Ehe vor 30 Jahren: Der Kampf um das Haushaltsgeld

Dienstag, 15. April 2014

Auf keinem anderen Gebiet hat sich die bundesdeutsche Gesellschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten so gründlich gewandelt wie im Verhältnis der Geschlechter. Noch 1984 mussten Ehefrauen gegen ihre Männer Prozesse um das Geld für den täglichen Bedarf führen. Der Bericht aus einer großen deutschen Frauenzeitschrift schildert schier unglaubliche Fälle.

Erika M. [32), Ehefrau aus Recklinghausen, hatte beim Bäcker  schon 500 Mark, beim Metzger 300 Mark Schulden, wusste kaum noch ein noch aus. Hauptgrund: Ehemann Hans-Jürgen (33) hatte in den vergangenen fünf Jahren dreimal Lohnerhöhung erhalten, gab aber seiner Frau 1984 immer noch genau so viel Wirtschaftsgeld gegeben wie 1978: vierhundert Mark (monatlich) für zwei Erwachse

ne und ein Kind.

Nach vielen schweren Ehekrächen wandte sich Erika M. schließlich an eine Familienberatungsstelle. Die Beraterin empfahl ihr einen Anwalt. Mit seiner Hilfe zog Erika M. vor Gericht – und gewann: Ab sofort muss der Busfahrer seiner Ehefrau monatlich 1300 Mark geben. Die Prozesskosten von knapp 500 Mark kamen als kleiner Denkzettel noch obendrauf.

Kein Einzelfall: Immer mehr Frauen zwingen ihre Ehemanner jetzt mit  juristischen  Mitteln, mehr Haushaltsgeld herauszurücken. Denn wie Hans-Jürgen M. sind auch Millionen anderer deutscher Familienväter schon seit Jahren nicht mehr mit ihren Frauen einkaufen gegangen und haben deshalb keine Ahnung, was Lebensmittel heute kosten.

Und: Immer mehr Deutsche haben mehr Freizeit - Freizeit aber kostet Geld. So mancher Familienvater steckt deshalb Mehrverdientes heimlich in seine Hobbvs und hofft, seine Frau werde schon tüchtig genug sein, noch eine Weile mit dem bisherigen Haushaltsgeld über die Runden zu kommen. Faustregel: 150 Mark pro Familienmitglied.

Dass Frauen gegen eheliches Unrecht klagen können, ist nicht neu. Das Bürgerliche Gesetzbuch schreibt schon seit 1972 in Paragraph 1360 a. vor: „Der angemessene Unterhalt der Familie umfasst alles, was nach den Verhältnissen der Ehegatten erforderlich ist, um die Kosten des Haushalts zu bestreiten und die Persönlichkeitsbedürfnisse der Ehegatten und den Lebensbedarf der gemeinsam unterhaltsberechtigten Kinder zu befriedigen."

Im Klartext: Nicht etwa nur einer hat zu sagen, was mit wieviel Geld geschieht, sondern darüber entscheiden beide Eheleute gemeinsam.

In der Praxis aber wagen bisher nur wenige Frauen, mit Hilfe Justitias gegen den Geiz ihrer Männer anzukämpfen: Sie scheuen den Stress und die Peinlichkeit gerichtlicher Verfahren, die zudem oft erst nach Jahren zum Erfolg fuhrt.

Jetzt aber stellte das Oberlandesgericht Düsseldorf in einer  Grundsatzentscheidung (AZ 2 UF 178/83) fest: Hausfrauen brauchen nicht mehr jahrelang auf ein Urteil zu warten, um endlich mehr Geld zu bekommen. Sondern sie können gegen ihre Ehemänner eine einstweilige Verfügung erwirken.

Und das bedeutet: Der Ehemann muss sofort mehr zahlen, ganz gleich, auf welche Höhe das Gericht später das Haushaltsgeld festsetzen wird. Beispiele:

Ein 42jähriger Beamter aus Mari (Westfalen) verdiente 3200 Mark netto, gab seiner Frau aber nur 600 Mark monatliches Haushaltsgeld. Seine Ausrede: „Du kannst ja sowieso nicht wirtschaften!" Die Ehefrau zog vor den Kadi. Nun muss der Amtmann monatlich 1400 Mark zahlen.

Ein Kraftfahrer aus Duisburg mit Ehefrau und Kind glaubte, nur 400 Mark Haushaltsgeld im Monat zahlen zu müssen. Nach zwei Jahren verlor seine Frau die Geduld: Sie erstritt sich 1000 Mark Wirtschaftsgeld und dazu noch 100 Mark Taschengeld.

Ein Mechaniker aus Essen mit 2000 Mark netto legte seiner Frau jeden Monat nur 600 Mark für die drei köpfige Familie auf den Tisch. Die Kosten für das Auto (450 Mark) trug er selbst, doch wenn seine Frau mitfahren wollte, verlangte er Benzingeld von ihr. Auch damit ist jetzt Schluss: Ein Richter verfügte, dass der Mechaniker seiner Frau ab sofort 850 Mark Wirtschaftsgeld zahlen muss. Und fürs Mitfahren lassen darf er nichts mehr verlangen.

Besser ist es natürlich, wenn sich Eheleute ohne Gerichtsverfahren über das Haushaltsgeld einigen können. Doch bei besonders hartnäckigen Geizkrägen lässt es sich offenbar bei aller Liebe nicht vermeiden, vor den Kadi zu ziehen. Und da gehen deutsche Gerichte inzwischen nach einer bewährten Formel vor: Vom Netto-Einkommen werden Miete, Heizungs- und ähnliche Kosten abgezogen, vom Rest dann 30 bis 60 Prozent als Haushaltsgeld festgesetzt.

Mindestgrenze, so Brigitte Krämer von der Bonner Zentralstelle für rationelles Haushalten: Mit 150 Mark im Monat pro Familienmitglied muss man selbst bei sparsamster Wirtschaftsführung mindestens rechnen."

Rat der Experten an betroffene Frauen: Nehmen Sie Ihre Männer zum

Einkaufen mit!

Auch bei den Verbraucherzentralen, die inzwischen in allen deutschen Großstädten eingerichtet sind, melden sich immer mehr Frauen aus den knapp 25 Millionen deutschen Haushalten mit der Klage: „Ich komme mit meinem Geld nicht mehr zu Recht, aber mein Mann gibt mir einfach nicht mehr." Ein Sprecher: „Bei unseren Nachprüfungen stellt sich dann häufig heraus: Die armen Frauen tun ihr Bestes, wirtschaften oft schon seit Jahren an der Grenze des Möglichen."

Oft genug liegt es allerdings nicht nur an den Männern, sondern auch an den wirtschaftlichen Verhältnissen, dass Hausfrauen mit dem Haushaltsgeld nicht mehr auskommen: Kurzarbeiter, Arbeitslose und auch viele Angestellte, deren Gehaltserhöhungen durch steigende Steuern fast aufgefressen werden, sehen keine Möglichkeit mehr, ihren Ehefrauen das Haushalts geld aufzubessern.

Vor dem Weg zum Rechtsanwalt versuchen die Betroffenen, das Finanzproblem auf friedliche Weise zu lösen. Eine Hausfrau aus Buchholz (Niedersachsen) mit bisher 500 Mark Wirtschaftsgeld wartete, bis ihr Mann Urlaub hatte, und nahm ihn dann morgens zum Einkaufen mit, ließ ihn fleißig Artikel aus den Regalen In den Einkaufskorb legen. An der Kasse wurde dann dem Ehemann schlecht: 544 Mark. Die Ehefrau: „Seitdem weiß er, wie teuer alles ist, und gibt mir 300 Mark mehr."

Eine Sekretärin aus München kaufte möglichst zu herabgesetzten Preisen ein und schwindelte dann zu Hause die Beträge hoch: „Nur so kam ich einigermaßen zurecht Eines Tages aber habe ich meinem Mann alles gestanden, und seitdem gibt er mir mehr."

Wenn das alles nichts nützt: Der Gang zum Gericht hilft immer – und führt zudem gelegentlich zu überraschenden Erkenntnissen. Nach einer Umfrage vom November 1983 verschweigt jeder dritte deutsche Ehemann seiner Frau die wahre Höhe seines Einkommens.

Bereits 1982 wurde jedes dritte Scheidungsbegehren in der Bundesrepublik mit finanziellen Schwierigkeiten begründet. Der Paragraph 1360 a des BGB und die

Entscheidung des OLG Düsseldorf gelten natürlich auch, wenn die Frauen das Geld für die Familie verdienen oder mitverdienen. Ein Angestellter aus Hamburg: „Vor sechs Wochen fing meine Frau an zu arbeiten. Als Serviererin bekommt sie 1400 Mark. Deshalb habe ich ihr das Haushaltsgeld von 800 Mark auf die Hälfte gekürzt. Daraufhin setzte mich sofort auf halbe Kost. Da zeigte ich ihr die BGB-Paragraphen. Seitdem zahlt sie freiwillig von ihrem Geld jeden Monat 400 Mark dazu."



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