Frauen vor 30 Jahren: Freiwild am Arbeitsplatz

Dienstag, 22. April 2014

Auf keinem anderen Gebiet hat sich die bundesdeutsche Gesellschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten so gründlich gewandelt wie im Verhältnis der Geschlechter. 1984 galten sexuelle Attacken auf Frauen in Büro oder Betrieb vielfach noch als „Kavaliersdelikt“. Der Bericht aus einer großen deutschen Frauenzeitschrift schildert typische Fälle.

In Hamburg blieb Heinz-Jürgen P. (42), Chef eines Verpackungsbetriebs, abends so lange im Büro, bis er mit der hübschen Angestellten Mareike S. allein war. Dann hielt er die 28-jährige fest und versuchte, sie zu küssen. „Bitte nicht", wehrte sich die junge Frau, „ich bin verlobt!" „Ach was", antwortete ihr Chef, „ich weiß doch, dass dein Freund gerade mit seinen Fußballern unterwegs ist..."

In Essen schlich sich Manfred M. (58), Leiter einer Großbäckerei, an Lehrmädchen Manuela heran, griff der 16-jährigen an den Busen und dann auch noch an die Hüften. Das Mädchen wollte sich losreißen, da versprach der verheiratete Bäckermeister: „Wenn du mitmachst, wirst du gleich nach deiner Ausbildung Filialleiterin!"

In Lahn wollte ein Beamter mit seiner Sekretärin „hoppe hoppe Reiter" spielen: Er ging in die Knie und forderte die 32jährige auf, sich auf seine Schultern zu setzen.

Mareike S. riss sich los und kündigte. Manuela G. bat ihre Eltern, ihr eine neue Lehrstelle zu suchen. Die Sekretärin ließ sich in eine andere Abteilung versetzen. Drei Fälle, wie sie sich in deutschen Behörden und Betrieben immer wieder ereignen. Drei Fälle aber auch, in denen sich die Übeltäter später auf der Anklagebank wiederfanden.

Denn alle drei Opfer zeigten die Übeltäter an. Der Verpackungsspezialist zahlte 800 DM Geldbuße wegen Beleidigung, der Bäckermeister wurde fristlos entlassen, der Beamte vorzeitig in den Ruhestand versetzt - immerhin.

Nach einer Untersuchung des Kölner Diplompsychologen Peter Lauster (43) ist jede zweite berufstätige Frau schon einmal auf solche Weise am Arbeitsplatz belästigt worden. Die meisten Opfer schweigen aus Scham, doch inzwischen setzen sich immer mehr Betroffene zur Wehr, und die deutschen Gerichte machen ihnen mit klaren Urteilen Mut: Anzügliche Bemerkungen und unsittliche Handgriffe gelten nicht länger als Kavaliersdelikte.

Das hat sich allerdings noch längst nicht überall herumgesprochen. In Nürnberg etwa fiel der Chef eines Supermarkts abends im Pausenraum der Verkäuferinnen über eine seiner Angestellten her. Als die 22-jährige sich wehrte, riss ihr der 44-jährige Familienvater die Bluse vom Leib. Eine Putzfrau hörte Geräusche und eilte zu Hilfe. Der Täter erhielt wegen versuchter sexueller Nötigung zwölf Monate Gefängnis – zwar mit Bewährung, aber dafür wurde er fristlos gefeuert.

Trotzdem: Viele Frauen wissen nicht, wie sie sich gegen solche Zudringlichkeiten wehren sollen - und vielen Chefs ist noch immer nicht klar, was erlaubt und was verboten ist. Nach einer von der „Grüne“-Bundestagsfraktion in Auftrag gegebenen Umfrage steht die unverblümte Aufforderung zum Sex mit 84 Prozent an erster Stelle der Belästigungen. Es folgen Busengrapschen (72 %), auf den Po klatschen (57 %), Pornobilder zeigen (55 %), Kussversuche (38 %) und anzügliche Witze (31 %).

Fast ein Viertel der befragten Frauen beklagte nach abgewehrter Belästigung berufliche Nachteile bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes. Die Übeltäter sind in erster Linie Kollegen (55 %), oft aber auch Chefs (35% der Fälle).

„Jede Form der sexuellen Belästigung in Betrieben, auch wenn sie noch so harmlos scheint, ist verboten“, stellt Otto Reiser von der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg fest. Schon Bemerkungen wie „Sie haben einen verführerischen Po" verletzen den Intimbereich. Solche Sprüche gelten als Beleidigung und können mit saftigen Geldstrafen geahndet werden.

Wenn sich Opfer beschweren, tun Männer gern so, als sei alles ganz harmlos. Doch schon die angebliche „Lappalie" bietet arbeitsrechtlich ausreichend Grund für eine strenge Abmahnung, und im Wiederholungsfall droht sogar für die Kündigung.

In Stuttgart plante ein Teppichhändler die Verführung seiner blonden Verkäuferin besonders raffiniert: Er bot der 25jährigen einen zinslosen Kredit über 20.000 Mark an. Als die Verkäuferin dankend zugriff und sich von dem Geld eine Wohnung einrichtete, wünschte der 56jährige, „als erster eingeladen" zu werden. Als die Verkäuferin ablehnte, sagte der Teppichhändler verärgert: „Dann will ich morgen mein Geld zurück." Daraufhin zeigte die Verkäuferin ihren Chef wegen versuchter Erpressung an. Urteil: 12.000 Mark Geldstrafe. Sein Darlehen bekommt der Übeltäter nun in Monatsraten von 300 DM zurück.

„Die Männer, besonders die Vorgesetzten, werden immer

Unverschämter“, warnt Diplompsycholose Lauster, „denn sie wissen ja, wie hoch die Arbeitslosigkeit ist.“

Deshalb gibt es immer wieder Fälle wie den einer Buchhalterin aus Kassel: „Der Chef diktierte mir einen Brief", berichtete die 25jährige vor dem Arbeitsgericht. „Plötzlich stand er hinter mir und schob die Hand in meinen Ausschnitt. Ich sprang auf, fiel hin, und dabei fuhr er mit auch noch unter den Rock." Nun muss der 32-jährige Steuerberater seiner Ex-Angestellten so lange ihr Gehalt weiterzahlen, bis sie eine neue Stelle gefunden hat.

Noch schlimmer: Die Sekretärin eines Karlsruher Bauunternehmers sollte ihren Chef auf eine Geschäftsreise begleiten. Im Hotel öffnete er erst die Verbindungstür zwischen ihren Zimmern und dann seinen Bademantel. Die Sekretärin flüchtete und reiste sofort ab. Daraufhin kündigte ihr der Bauunternehmer wegen Arbeitsverweigerung. Das Gericht urteilte rasch und schlüssig:    Die Kündigung ist unwirksam, der Bauunternehmer muss seine Sekretärin weiter beschäftigen - und ihr zudem wegen Beleidigung 2300 Mark Schmerzensgeld zahlen.

In Berlin beschwerte sich eine 39-jährige Bankangestellte beim Filialleiter: „Unser Kassierer kneift mir dauernd in den Po." Leider war der Chef mit dem Übeltäter befreundet, und die Angestellte wurde in eine andere Zweigstelle abgeschoben. Dagegen klagte sie, ebenfalls mit Erfolg.

„Jeder Mann, der eine Kollegin am Arbeitsplatz belästigt, kann wegen Störung des Betriebsfriedens entlassen werden“, sagt Arbeitsamts-Experte Reiser. „Und jeder Chef, der sein Lehrmädchen   sexuell bedrängt, macht sich eines Verbrechens schuldig, ganz egal, wie alt die Betroffene ist."

Wie können sich Frauen schützen? Oberster Grundsatz: Frauen müssen sich von Anfang an konsequent wehren. Sekretärin Christine T. (29) aus Düsseldorf ließ nach unguten Erfahrungen in ihren neuen Arbeitsvertrag den Zusatz aufnehmen: „Frau T. wünscht keine privaten Beziehungen im Büro."

Wenn das nicht wirkt: Schreiben Sie dem Mann, der Sie belästigt, einen Brief. Darin sollte stehen, wie er Ihnen zu nahe getreten ist und wie Sie unter diesen Belästigungen leiden. Schicken Sie den Brief per Einschreiben ab und bewahren Sie eine Kopie auf.

Wenn das immer noch nicht hilft, gehen Sie zum Chef. Stellt der sich taub, dann wenden Sie sich an eine Vertrauensperson in der Firma oder an den Betriebsrat.

Hören die Belästigungen dann immer noch nicht auf, lassen Sie dem Mann von einem Anwalt eine Abmahnung schicken. Für besonders hartnäckige Fälle gibt es dann noch die Möglichkeit  einer richterlichen einstweiligen Verfügung. Letztes Mittel ist schließlich die Strafanzeige wegen Körperverletzung, Beleidigung oder Nötigung.

Der Sympathie Ihrer Mitarbeiter können Sie dabei gewiss sein: Nach der Dokumentation der „Grünen“ lehnen über 90 Prozent der Männer jede Art sexueller Attacken am Arbeitsplatz strikt ab.

 



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