Zittert, die Hexen kommen!

Freitag, 24. Januar 2014

Vor einem Vierteljahrhundert rollte eine gefährliche Welle durch die Bundesrepublik: Mit der New Age-Bewegung kamen Hexenkulte, Satanismus, Schwarze Magie. Nordrhein-Westfalens Kultusminister Hans Schwier (SPD) appellierte an Lehrer, die Verbreitung der neuen Droge Okkultismus nicht zu unterschätzen. Unser Bericht vom 14. Februar 1988 schildert die Hintergründe.

Mit dem „eindringlichen Appell, die neue Droge Okkultismus nicht zu unterschätzen", hat sich der nordrhein-westfälische SPD-Kultusminister Hans Schwier an die Lehrerinnen und Lehrer des Landes gewandt. Die Meldungen über okkulte Bewegungen unter den Schülern, so Schwier, hätten „ein bedenkliches Ausmaß angenommen". Wörtlich erklärte der SPD-Minister in Düsseldorf: „Die Überantwortung der Zukunft an Karten, Pendel, Hexen heißt in Wirklichkeit, dass Jugendliche die Entscheidung

über ihr Leben teilweise gewissenlosen Vermarktern und Förderern der Schwächen anderer anvertrauen. Dies sollten auch Lehrerinnen wissen, die sich leichtfertig in der Schule als Hexen bezeichnen..."

Die Zauberinnen, die der Minister gleich zweimal beschwor, bilden eine der schillerndsten Sparten des neuen Aberglaubens, der unter dem Sammelbegriff „New Age" Furore macht. Nach Schätzungen der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungen in Stuttgart zählt der moderne Hexenkult bereits mehr als 10.000 Anhängerinnen in Deutschland. Schon gibt es in 70 deutschen Städten sogenannte Hexen-Konvente und in fast jeder Großstadt Hexenladen mit genretypischem Zubehör, vom magischen Spiegel für 240 Mark bis zur Bergkristallkugel für 490 Mark.

Devotionalien-Versandhäuser führen Hexenschmuck und Kelche, Räucherschalen und selbstzündende Kohletabletten sowie die für die Rituale notwendigen Räucherstoffe, Kräuter und Öle im Katalog. Die Mischungen werden laut Katalog nach „altägyptischen Rezepten" und „Rezepten aus der keltischen Tradition" hergestellt. Bücher mit Anleitungen zu Hexenbeschwörungen offeriert ein Dutzend deutscher Verlage, die sich auf Okkultes und Esoterisches spezialisiert haben.

Seit jeher führen in der Bundesrepublik jährlich rund 70 Frauen vor allem aus ländlichen Gegenden Prozesse wegen Verleumdung, weil sie als Hexen diffamiert werden, wenn Scheunen brennen oder Kühe zu wenig Milch geben. Die neuen Hexen dagegen sprechen offen über ihre angeblichen Fähigkeiten. Sie sehen sich in der Tradition von Priesterinnen vorchristlicher Kulte aus Mesopotamien und Ägypten, Griechenland und Rom, vor allem aber der keltischen Naturregion.

Sie sind Jüngerinnen einer Bewegung, die 1951 in England ihren Ausgang nahm: damals wurde dort ein als nicht mehr zeitgemäß empfundenes Gesetz gegen Hexerei abgeschafft. Kurz darauf erklärte der Autor Gerald B. Gardner, er habe in seiner Gegend Hexen ausfindig gemacht und sei von ihnen in alte Hexenkulte eingeführt worden. Mitte der 50er Jahre gründete Gardner eine hierarchisch organisierte Kultgemeinde, die sich bald auch in den USA ausbreitete. Nach ihm nennt sich ein Teil der Hexen-Bewegung heute „Gardnerians".

Ebenfalls in England gründete Alexander Sanders, nach dem sich andere Anhänger und Anhängerinnen der Hexen-Bewegung als „Alexandrians" bezeichnen, einen „Wicca-Kult" (nach einem altenglischen Wort für Hexenzirkel). Der ehemalige Fabrikarbeiter nennt sich „König der Hexen" und brachte es durch Vortragsreisen auf 17 Villen - auch auf den Seychellen, Barbados und Kreta.

Anfang der 70er Jahre begannen auch Mitglieder der Frauenbewegung, sich als neue Hexen zu bezeichnen. 1977 wurde in Rom ein 17jähriges Mädchen brutal vergewaltigt. Es starb an den Folgen. Die Täter erhielten milde Strafen. Daraufhin zogen 100.000 italienische Feministinnen auf einer nächtlichen Großdemonstration durch Rom und skandierten: „Tremate, tremate, le streghe son tornate" - „Zittert, zittert, die Hexen sind zurückgekehrt."

In der Walpurgisnacht am 30. April 1978 verkleideten sich auch bundesdeutsche Feministinnen bei Demonstrationen in Hamburg, Berlin, Frankfurt und München als Hexen. „Hexenturn und Hexenglaube sind zu einer neuen Religion geworden", erklärt der Münchner Pfarrer und Sektenbeauftragte der Evangelischen Kirche Friedrich-Wilhelm Haack, „ich möchte sehr davor warnen, sich auf derartige religiöse Abenteuer einzulassen."

Sein katholischer Amtsbruder Hans Liebl, Sektenbeauftragter beim Erzbischöflichen Ordinariat in München, fürchtet: „Der leichtfertige Umgang mit angeblich magischen Kräften kann zu schweren psychischen Schäden führen."

Die neuen Hexen reisen zu vermeintlich magischen Orten wie den vorgeschichtlichen Steinsetzungen Stonehenge in Südengland oder Carnac in der Bretagne, aber auch zu norddeutschen Hünengräbern oder den Externsteinen bei Detmold im Teutoburger Wald.

Der Esoterik-Verleger Manfred Himmel bietet „Exclusive Wochenend-Seminare" zum Preis von 245 Mark für Frauen an, die Hexen werden wollen.

Angelika Koppe, 34, und ihre um zwei Jahre jüngere Kollegin Heidi Reichelt leiten in Wiesbaden die „Hexenschule Rheingau, Verein für Gesundheitsvorsorge, Bildung und Beratung für Frauen e.V." Heidi Reichelt über das Programm: „Wir reisen, veranstalten Seminare, Kurse und Exkursionen zu alten Plätzen. Wir feiern im Einklang mit dem Mondzyklus unsere Frauenfeste, um uns wieder in den jahrtausendealten Rhythmus einzuleben. Wir sammeln Heilkräuter und wollen neue - alte – Methoden der natürlichen Verhütung wiederentdecken: ohne Chemie- und Pharmaindustrie. Unter dem Titel ,Zurück zu dir‘ bieten wir Seminare über Trance, Phantasiereisen und geleitete Träume an."

Zu den renommiertesten deutschen Hexen gehören:

• Die ehemalige Münchner Medizinstudentin Ute Schiran, 41. Sie gründete vor 13 Jahren in München ein feministisches Gesundheitszentrum und betreibt heute im schwäbischen Aalen ein nach der altmesopotamischen Muttergöttin „Inanna" benanntes „Freies Institut für matriarchale Philosophie, Forschung und Lehre e.V.". Außerdem veranstaltet sie in Hüttlingen auf der Schwäbischen Alb fünftägige Hexenkurse für 540 Mark (Vollpension). Der Besuch einer urkeltischen Kultstätte auf dem Berg Ipf ist inbegriffen.

• Die Hamburger Psychotherapeutin und Astrologin Silke Beyn, die lange bei Ute Schiran arbeitete und sich als Hexe „Attis" nennt - nach dem mythischen Geliebten der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Kybele. Für drei astrologische Sitzungen mit Horoskop nimmt sie 200 Mark.

• Eine aus dem Ruhrgebiet stammende 32jährige lesbische Fotografin aus Hamburg, die sich „Argante" nennt und als „Wicca-Priesterin" bezeichnet. Sie kam während eines fünfjährigen Aufenthalts in New York mit amerikanischen Hexenkonventen in Kontakt und verfügt nach eigenen Angaben bereits über 34 verschiedene Rezepte für eine Hexen-Salbe, mit der man fliegen könne.

• Eine 51jährige Beamtin im Sozialpsychiatrischen Dienst einer westdeutschen Großstadt, die sich nach der griechischen Erdgöttin „Gaea" nennt.

Sexualität im Rahmen des Hexen-Kultes üben die modernen Hexen laut Hexen-Literatur nicht nur wie beim dianischen Ritual mit ihresgleichen aus, sondern ebenso mit Männern. Und: Auch Männer können Mitglieder der neuen Hexenkonvente werden. Das Einweihungsritual wird „Annehmen matriarchalischer Männlichkeit" genannt.

Als Mitglieder des Konvents nehmen Männer auch am „Großen Ritus" teil. „Für viele Frauen der magischen Zirkel ist dieser Brauch noch immer eine große Herausforderung", berichtet Amerikas führende Hexe Zsuzsanna E. Budapest, „während die heidnischen Männer großes Vergnügen daran finden, da die Frauen bei diesen Ritualen ihre Partner wechseln und sich im Lauf der Nacht mit mehr als einem Mann vereinen."

„Denn", so die Autorin, „die sexuellen Wertmaßstäbe der Göttin bestimmen, dass sexuelle Gunst ,gleichmäßig und gerecht' verteilt werden, dass man ihr zu Ehren mehr als einen Partner lieben soll … Die heilende Kraft der Sexualität, die im Organismus vitale Energien freisetzt, beweist, dass hier eine wahrhaft göttliche Energiequelle angezapft wird."



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