Hunger: Die schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt

Mittwoch, 14. Mai 2014

Vor drei Jahren warnte UN-Flüchtlingskommissar Antónie Guterres, der akute Mangel an Nahrungsmitteln bedrohe das Leben von mehr als zwölf Millionen Menschen in Äthiopien, Somalia, Kenia und weiteren Ländern Nordostafrikas. Der Bericht von 2011 nannte erschütternde Fakten. Geändert hat sich seither - nichts.

Am Horn von Afrika hat die schwerste Dürre seit sechzig Jahren eine Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß verursacht. Im Juni sind zehn Millionen, im September bereits 11,5 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht, täglich sterben über tausend Opfer. Von zwei Millionen unterernährten Kindern schweben 500.000 in Lebensgefahr. 760.000 Menschen sind auf der Flucht.

Für UN-Flüchtlingskommissar Antónie Guterres ist es „die schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt“: Hunger bedroht Äthiopien, Somalia, Kenia und weitere Länder Nordostafrikas. Auch in Nordkorea, Bangladesch oder Kambodscha sterben vor allem Kinder, Frauen und alte Menschen an Nahrungsmittelmangel und daraus folgenden Krankheiten. Die Ursachen sind Dürre, Misswirtschaft und Krieg. Die Zukunft sieht düster aus.

Am schlimmsten ist die Lage im Bürgerkriegsland Somalia. Weil die beiden Regenzeiten seit drei Jahren fast völlig ausbleiben, sterben schon im Frühling 2011 bis zu sechzig Prozent der Rinder und Schafe, und für die Kinder gibt es keine Milch mehr. Im Sommer verdorrt das Getreide auf den steinharten Böden. Die schon seit der letzten Dürre völlig verarmten Hirten und Bauern haben kein Geld für Lebensmittel, und auf den Märkten explodieren die Preise: Mais, Afrikas wichtigstes Grundnahrungsmittel, verteuert sich um 100 Prozent, Hirse sogar um 240 Prozent.

Internationale Hilfslieferungen werden von der islamistischen Miliz erst verboten, dann behindert und oft geraubt. Im Juni sind 2,6 Millionen Somali auf Lebensmittelspenden angewiesen, im Juli bereits 30.000 Kinder unter fünf Jahren verhungert. Hilfsorganisationen richten eine Luftbrücke ein. Trotzdem können sie nicht einmal die Hälfte der Hungernden erreichen. 100.000 Menschen flüchten in die großenteils kriegszerstörte Hauptstadt Mogadischu, 200.000 nach Äthiopien, 400.000 nach Kenia. Im September bedroht die Hungerkrise bereits 3,7 Millionen, die Hälfte der somalischen Bevölkerung.

In Äthiopien sind im September 4,8 Millionen Menschen von Hunger bedroht, doch noch funktioniert die staatliche Hilfe, und die internationale kommt auch wirklich bei den Betroffenen an. Im regenarmen Südosten sind 50 Prozent des Viehs verhungert und verdurstet, die ausgedorrten Weiden mit Kadavern übersät. Was noch lebt, ist so stark abgemagert, dass Rinder und Schafe zu Schleuderpreisen verkauft werden müssen.

Auch im Norden Kenias haben schon im Juli 2,4 Millionen Menschen kaum noch etwas zu essen. Im September sind es bereits 3,5 Millionen. 50.000 Kinder leiden an lebensgefährlicher Unterernährung. In den drei Flüchtlingslagern von Dadaab, mit 385.000 Hungeropfern vor allem aus Somalia völlig überfüllt, brechen verheerende Seuchen aus: Masern, Cholera, lebensgefährliche Durchfallerkrankungen. Bei der Lebensmittelverteilung herrscht Faustrecht, auch die sexuelle Gewalt gegen Frauen nimmt zu.

Der Klimawandel verändert die Lebensbedingungen der Menschen besonders in Afrika schon lange: 1968 beginnen sieben Katastrophenjahre in der Sahelzone, 2005 folgt die große Hungerkrise in Niger, 2006 die vorletzte in Nordostafrika. Im Herbst 2010 wiederum fällt zu viel Wasser vom Himmel, zerstören sintflutartige Regenfälle die Ernten in Niger, Tschad und weiteren Ländern Westafrikas.

Andere Ursachen sind Menschenwerk: In Äthiopien kaufen indische Agrarkonzerne riesige Anbauflächen zu Spottpreisen auf, um Rosen für europäische Großmärkte zu ziehen. Kenia kürzt plötzlich die Getreidesubventionen, und die USA brennen 40 Prozent der Maisernte zu Biosprit.

Die Zukunft sieht düster aus: Weil es immer wärmer wird, fällt der Regen immer unregelmäßiger. Viele Bauern in der Dritten Welt können dem traditionellen Kalender nicht mehr trauen: Mal säen sie zu früh, mal ernten sie zu spät.

Aber auch den hochentwickelten Weizenexportländern macht das Wetter zu schaffen, Russland die Dürre von 2010, Australien die Flut von 2011. In Südasien geht der Export von Reis laufend zurück, und das durch den Handel mit dem Westen reich gewordene China kauft weltweit Nahrungsmittel in riesigen Mengen auf.

Nach UN-Schätzungen haben heute mehr als eine Milliarde Menschen zu wenig zu essen. Einzige Hoffnung: Wenn die Weltbevölkerung langsamer als bisher wächst und mit modernen Methoden mehr erntet als bisher, könnte sich die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 halbieren. Solche optimistischen Rechnungen aber sind noch nie aufgegangen. Wahrscheinlicher ist eine Zukunft mit immer schlimmeren Hungersnöten, riesigen Flüchtlingsströmen aus der Dritten Welt vor die Tore Europas und verheerenden Kriegen um Anbauflächen, Grundnahrungsmittel und Wasser.

 



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