6. Kapitel: Im Kaiserspeicher

Montag, 20. August 2012
„Häuser aus der guten alten Zeit“: Diele eines Gebäudes an der Straße Neuer Wandrahm. © Museum für Hamburgische Geschichte

Im Westen des Grasbrooks, am Kehrwieder, standen noch viele Häuser aus der guten alten Zeit, in denen zwar keine Reeder und Kaufleute mehr wohnten, aber immerhin der Handwerksadel des Hafens: die Kessel- und Winkelschmiede, Schlosser, Maschinenbauer, Maschinisten, die Schiffszimmerer vom Holzschiffbau und die Eisenschiffbauer mit den Laschmachern, Nietern, Bohrern, Lochern und Zulochern, Stemmern, Spantenbiegern sowie den Facharbeitern an Hobel, Presse, Walze oder Schmiege von den Werften auf der Nachbarinsel Steinwerder. Blohm + Voss war gerade gegründet, wir sagten immer „Blume und Fuchs“, dazu die Ewerführer und die Kranführer. Hier gab es noch Bäcker, Fleischer, Krämer, Schuster und Schneider, kleine Hotels wie das „Tritonia“, Board and Lodginghouses für Kapitäne und Ingenieure, Seemannspensionen und Gasthäuser für Handelsreisende, Fuhrleute oder fremde Marktbesucher. In den Kneipen hingen Schiffsmodelle, Haifischknochen, Fischernetze, ausgestopftes Seegetier, Korallen, Trommeln aus Afrika und Muscheln aus der Südsee, zuweilen erschreckte wohl auch ein Schrumpfkopf aus Brasilien die allerdings seltenen Zartgemüter. Die Kulisse exotisch, ein Karthago des Kleinbürgertums, dahinter aber ein Babylon des Elends und des Lasters: Der Minotaurus der Moderne, der menschenfressende Ungeist des Alkohols, der Gewalt und der Gottlosigkeit, durchstreifte unersättlich die Elendsquartiere der Ungelernten und Handlanger, der Nichtstuer, Tagschläfer und Entwurzelten, ein unübersichtliches, von nur wenigen Gaslaternen spärlich beleuchtetes Labyrinth schmaler Gänge, Gassen, Twieten und Höfe, idealer Schlupfwinkel für Fünftalerdiebe, Kellermarder und Kobelweiber.

  Den Süden der Insel, wo Jack und Johnny als Kinder spielten, hatte der Fortschritt bereits verschlungen. An der Wasserlinie standen Schuppen Wand an Wand, dahinter die neuen großen Lagerhäuser, und dann das Gaswerk mit seinen beiden himmelhohen Schornsteinen und den drei buckligen Gasometern. Im Osten, im Wandrahmviertel, sah der Brook noch immer aus wie fünfzig Jahre früher, als Hamburg mit fast fünfundsechzigtausend Menschen auf dem Quadratkilometer die am dichtesten besiedelte Stadt der Welt war, ich habe es später nachgelesen, weit vor Paris, London, Birmingham oder Liverpool, weit auch vor dem Hongkong oder Schanghai unserer Tage. Auf engstem Raum hausten die nur angelernten Werftarbeiter, die Kreuzer, Knarrer, Antipperjungs und Nietenwärmer, die Ungelernten aus Montage, Stellagenbau, den Transport- und den Putzkolonnen, die nach Tausenden zählenden Schauerleute, die Akkord-, Speicher- und Bunkerarbeiter, vor allem aber das riesige Heer der Hilfs- und Gelegenheitsarbeiter, rechtlos wie die Kinder Israels im Lande Gosen; meist junge Männer aus allen Teilen des Reiches, die nur alle paar Tage einmal angeheuert wurden. In der Zwischenzeit tranken, spielten und stahlen sie und pflegten, wie ein Soziologe später schrieb, „einen Lebensstil aus Gewalt, Faulheit und Lebenslust“. Am Kehrwieder kam auf hundert Anwohner eine Kneipe, am Alten Wandrahm aber kam auf vierzig eine Kneipe, meist ganz üble Kellerlöcher, viele hatten nicht einmal einen Tresen, oder eine Toonbank, wie es damals hieß. Manche öffneten schon früh um fünf Uhr, damit sich die Männer auf dem Weg zur Arbeit die Taschenflaschen mit „Köm un Greun“, Kümmel und Magenbitter, füllen konnten. Auf dem Nachhauseweg jagten sie sich dann in einer der vielen Destillen am Wege einen "Lütt un Lütt" oder "eenen Groten to fief" durch die Kehlen, um dann zu Hause mit großem Radau ihre Weiber zu verprügeln.

  Der Kaiserspeicher war der größte Bau auf dem Brook. Er hieß offiziell „Kaispeicher A“, aber weil der Südrand des neuen Sandtorhafens in der monarchistischen Begeisterung der Entstehungszeit „Kaiserkai“ und seine Westspitze „Kaiserhöft“ genannt wurden, sagten die Hamburger prompt erst „Kaiserkaispeicher“ und bald kurz „Kaiserspeicher“. Es war ja damals plötzlich alles ziemlich kaiserlich in unserer kleinen Seerepublik, und später großdeutsch, und beides hat unserer schönen Stadt gar nicht gut getan. Damals konnte sich natürlich niemand vorstellen, dass das Reich zweimal gegen die ganze Welt Krieg führen würde, und dass es am Schluss auf Hamburg wirklich Feuer regnen würde wie einst auf Sodom und Gomorrha. Jetzt heißt der Bau wieder „Kaispeicher A“, und ist immer noch riesig, aber damals war er nicht nur groß, sondern auch prächtig anzuschauen, wie eine von diesen wundervollen englischen Kathedralen, sechs Stockwerke hoch, die Fassade üppig dekoriert, wie es damals Mode war, neugotisch mit recht vielen Simsen und Türmchen. Dazu der über fünfzig Meter hohe viereckige Turm, und auf dem Turm der Stahlmast mit dem großen Zeitball. Der Ball fiel jeden Mittag um Punkt zwölf Uhr herunter, aber nicht Hamburger Zeit, sondern Greenwich Time. Der Speicher war das Wahrzeichen des Hafens - und das natürliche Hauptquartier für den Boss auf dem Brook. Tags flogen vom Turm Falken aus, nachts Fledermäuse.

  Die Sonne stand schon ziemlich hoch; es war einer jener herrlichen Frühlingstage, die das Hamburger Wetter zu seinen wenigen Vorzügen rechnen kann. Von Jacks Büro ging der Blick nach Norden weit ins Alstertal hinauf, nach Süden bis zu den Schwarzen Bergen, im Westen nach Blankenese und nach Osten bis zu Ingenieur Lohses grandioser Eisenbahnbrücke über die Norderelbe. Vor dem Fenster zum Brook stand ein großes Fernrohr auf einem Dreifuß. Jack hatte sich einen Adlerhorst gebaut, aber die Kerle, die hier ein und ausgingen, waren Geier.

  Die Einrichtung atmete nicht hanseatische Nüchternheit, sondern schwelgte im neureichen Prunk der Gründerzeit, in einer frühen Form des wilhelminischen Bombast: überschwere Eichenschränke im Stil der Neorenaissance, gefüllt mit Schwertern und Degen. Jack hatte eine romantische Ader, er las Ritterromane, und zwar nicht den von Cervantes, sondern die von Gustav Freytag und den teutschen Donner-und-Doria-Dichtern der epochalen Zeit. Vitrinen mit Männerköpfen, Putten und Valuten präsentierten allerlei mit Elfenbein und Edelsteinen Geschmücktes aus Afrika, Südamerika und Fernost, wo immer unsere ehrbaren Kaufleute Abnehmer für ihre Glasperlen fanden. Wappengeschmückte Kommoden trugen chinesische Vasen. Zwischen Ölschinken mit Mittelalter-Motiven schwang eine Standuhr majestätisch das Pendel. Vor wandhohen Spiegeln und wallenden Brokatvorhängen standen Schemel, groß wie Elefantenkälber, in den knöcheltiefen Persern, ein Möbeldschungel voller Quasten und Troddel, wie von Makart gemalt – ich würde sagen: ein Blick in die altdeutsche Seele. Auf den goldenen Klinken kleine Kaiserkronen. Ich war später auch oben, nicht nur einmal, und habe mir alles angeschaut, auch den riesigen schwarzen Baldachin, wappengeschmückt wie ein Kreuzfahrerzelt, und das Badezimmer aus schwarzem Marmor, die vergoldete Wanne auf Löwenfüßen, und das echte Pariser Bidet, einziges Zugeständnis an nichtdeutsche Zivilisationsleistungen – in diesen Punkt eher das Interieur eines Casanova als das eines Condottiere. Jack hatte Frauen wie Salomo, und aus den besten Familien, solchen, die ihre Töchter nicht zur Welt bringen, sondern vom Stapel lassen; er gabelte die schnittigen kleinen Jachten bequemerweise in seinem Club auf, wo die jungen Ladys was erleben wollten; am nächsten Morgen wachten sie im Turm hoch über dem Hafen auf und hatten was erlebt. Die meisten kamen wieder, jedenfalls so lange sie durften.

  Als höchst gewichtiger Kontrapunkt zur Vergnügungsabteilung standen neben Jacks überladenem Schreibtisch der mannshohe Geldschrank, natürlich ebenfalls ein Arnheim, mindestens eine Tonne schwer, und ein Regal voller Wurfmesser. An der gegenüberliegenden Wand stellten wilde Gestalten auf einer übermannshohen Holztafel slawische Krieger beim Angriff auf Hamburg dar; die Spuren auf den Körpern der Heiden zeigten, wohin Jacks Übungswürfe zielten.

  Vor dem Schreibtisch lümmelte Wandrahm-Willy in einem grünen Ledersessel, der einst einem Hamburger Bürgermeister gehört hatte; jetzt kam dem edlen Möbelstück ein schmutziger Stiefel bedrohlich nahe. Neben Willy hockte Einauge mit höchstens einem Drittel seines Hinterns auf dem breiten Bismarcksofa und schielte mit großem Respekt auf den riesigen Molosser, der das Büro bewachte und auf den treuen Namen Armin hörte.

   Willy war der Sohn eines Ewerführers von der Bille und einer Bauerntochter aus den Vierlanden. Als er zehn war, zogen die Eltern an die Vorsetzen und starben an der Cholera. Der kleine Willy kam zu einem verwitweten Onkel am Alten Wandrahm, der Schlachter war und den Knaben lehrte, wie und wo Eisen am wirkungsvollsten in Fleisch drang. Er war aber auch ein Sadist und traktiert Willy mit dem Ochsenziemer. „Jemanden oft prügeln heißt, ihm aus der eigenen Haut einen Panzer schmieden“, sagt unser großer Hebbel. Als der Schlachter den Neffen wieder einmal verdrosch, stieß der Kleine ihm ein Abhäutemesser ins Gedärm. Der Fall wurde nie aufgeklärt, denn da Willy die Kasse verschwinden ließ, ging die Polizei von einem Raubmord aus, und das traute dem Knaben niemand zu, sie suchte also den großen Unbekannten.

  Willy kam ins Waisenhaus, fuhr aber bald als Schiffsjunge zur See und holte sich in den Hafenkneipen zwischen Tampico und Essequebo den Feinschliff für seine Verbrecherkarriere. Kurz vor dem Französischen Krieg meldete er sich zum Militär und machte im Hamburgischen Infanterieregiment 76 die Schlacht bei Loigny mit. Aber die Armee war nichts für ihn, seine Talente passten besser zu den Brookboys, Jack wurde aufmerksam und Willy bald seine rechte Hand. Manche meinten, er sei mit dem Messer schon ebenso so gut wie der Big Boss, und einige, er sei sogar besser, aber laut wagte das niemand zu sagen.

   Wie viele wohlhabende Hamburger hielt sich auch Jack einen englischen Butler. Es war ein im Dienst ergrauter, aber noch rüstiger Witwer namens Arthur Connally, der noch nicht lange in Hamburg war, aber schon ein bisschen Deutsch aufgeschnappt hatte und deshalb mehr verstand, als seine Herrschaft ahnte. Engländer stehen ja nicht in dem Ruf, besonders lernfreudig zu sein, was Fremdsprachen betrifft. Wir stöberten Arthur später in Notting Hill auf. Nach der großen Schlacht auf dem Brook konnte er der Polizei glaubhaft versichern, dass er überhaupt keine Ahnung hatte, zu wem ihn seine Agentur da eigentlich geschickt hatte, und das verwundert auch nicht, denn Jack besaß ein Benehmen wie ein Lord.

     Arthur kam gerade mit drei Whiskygläsern auf einem Tablett angesegelt und blickte indigniert auf Wandrahm-Willys Stiefel, aber die beiden Besucher, der eine mit der Narbe und der andere mit dem Knüppel, saßen hier nicht zum ersten Mal, und kamen dem braven Butler keineswegs verdächtig vor. Im Hafen wimmelte es von handfesten Kerlen, jeder Reeder und jeder Kaufmann hatte für den Notfall so ein paar halbzahme Raufbolde an der Hand.

  Einauge schien sehr nervös, er fuhr sich dauernd mit der Linken durch das kurze, flachsblonde Haar. Er hieß bürgerlich Jan Smuts, stammte aus einem Kuhdorf in Stormarn und war nicht immer ein böser Mensch gewesen, sondern ein tüchtiger Arbeit in einer Werkhalle in Barmbek, bis ein Treibriemen riss und ihm das linke Auge ausschlug. Der Fabrikbesitzer fürchtete, die Belegschaft könne den Unfall zum Anlass nehmen, moderne Schutzvorrichtungen zu verlangen, und warf den Verunglückten sicherheitshalber hinaus. Ein paar Wochen später zündete Smuts die Fabrik an und rettete sich vor der Polizei auf den Brook. So dumm wie treu, handelte Einauge zuverlässig nach der bewährten Ganovenregel, alles zu tun, ohne Fragen zu stellen. Der dicke Stock aus Hickoryholz lag in seinem Schoß.

  Jack gab der gewaltigen Dogge einen Klaps auf das braune Fell, trat ans Fenster und zündete sich eine Virginia an. Die Sonne konnte damals auf dem Brook kaum anders, als jeden Morgen brutal die Hässlichkeit der Elendsquartiere zu entblößen, Jack aber sah die Slums mit anderen Augen, sie waren ja sein Reich. 

  „Ist er noch im Hotel?“ fragte er und betrachtete die Gewitterwolken, die sich von Süden her über die Schwarzen Berge schoben.

  „Jou“, antwortete Einauge.

  „Sicher?“ fragte Jack noch einmal.

  „Jou.“ 

 „Und das Frettchen?“

  „Passt op.“

  „Bist du aus’m Harz?“ fragte Willy.

  „Wieso?“

  „Weil du nur in Brocken redest.“

  Jack sah Einauge scharf an. „Und Nell auch?“

  „Wat?“

  „Ob Nell auch noch im Hotel ist, du Wiedehopf!“

  Willy ließ den Dolch aus dem Ärmel gleiten und säuberte sich die Fingernägel.

  „Nee“, entfuhr es dem Einäugigen in der ganzen Unschuld seiner Blödigkeit, „de is' vörhin zum Brooktor getreckt, mit so'm groten dicken Waschwief.“

  Arthur, der Whiskygläser herumreichte, hatte den Eindruck, als wäre der Mann mit der Narbe plötzlich noch einen Grad blasser geworden.

  „Wann?“ fragte Jack und schaute nach Süden. Über den Schwarzen Bergen braute sich sichtlich was zusammen.

  „Vör'ne Stünn“, sagte Smuts. Sein einziges Auge ruckte besorgt hin und her.

  „Und wie sah dieses große dicke Waschweib aus?“ bohrte Jack.

  „Dat Gesicht von der fetten Goos konnt' ik nich sehn, sie trug jo die Hube so deep.“ Jetzt begriff Einauge endlich und schlug sich gegen die Stirn.

  Willy knurrte gequält.

  „Doof, Dover, Calais“, sagte Jack zu seinem Leutnant. „Das kommt davon, dass du dich immer mit solchen Dummbüdeln abgibst.“ Ärgerlich wandte er sich wieder Einauge zu. „Und die Seekiste?“

  „Mutt no im Hotel sin“, sagte Smuts kläglich.

  „Du Dösbaddel!“ schimpfte Willy. „Der Kerl ist an euch vorbeispaziert, mit den Opiumpäckchen als Buukbinde, und jetzt sitzt ihr da mit eurem Talent!“

  „Das Schlimmste an der Doofheit ist, dass die Doofen gar nicht merken, dass sie doof sind“, sagte Jack zu ihm und fragte Smuts: „Weißt du wenigstens, wo sie hin sind?“

  „Brooktor, hebb ik doch seggt“, versuchte Einauge zu retten, was nicht mehr zu retten war.

  „Er wird dort was stekum haben“, sagte Jack zu Willy.

  Willy nickte.

 „Möller soll heute Abend mal antanzen“, sagte Jack. „Was erzählen denn unsere gut katholischen Portugiesen?“

  „Der Kerl hat in Schanghai angeheuert“, berichtete Willy. „Verhielt sich die ganze Zeit ganz unauffällig. Als das Schiff gestern am Alten Jonas lag, tat er dem Käpt’n und der Crew was Opium in den Wein, segelte los und steckte die Takelage an.“

  „Ganz schön ville, für einen einzigen Mann“, sagte Jack zweifelnd.

  „Er hat die Rahen einzeln hochgezogen, die Segel aber nicht gleich losgemacht“, sagte Willy. „Als die Flut kam, löste er die Rahbändsel, und schon standen die Segel, er brauchte bloß noch ein bisschen zu steuern. Aber wieso setzt er eigentlich Segel, die Flut schiebt den Kahn doch ohne Wind rein.“

  „Macht mehr her, wenn sie brennen“, sagte Jack. „Und die Tampen?“

  „Durchgehauen.“

  „Da gibt’s nicht viele, denen man so was zutrauen kann.“

  „Und an wen denkst du da?“ fragte Wandrahm-Willy.

  „An meinen alten Freund Johnny.“

  „Was?“ Willy starrte ihn überrascht an. „Der damals den Constabler abgemurkst hat?“

  „Genau der. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Nell das für einen anderen getan hätte.“ 

  Willy wusste jetzt wohl nicht recht, was er denken sollte. Dass Nell mal mit Johnny zusammen war, wusste er damals noch nicht, denn daran erinnerte sich niemand mehr außer Jack, der darüber schwieg. Aber jeder wusste, dass Jack und Johnny dicke Freunde gewesen waren. Und hatte Jack damals nicht überall herumerzählt, dass Johnny vor seinen Augen untergegangen sei?

  „Ich dachte, der ist tot“, wunderte sich Willy.

  „Ja, das sollten ja alle denken“, sagte Jack. „So hatten wir’s ausgemacht, damit die Krimsche bei uns nicht so viele Steine umdreht. Hat sie aber trotzdem gemacht.“ 

  Das leuchtete Willy ein. „Und wie war’s nun wirklich?“

  „Ich hab’ ihn auf einem Portugiesen abgeliefert“, sagte Jack. „Er lief noch in der Nacht aus. Nach Macao. Und weißt du, welches Schiff das war? Die ‚Heilige Jungfrau von Sagres’.“

  „Donnerwetter! Das ist aber mal ‚ne Neuigkeit.“

  „Tja. Ich hab’ wirklich nicht mehr damit gerechnet, dass er zurückkommt“, sagte Jack. „Dabei stammt er vom Kehrwieder, das hätte mir eigentlich was sagen sollen.“ Er grinste.

  „Und deshalb zündet er das Schiff an? Das ist doch alles zwanzig Jahre her, da müssen inzwischen ganz andere Leute drauf fahren.“

  „Ja, sollte man denken, nicht? Vielleicht war's aber gar nicht Rache, sondern er machte ein Feuerchen, damit alle sehen, dass er wieder da ist.“

  „Ja, so’n Randal spricht sich natürlich herum!“

  Jack paffte an seiner Virginia.

  „Richtiges Trallala, wie in der Oper!“ sagte Willy bewundernd.

  „In der Oper brennt es immer erst am Schluss“, sagte Jack.

  „Wenn das die Ouvertüre war, bin ich mal gespannt, wie das Finale aussieht.“

  „Wenn's nach dem guten alten Johnny geht, wahrscheinlich ziemlich furioso“, sagte Jack. „Das ist wirklich mal was anderes. Gewöhnlich kommen Leute, die was auf'm Kerbholz haben, bisschen unauffälliger nach Hause.“

  "Und was jetzt?"

  "Müssen wir ihn schnellstmöglich auftreiben. Rausfinden, was er vorhat. Wenn ihn die Blauen schnappen, erzählt er vielleicht sonst was. Und wenn ihn die Gelben erwischen, ist das Opium futsch, und er auch. Die Schlitzaugen haben es nun mal nicht gern, wenn ihnen jemand in die Quere kommt. Da fällt mir ein, Johnny hat doch da diesen schlappen Bruder, den Freddy, im Steetshof. Geh mal hin, vielleicht wissen die Leute dort was.“ 

  „Oder Freddy“, sagte Willy.

  „Oder Freddy“, sagte Jack. „Mach ihm klar, dass wir für seinen großen Bruder nur das Beste wollen. Freddy schuldet mir schon genug Geld, vielleicht hilft ihm das auf die Sprünge.“

  So oder so ähnlich muss Jack sich jedenfalls ausgedrückt haben; ich glaube aber nicht, dass er dabei bedachte, was solche Bemerkungen in Köpfen wie dem von Jan Smuts bewirken konnten.



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