Das letzte Geheimnis der Himmelsscheibe

Freitag, 26. April 2013

Rätsel der Geschichte (4): Wie das Superhirn der Steinzeit ein Weltwunder schmiedete.

Geheimnisvolles geschieht im nächtlichen Tal der Unstrut: Ein bärtiger Hüne kauert vor einer glühenden Grube, zieht mit einer Zange ein seltsames Material aus der Lohe, hebt einen Hammer; dumpf hallen Schläge bis ins nächste Steinzeit-Dorf...

Der Schmied ist kein gewöhnlicher Handwerker: Als Astronom berechnet er den ersten Fahrplan für die Feldbestellung. Als Künstler formt er ein Werk, das ihm Ruhm und Macht verschafft. Und als Fürst herrscht er bald über ein Reich mit Handelsverbindungen bis nach Ägypten und Babylon.

Archäologen nennen ihn den „Herrn der Himmelsscheibe“. Doch 14 Jahre nach dem Sensationsfund von Nebra in Sachsen-Anhalt haben Forscher noch Verblüffenderes herausgefunden: Der 2300 Gramm schwere Steinzeit-Kalender aus Gold und Bronze hatte nicht nur einen, sondern mindestens vier Besitzer, und er diente jedem in einer anderen Funktion.  

Der Schöpfer der Scheibe ist das Superhirn seiner Zeit: „Er verfügte über außerordentliche Erkenntnisse, die er entweder durch lange Beobachtung des Himmels oder auf langen Reisen bis in den Orient erworben hat“, sagt Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Prof. Dr. Harald Meller, der den einzigartigen Fund erst mit Polizeihilfe Hehlern abjagen musste, bevor er ihn untersuchen konnte.

Sonne, Mond und 32 Sternpunkte zeigen, so Rahlf Hansen von der Sternwarte der Universität Hamburg, den Himmel in einer für die Bauern der Steinzeit besonders wichtigen Phase: „Vor viertausend Jahren hatte man eine genauso schmale Sichel im Frühlingsmonat bei den Plejaden“, sagt der Astronom, „und zwölf Tage später bei Vollmond den Frühlingsanfang“ – den günstigsten Tag für die Aussaat von Einkorn und Emmer, den Weizensorten der Steinzeit.

Das Siebengestirn ist die auffälligste Konstellation auf diesem ersten Himmelsbild der Menschheitsgeschichte. Auch Ägypter und Babylonier richten ihre Kalender nach dem strahlenden Sternhaufen aus. Damals gibt es in Mitteleuropa noch keine Schrift; die Scheibe komprimiert das Wissen der Hochkulturen an Nil und Euphrat in einer einzigen Grafik.

Die geheimen Kenntnisse sind ein unschätzbares Kapital: Archäologen identifizieren den „Herrn der Himmelsscheibe“ mit dem „Fürsten von Leubingen“ aus einem Hügelgrab 42 Kilometer westlich von Nebra. Neben dem Skelett liegen als ungewöhnliche Beigaben Amboss und Meißel. Die Jahresringe der Eichenholzbalken liefern das Todesjahr: 1942 v.Chr.

„Er ist der erste Machthaber in Mitteldeutschland, den wir fassen können“, sagt Archäologe Meller. „Damals gab es noch keine Dynastien, und Herrschaft gründete sich nicht auf vornehme Abkunft, sondern auf Wissensvorsprung“ – der Klügste, nicht der Stärkste, ging dem Volk voran.

Die Macht des Metallurgen reichte weit: „Er kontrollierte große Gebiete“, sagt Meller, „und konnte Einfluss nehmen auf Handelswege, auf die Verteilung von Metall, Salz und anderen Gütern.“ Europa ist auch damals ein Wirtschaftsraum ohne Grenzen: Aus dem Süden kommen Rohmetalle für Waffen und bunter Muschelschmuck für die Frauen, Bernstein aus dem Norden wird nach Ägypten weiterverkauft, Mitteleuropa liefert das kostbare Salz und die besten Werkzeuge.

Das neueste Hightech-Produkt heißt Bronze: 97,5 Prozent Kupfer, gehärtet mit 2,5 Prozent Zinn bei 1200 Grad. Im Archäometriezentrum der Universität Mannheim finden Metallspezialisten heraus: Das Kupfer für die Himmelsscheibe stammt aus prähistorischen Bergwerken am Hochkönig im Herzen des Salzburger Landes, Gold und Zinn wiederum kamen über die Nordsee aus Gruben im Südwesten Englands. 

Der Kalender soll das Wissen um die Himmelsmechanik bewahren. Nach dem Steinzeit-Genie fügt ein neuer Eigentümer neue Informationen ein: Er hämmert zwei goldene Horizontalbögen in die Scheibe. Sie markieren den Lauf der Sonne am mitteldeutschen Himmel, verdecken aber einige Sterne und verfälschen das ursprüngliche Bild.

Noch später baut ein weiterer Besitzer den Kalender zum religiösen Symbol um: Nun segelt wie auf nordischen Fels- und ägyptischen Grabbildern die Sonne in einer Barke über den Himmel. Der Glaube an die Auferstehung ist geboren, die Hoffnung auf Rückkehr der Seele aus dem Totenreich überwindet die Geisterfurcht des steinzeitlichen Schamanentums.

Damit verliert die Bronzeplatte wohl ihren praktischen Nutzen, nicht aber ihr Prestige: Ein neuer Fürst schlägt Löcher in den Rand, hängt das Bronzeblech wie ein Reklameschild an eine Stange und trägt sie als Standarte vor sich her. Die Himmelsscheibe, einst geheimgehalten, dann geheimnisumwittert, wird zum Herrschaftszeichen, ihr Besitz gewinnt und garantiert die Macht.

Und als ihr Glanz eines Tages verblasst, wird sie auch selbst ganz wie ein Herrscher begraben: mit wertvollen Bronzewaffen auf dem 252 Meter hohen Mittelberg bei Nebra. Der Birkenholzrest eines Schwertgriffs ermöglicht die exakte Datierung der feierlichen Beisetzung: 1600 v.Chr.

Skelette auf einem prähistorischen Friedhof bei Salzmünde an der Saale verraten: In den vier Jahrhunderten zwischen Guss und Grab der Himmelsscheibe von Nebra gibt es in der Mitte Deutschlands weder Hunger noch Seuchen oder Kriege. Erst als der steinzeitliche Sternendiskus unter der Erde liegt, werden überall neue Waffen geschmiedet und Burgen gebaut: Der Zauber ist zerstört, der Bann des Guten gebrochen, das Goldene Zeitalter für immer vorbei.

Morgen: Auf den Spuren des Heiligen Grals

 

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