtschaft wie die Israeliten in Ägypten, ausgebeutet nicht vom Pharao, sondern von Geldsäcken wie diesem Konsul Averdar, und von Gangstern ausgeräubert, und dann auch noch im Stich gelassen von Mistkerlen wie diesem korrupten Constablerschwein.

  „Die Brookboys, Sir?“ fragte Möller vorsichtig. „Das sind das alles echte Hamburger Jungs, Sir!“

  „Allerdings“, sagte Ulzburg-Stegen. „Echte Hamburger Jungs. Mörder, Straßenräuber, Totschläger, Zuchthäusler. Aber Deutsche.“ Die Morgensonne strahlte durch die blitzblank polierten Scheiben.

  „Jawoll, Sir!“ sagte Möller. „Deutsch bis in die Knochen, Sir!“ Er kannte die Brookboys gut, schließlich war er mit ihnen aufgewachsen. Sein unruhiger Blick geriet auf das gerahmte Zitat an der Wand hinter seinem Vorgesetzten, ich habe den Spruch später abgeschrieben, er stammte aus dem Barock und ging so: „Die Stadt Hamburg / kompt nicht ungleich der Stadt Sodom und Gomorrha / davon GOTT DER HERR sagt: Es ist ein Geschrey zu Sodom und Gomorrha / das ist groß / und ihre Sünde ist schwer. Eben dass mag der gerechte GOTT auch wol über Hamburg außruffen / darin Hurerey und Mordthaten in vollen Zwangen geben. Sie ist gleich der Stadt Babel / darin Untugend und ein wüstes Wesen.“

  Seit jenen Zeiten war es in Hamburg eher schlimmer geworden.

  Der Polizeichef nahm den Fetzen in die Hand. „Die anderen Verbrecherbanden sind natürlich ebenfalls mit von der Partie. Sie wollen den Mijnheers am Holländischen Brook und in der Holländischen Reihe an den Kragen. Am Sonntagabend. Als nächstes gehen sie wahrscheinlich auf die Schwarzen vom Petroleumhafen los, und dann auf die Kulis im Kohlenschiffhafen.“

  „Sir!“ rief der Constabler. „Die Schlitzaugen bringen das Opium in die Stadt und machen ständig neue Spielhöllen auf...“

  „Dann verhaften Sie die Kerle!“ bellte der alte Eisenbeißer. „Salzen Sie ihnen ein! Es ist Ihre Aufgabe, für Recht und Ordnung zu sorgen! Überlassen Sie das nicht den Verbrechern!“

  „Jawoll, Sir!“

  „Womöglich kommen auch noch die Polen von der Wollkämmerei in Wilhelmsburg dran“, sagte der Polizeichef. „Und dann haben wir die Preußen auf dem Hals.“

  „Keine Sorge, Sir, den Polacken tun sie nichts, aus Klein-Warschau am Vogelhüttendeich holen sie doch immer das Frischfleisch.“

  „Wenigstens darüber sind Sie orientiert, Constabler“, bemerkte der Polizeichef sarkastisch.

  „Jawoll, Sir!“ rief Müller. Trotz seiner angespannten Lage wirkte er plötzlich einen Moment lang geistesabwesend. „In diesem Augenblick hat der Schweinehund wohl gerade an das Mädchen gedacht, das er verschleppt hatte“, erzählte Ulzburg-Stegen uns später, „die arme Kleine hockte zu dieser Zeit schon den dritten Tag im Siel unter der Steinstraße. Wenn ich das geahnt hätte! Aber dass ein Constabler zu solchen Sachen fähig ist – nein, das konnte ich mir selbst bei Möller nicht vorstellen.“

  Allein die Intransigenz dieses Lumpen in Uniform machte Ulzburg-Stegen rasend: „Und warum schützen Sie die Polen nicht vor diesen Verbrechern?“

  Der Constabler, aus seinen Gedanken gerissen, war nicht gleich im Bilde: „Wie bitte? Entschuldigung, Sir, was sagten Sie gerade?“

  Der Polizeichef lief tomatenrot an. „Hier geht es um Menschen, Mann! Um unsere Menschen!“ brüllte er. „Menschen, die sich auf uns verlassen! Die unseren Schutz brauchen! Hier geht es um unsere Hamburger! Und um unsere Nachbarn! Unsere Gäste! Unsere Mitbürger!“

  Möller starrte ihm unbewegt ins Auge. Von wegen Mitbürger, wird er gedacht haben, für ihn waren Polacken rassisch minderwertig, und Papisten hasste er sowieso wie die Pest, und deshalb sagte er nun in völliger Verkennung der Lage: „Ein ganzer Haufen von diesen Polacken ist gestern mit Eisenstangen in St. Pauli aufgetaucht, Sir. Sie schlugen die Louis halb tot und holten ihre Mädchen mit Gewalt heraus. Und außerdem wohnen die Kerle gar nicht in Hamburg, sondern in Wilhelmsburg, und das gehört zu Preußen, Sir!“

  „Ja, denken Sie denn, ich weiß das nicht?“ brüllte der Polizeichef.

  „Ich wollte nur darauf hinweisen, dass diese Ausländer durchaus nicht alle friedliche Menschen sind“, sagte Möller frech.

  Ulzburg-Stegen zwang sich, tief durchzuatmen. Der Kerl war wirklich unter aller Kanaille. Ich bringe den Drecksack ins Zuchthaus, dachte er, aber erst muss ich rauskriegen, wer ihn schmiert. Er sah Möller scharf an und fragte: „Wieso wollen diese Verrückten denn ausgerechnet auf die Holländer los, die sind doch seit Jahrhunderten höchst angesehene Bürger unserer Stadt!“

   „Jawoll, Sir!“ sagte der Constabler. „Früher waren das alles Freunde, Sir. Die Streitereien fingen erst an, als das Kaiserreich kam, Sir. Die Kerls wollen nicht akzeptieren, dass das Deutsche Reich in Ausübung seiner souveränen Rechte ebenfalls Kolonien ...“

  „Papperlapapp!“ schrie Ulzburg-Stegen. „Dummes Zeug!“

  „Sir!“ Möller machte sich wieder ganz stramm.

  „Seit wann sind Mädchenhändler denn Patrioten?“ fragte der Polizeichef erbost.

  „Die Mijnheers sind auch keine Engel, Sir. Seit einigen Monaten bringen sie Weiber aus Batavia nach Hamburg. Da fürchten unsere heimischen Louis natürlich um ihr Geschäft. Die kleinen braunen Dinger sind sehr beliebt, Sir.“

  „Ach so. Es geht also um die Zunftordnung“, sagte der Polizeichef trocken. „Die ehrbare Gilde achtet auf die Reinheit ihres Gewerbes, wie bei den Metzgern, da kann auch nicht jeder unverzolltes Fleisch in die Stadt bringen.“

  „So ungefähr, Sir.“

  Schwer atmend ließ sich der Polizeichef wieder in den Sessel sinken. „Sie können abtreten, Constabler. Ich kümmere mich selber um die Sache.“

  „Jawoll, Sir!“ Möller salutierte zackig, vollführte eine schneidige Kehrtwendung und marschierte aus dem Büro. Ich kann mir gut vorstellen, was dieser abgebrühte Kerl nun gedacht haben mag: Belle nur, Bulldog, dir ziehen wir auch noch die Zähne. Wahrscheinlich keimte in ihm da auch schon der böse Plan, den Polizeichef mit dem armen entführten Mädchen zu erpressen. Er glaubte, in ihrer Todesangst würde die hübsche kleine Polin wohl die Lüge auf ihren katholischen Eid nehmen, dass Hamburgs Erster Polizeiherr der Freier einer Fünfzehnjährigen war. Es würde einen Heidenskandal geben.

  Ja, es war eine schmutzige Zeit, aber für Unkraut, das gern Unkraut ist, kann es gar nicht genug Dreck geben. Mochten feine Bürger die Dunstlast, die aus den Fleeten und Rinnsteinen, Pfützen und verfaulten Fässern, aus den Ritzen zwischen den Pflastersteinen und den Kehrichthaufen an den Ecken in ihre empfindsamen Nasen drang, als Gestank verabscheuen - für Leute wie Constabler Möller war es das Parfüm der großen Stadt, vom Leben höchstpersönlich aus ehrlichen Ingredienzien wie Dung und Fischkadaver, Sielwasser und dem Inhalt der aus den Fenstern entleerten Nachttöpfe destilliert, ein scharfer Duft, würzig wie der Geruch von Hass und Gier.

 


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