Wen der SFB 1984 so alles über Gewalt diskutieren ließ

Dienstag, 18. März 2014

Gastarbeiter aus der „DDR“, Vulgäres von Wolfgang Menge: In „TELE-RETRO“ zeigen „Teletäglich“-Kolumnen, welche Themen das Fernsehen vor 30 Jahren wichtig nahm und was es daraus machte. Heute: Die Ausgabe vom 18. März 84.

In der SFB-Sendung „Berliner Platz" am Dienstag diskutierten Studiogäste und Publikum über die Urteile gegen zwei wegen Aufrufs zur Gewalt verurteilte Mitarbeiter des Linken Kampfblatts „Radikal". Unter anderem meldeten sich zu Wort:

• ein Richter (ÖTV-Mitglied),

• ein Mitglied der SPD-Fraktion,

• der einstige Apo-Ideologe Strasser,

• ein Redakteur der linken „taz“

• zwei Schüler, die offenbar von anderen vorbereitete, ihnen selbst nicht ganz verständliche Fragen von Zetteln ablasen,

• der Pressesprecher der Berliner Justiz.

Schlussbemerkung von Moderator Boehncke: „Diese Sendung kam aus Berlin, und ich wünsche allen, die jetzt zu Hause am Schirm sitzen, viel Spaß bei der nächsten Sendung, und die heißt ,Stadt der Verlorenen'."

Nomen est…

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Im ZDF-Magazin „Kennzeichen D“ am Mittwoch meinte Moderator Jauer nach einem Bericht über aus der „DDR" in die Bundesrepublik ausgereiste Familien: „Sinnvoller und menschlicher wäre wohl ein normales Hin und Her, Reisefreiheit ohne erzwungene Aufgabe der bisherigen Existenz. Wie annähernd normal so etwas gehen könnte, zeigt der nächste Bericht." Dann folgte ein Beitrag über "DDR"-Gastarbeiter, die auf Baustellen in der Bundesrepublik eingesetzt sind. Die "DDR" kassiert für sie den normalen Lohn. gibt aber nur ein Drittel davon an die Arbeiter weiter. Für Jauer offenbar "annähernd normal"

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Im amerikanischen Privatfernsehen werden vulgäre Ausdrucke stets durch Summtöne ersetzt. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Bundesrepublik ist das anders: In der Preußen-Serie „So lebten sie alle Tage" (Autor: Wolfgang Menge) am Mittwoch in der ARD zum Beispiel sagten

ein Justitiar zu einem Kammergerichtsrat: „Ja vögelt man denn in Berlin nur seine eigene Ehefrau?"

Ein Richter zum anderen: "Mensch, ficken Sie sich doch nicht ins Knie!“

Gossensprache im Familienprogramm um 20.15 Uhr. Und noch einmal in der Wiederholung am Donnerstagvormittag.

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In einem Bericht zur Bundestagsdebatte über die Lage der Nation am Donnerstag gaben die ARD-Tagesthemen für Kanzler Kohl insgesamt eine Minute und fünf Sekunden Sendezeit aus, für Oppositionschef Vogel doppelt so viel: zwei Minuten und 20 Sekunden. Zur Erinnerung: Am 6. März 1983 erhielt die CDU/CSU 48,8 Prozent der Stimmen, die SPD 38,2 Prozent.

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Am Freitag sendete das ZDF den mexikanischen Spielfilm "Das Haus des Pelikans". Handlung: Eine junge Lehrerin wird vom Dorftrottel vergewaltigt. Sie bringt ein Kind zur Welt. Ihr Geliebter stirbt kurz vor der Hochzeit an Typhus. Die Lehrerin verschweigt ihrem Sohn, wer sein Vater war. Der Sohn erfährt es aber doch - und wendet sich von der Mutter ab. Daraufhin bringt die Mutter ihren Sohn um. Dazu der ZDF-Pressetext: „Ein ambitionierter, sozialkritischer Film. Hier korrespondiert die  Unfähigkeit des Filmhelden, seine eigene soziale und psychische Identität zu finden, mit der gesellschaftlichen Realität des einheimischen Zuschauers."

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Vergangenen Sonntag kein Spielfilm in ARD und ZDF, diesen Sonntag auch nicht. Methode?

Anmerkungen

Der SPD-nahe TV-Journalist Justus Boehncke leitete Ende der 80er Jahre die extrem linkslastige SFB-Sendereihe „Berliner Platz“ und wurde anschließend Spiel- und Unterhaltungschef des Senders. 

Der Politologe, Publizist und Schriftsteller Johano Strasser habilitierte sich 1977 in Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Anschließend lehrte er dort als Privatdozent. Eine Professorenstelle an der Pädagogischen Hochschule West-Berlin wurde ihm, ausgelöst durch ein Sittlichkeitsverfahren, verweigert: Im Oktober 1970 wurde er von einer Strafkammer des Landgerichts Mainz in der Berufungsinstanz wegen Beleidigung (telefonische sexuelle Belästigung mehrerer Frauen) rechtskräftig verurteilt. In den 1970er-Jahren engagierte er sich als programmatischer Vor- und Querdenker bei den Jungsozialisten, von 1970 bis 1975 war er ihr stellvertretender Bundesvorsitzender. Seit 1975 ist er Mitglied der Grundwertekommission der SPD.

Der TV-Journalist Joachim Jauer leitete 1978-82 das ZDF-Büro in Ostberlin und danach das ZDF-Magazin „Kennzeichen D“. 1984 wurde er Hauptstadt-Korrespondent, 1987 leitete er das ZDF-Büro Wien. 1990-2002 arbeitete er erneut für „Kennzeichen D“. In seinem Buch „Urbi et Gorbi – Christen als Wegbereiter der Wende“ (2009) zum 20. Jahrestages der Maueröffnung beschrieb Jauer, wie Papst Johannes Paul II. mit der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność Anfang der 1980er Jahre die Wende anstieß und der sowjetische KP-Generalsekretär Gorbatschow später die weitere Entwicklung bis zur Öffnung des Eisernen Vorhangs zuließ. Der Autor würdigte dabei auch die bedeutsame Vorarbeit, die Polen, Ungarn und einzelne Christen mit großem Mut leisteten.

Wolfgang Menge (1924-2012) schrieb 1993 die TV-Serie „Motzki“ als ost-westdeutsche Neuauflage seiner Serie „Ein Herz und eine Seele“ (1973–1976) um die Kunstfigur „Ekel Alfred“. „Motzki“ stieß in Ostdeutschland wegen seiner gegen die Wiedervereinigung gerichtete Tendenz auf starke Kritik.



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