Die Bücher der Großen

Donnerstag, 1. Mai 2014

In Satire RETRO erinnern Beiträge aus der in mehreren Tageszeitungen publizierten Kolumne „Mein Freund, der Kanzlerberater“, was vor zehn Jahren besonders bemerkenswert erschien. Heute: Die Ausgabe vom 2.Mai 2004.

Mein Freund, der Kanzlerberater, kam wieder mal viel zu spät. „War in der Buchhandlung“, entschuldigte er sich. „Bin echt geschockt!“

„Wieso denn?“ fragte ich pflichtschuldigst.

„Nirgends mehr was von Martin Walser und Max Frisch, von Goethe ganz zu schweigen“, beschwerte er sich. „Dafür jede Menge Promi-Gefasel, mit dem typischem Werbe-Blabla. Das Schlimmste sind diese blöden Begründungen, warum Typen, die gar nicht schreiben können, uns plötzlich weismachen wollen, warum sie jetzt unbedingt schreiben müssen!“

„Zum Beispiel?“

„Susanne Juhnke! Gut, ihr Mann ist tot, da kann man verstehen, dass sie ein bisschen aus der Balance kippt. Aber muss sie unbedingt sowas sagen?“

„Was sagt sie denn?“

„Steht auf dem Klappentext: ‚Es zerreißt mir das Herz, aber ich musste meine Erinnerungen schreiben, sonst wäre ich erstickt.‘“

„Ja, das ist wirklich ein bisschen doch aufgetragen“, gab ich zu.

„Das kann man wohl sagen“, knurrte er. „Und jetzt haben sich die anderen auch noch alle an diesen Spruch drangehängt!“

Ich wurde neugierig. „Wer denn?“

„Zum Beispiel Dieter Bohlen: ‚Es zerreißt mir die Brieftasche, aber ich musste meine Erinnerungen schreiben, sonst hätte keiner mehr meine Platten gekauft.‘“

Ich musste lachen.

„Oder Stefan Effenberg: „Es zerreißt mir die Birne, aber ich musste schreiben, sonst bleibt von mir am Ende bloß der Stinkefinger übrig.‘“

„Sonst noch jemand?“

„Jede Menge! Zum Beispiel Boris Becker: ‚Es zerreißt mir die Bälle, aber ich musste schreiben, sonst hätte keiner mehr gewusst, dass ich mal Wimbledon gewonnen habe.‘“

„Ja, so sind sie halt, die Sportler“, tröstete ich.

„Von wegen!“ sagte er. „Die Politiker sind auch nicht besser. Joschka Fischer: ‚Es zerreißt mir die Wampe, aber ich musste schreiben, sonst hätten die Leute geglaubt, ich laufe immer noch Marathon.‘“

„Ja, das ist wirklich stark“, stimmte ich zu. „Aber hat nicht auch Schröder neulich sowas ähnliches gesagt.“

Er wurde nervös. „Äh – das gehört nicht hierher.“

So leicht ließ ich mich aber nicht abspeisen. „Wenn ich mich richtig erinnere, sagte er zu seinem neuen Werk: ‚Es zerreißt mir das Parteibuch, aber ich musste schreiben, sonst hätte Doris es getan.‘“

„Ich hatte gehofft, dass das keiner liest“, ächzte er. „Das ist ungefähr so lustig, wie wenn Harald Juhnke frisch von der Leber weg erzählt.“

„Und Doris?“ sagte ich gnadenlos. „Die hat gesagt: ‚Es zerreißt mir das Haushaltsbuch, aber ich musste schreiben, sonst hätten die Leute gedacht, dass wir gar nicht mehr verheiratet sind.‘“

„Kneif mich“, bat er, „ich glaube, ich habe einen Alptraum!“

„Nein“, sagte ich. „Das ist nur der ganz normale Wahnsinn.“

Seitdem lesen wir beide nur noch Krimis.

 



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