„Kein Weiser jammert um Verlust“

Dienstag, 21. August 2012
„Elfmeter geschenkt“: Messi versemmelt gegen ter Stegen © Imago/ActionPictures

Die sportlichen Folgen von Favoritenstürzen sind seit langem bestens bekannt: Faule Eier und Tomaten, schmachvolle Schlagzeilen, fiese Frotzeleien im Fernsehen und, für Deutsche am schlimmsten: Hohngelächter aus Holland. Das haben wir zuletzt allerdings nur noch selten gehört. Unsere Kicker machen sich inzwischen die Pleiten lieber selber, z.B. im DFB-Pokal. Das hat den Vorteil, dass es für jeden schlappen Verlierer aus der Bundesliga immer auch einen gefeierten Sieger aus dem unteren Rängen gibt.  

Was aber bedeutet es politisch, wirtschaftlich, kulturell und psychologisch, wenn England mal wieder nach dem Elfmeterschießen einpackt, Italien gegen Spanien im Finale abendfüllend baden geht, oder Brasilien bei Olympia nur auf der traditionellen Leverkusen-Position landet? So wie Siege den Regierungen nutzen, schaden ihnen Schlappen. In der Pampas haute die Präsidenten nach Pleiten zuweilen ganz schnell mal ein Putsch aus den Polstern. Zurzeit hat der Gaucho besonders wenig Geduld, weil Messi fast nur für Barcelona oder gegen Deutschland trifft. Zum Glück haben wir ihnen diesmal gleich auch noch einen Platzverweis, einen Elfmeter und, als das noch immer nicht reichte, sogar ein Eigentor geschenkt.

Noch fatalere Folgen drohen zuweilen in Fußballeuropa: Die Spanier waren früher öfters mal kurz davor, Spieler, Trainer und Offizielle ins Kloster zu schicken und die Pyrenäen für alle Touristen zu sperren, die vor dem Fernseher gelacht haben. Italien rief die Anarchie, die Drei-Tage-Woche und den Generalstreik aus, bis plötzlich doch wieder ein WM-Titel ins Haus schneite. Und in Russland fallen nach Pleiten Putin aus der Rolle und die Duma ins Koma.

Auch in der Wirtschaft bleiben Fußballpleiten nicht immer folgenlos. Ein Fiat-Werbespot ließ einst den Spaghetti-Superstar Totti gegen den Kartoffel-Kämpen Ballack dribbeln, der Deutsche grätscht ins Leere – Tor für Italien! Und damit wollten sie hier bei uns ihre Kisten verkaufen. Dabei konnten sie von Glück reden, dass nach der letzten Niederlage im EM-Halbfinale nicht allen Azurri-Autos in Alemannia die Luft rausgelassen wurde. Schlechte Geschäfte warten auch auf Spaniens Sangria-Mixer, sollten sie sich auch bei der nächsten WM in Brasilien wieder als humorlose Germanen-Killer erweisen. Besonders verheerend sind die Folgen für die Franzosen, dort gibt es nur noch 370 Käsesorten – ein Käse fehlt, nämlich der, den sie seit Jahren spielen. Und sollten die Engländer auf dem Platz auch in Zukunft technisch so stark auftrumpfen wie im Automobilbau, wiegt das Pfund demnächst nur noch ein Gramm.

England hat Shakespeare und Rooney, Frankreich Voltaire und Ribéry, Italien Dante und Balotelli, Spanien Cervantes und Xavi – wenn solche Nationen auf die Nase fallen, reißen sie tiefe Löcher ins kulturelle Niveau. Und nicht immer entsteht aus einer Giga-Pleite ein solches Epos wie anno ehedem, als Hagen die Nibelungen zum Finale um den Kriemhild-Cup in Attilas Hunnenland führte und dort alle Mann wegen groben Foulspiels vom Platz gestellt wurden!

Bei den großen Turnieren backen die Franzosen schon lange ganz kleine Baguettes, die Grande Nation schrumpft zur Petit Portion. Jeder Favoritensturz quält die Volksseele auf Jahren. Unsere DFB-Jungs sind zwar immer vorn mit dabei, aber zweite und dritte Plätze sind ihren Fans inzwischen nicht mehr genug, und die teutonische Fußballseele beginnt trotz Tempo-Taktik langsam zu leiden. Ist das gerecht? Spanien litt siebzig Jahre lang Tantalusqualen, ein vierter Platz in ferner Fußball-Steinzeit, das war’s – stammt aus dieser Dauerschmach das traurige Timbre in den Schluchzliedern der Flanell-Kehle Julio Iglesias? Heute klingt aus Iberien regelmäßig Triumphgeschrei nach Mitteleuropa.

England gewann nur ein einziges Mal, und auch das nur durch die Missgunst eines sowjetischen Linienrichters – erklären sich daraus die notorisch mangelhaften Manieren ihrer Fan-Kohorten? Für den Sieg gibt es keinen Ersatz, doch auch der Niederlage lässt sich Positives abgewinnen. Schon Shakespeare wusste: „Kein Weiser jammert um Verlust, er sucht mit freud’gem Mut ihn zu ersetzen.“ Die Briten haben ihr Scheitern mit Fassung getragen, da sollten auch wir nicht länger über Jogi & Co. meckern. Denn jetzt ist sie endlich zu Ende, die schreckliche, fußballlose Zeit. Der Pokal hielt auch diesmal, was er immer verspricht, der Kampf um die Meisterschaft wird sicher wieder spannend, die WM-Quali läuft an – Fußballherz, was willst du mehr!  

 

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