Der Hiob-Faktor. Straft Gott die Kennedys?

Mittwoch, 16. Juli 2014

Vor 15 Jahren, am 16.Juli 1999, stürzte John F. Kennedy jr., einziger Sohn des legendären US-Präsidenten, auf dem Flug nach Martha’s Vineyard in den Atlantik. Sein Tod warf uralte Menschheitsfragen auf: Was ist Schicksal? Worin besteht seine Macht? Folgt es dem Zufall oder straft es Schuld? Und warum treffen seine Schläge so oft das gleiche Ziel?   

Sie kamen als arme Leute aus Irland. Sie schmuggelten Whisky und machten Millionen. Sie hatten die schönsten Frauen und haben sie alle betrogen. Sie haben sogar die Nation belogen. Der Clan der Kennedys hat oft gesündigt. Aber ist das alles ein Grund, sie seit drei Generationen so zu bestrafen?

Der Tod John F. Kennedys weckt uralte Menschheitsfragen: Was ist Schicksal? Worin besteht seine Macht? Folgt es dem Zufall oder straft es Schuld? Und warum treffen seine Schläge so oft das gleiche Ziel? Antworten suchen Experten in den Geheimnissen von Schöpfung und Seele.

Die Umstände. Der Start mit hereinbrechender Dunkelheit, der Flug durch mondlose Nacht, eine dichte Dunstschicht über dem Wasser, dann sogar Nebel, der Horizont plötzlich verschwunden - selbst erprobte Instrumentenflieger fürchten solche Verhältnisse.

Die Fehler. Kurz vor dem Flug rief Kennedy den Schriftsteller C. David Heymann an und erklärte, er würde lieber direkt zum Ferienort Hyannisport fliegen, doch seine Frau bestehe darauf, dass er zuvor seine Schwägerin in Martha's Vineyard absetze. Zweiter Fehler: Vielleicht flog er den Flugplatz in einer zu steilen Kurve an und geriet ins Trudeln.

Die Mythologie. Die Sagen der Zeiten und Völker sind voller Beispiele für die rätselhafte Doppelnatur des Lebens, das Triumphen gern Tragödien folgen lässt. Kennedy forderte wie andere Männer seiner Familie das Schicksal gewohnheitsmäßig heraus, als Bergsteiger, Drachenflieger, Wildwasserfahrer und tollkühner Skiläufer. Zum letzten Flug startete er hinkend - vielleicht fehlte ihm die volle Kraft für einen rettenden Tritt aufs trimmende Pedal fürs Höhenruder.

Die Psychologie. Manche sehen in Kennedys Kühnheit Anzeichen für eine latente Todessehnsucht. Der große Seelenforscher Sigmund Freud definierte 1920 den „Todestrieb“: Jeder Organismus habe eine angeborene Tendenz zur Rückkehr in den Ausgangszustand, also zur Selbstauflösung.

Die Familie. Der ungarische Psychoanalytiker Leopold Szondi entwickelte 1948 die „Schicksalsanalyse“. Er glaubte, dass es nicht nur ein individuelles, sondern auch ein familiäres Selbstbewusstsein gibt: Menschen mit gleichen Erbanlagen teilen meist Lebensstil, Vorlieben, Freunde, die Liebe zur Gefahr - das Schicksal liegt auch in den Genen.

Die Schicksalsneurose. So nannte Freud eine Seelenkrankheit, bei der sich unerbittliche Schläge ständig wiederholen. Prof. Dr. Uwe Henrik Peters, früherer Direktor der Kölner Universitätsnervenklinik: „Obwohl der Betreffende stets das Gefühl hat, von einem ungerechten Schicksal verfolgt zu werden, gestaltet er nach psychoanalytischen Ansichten unbewusst die Situation so, dass die Schicksalsschläge eintreten müssen.“ Viele Kennedys haben seit ihrer Kindheit immer wieder Familientragödien erlebt - hat der Pilot, als er bei schlechtem Wetter der Tragödie entgegenflog, sich unbewusst in den Absturz ergeben?

Die Schuld. Nach uralten Maßstäben von Schuld und Sühne passt die neue Tragödie zum Sündenregister der Familienmitglieder, die es mit Gesetzen und Geboten nie so genau nahmen: Ihr Vermögen verdanken sie dem Alkoholschmuggel, ihr Glück setzen sie immer wieder als Ehebrecher aufs Spiel, zuweilen belogen sie, wie Edward Kennedy nach der Todesfahrt von Chappaquiddick, sogar die Nation. Straft also Gott die Kennedys?

Die Theologie. Nach der Einlieferung seiner Tochter Rosemary 1941 wegen einer misslungenen Hirnoperation in eine Heilanstalt, dem Flugzeugabsturz der zweitältesten Kathleen und dem Tod der drei ältesten Söhne wurde Clan-Gründer Joseph P. Kennedy mit Hiob verglichen: Der biblische Leidensheld verlor ohne jede persönliche Schuld an einem einzigen Tag sieben Söhne, drei Töchter und seine gesamte Habe. Sein Schicksal sollte Anlass bieten, über die Gerechtigkeit Gottes nachzudenken: Weil er nicht haderte, sondern fromm blieb, bekam er wieder sieben Söhne, drei Töchter, wurde noch reicher und starb „satt an Lebenstagen“. Fromme warnt der Hiob-Faktor noch heute vor Hybris, fordert zu völliger Ergebung in Gottes Allmacht heraus.

Der Absturz in mondloser Nacht über dem Meer entrückte gerade jenen Kennedy geheimnisvoll in die Ewigkeit, der am ernsthaftesten versuchte, dem Familien-Mythos ein Ende zu machen: Er ging nicht in die Politik, sondern gab ein Magazin („George“) heraus. Er mied den Rummel, kritisierte die Skandale seiner Vettern, lebte zuletzt zurückgezogen, fast versteckt. Das Schicksal fand ihn trotzdem.

Der Fluch – eine unheimliche Geschichte

Der Fluch (vom germanischen Wort „flokan“ für „schlagen“), der nicht einem einzelnen, sondern einer Gruppe gilt, ist so alt wie die Menschheit: Schon die Schamanen der Steinzeit riefen den Zorn ihrer Götter auf feindliche Stämme herab. Eine der ältesten Schriften trägt den Titel „Fluch über Akkad“ – so hieß vor 4150 Jahren die Hauptstadt des ersten Weltreichs der Geschichte; weil ihr König einen religiösen Kult missachtete, wurde sie dem Erdboden gleichgemacht.

Schriftliche Verwünschungen drohten Räubern an orientalischen Gräbern, der „Fluch der Pharaonen“ beschäftigt bis heute die Wissenschaft. Im Mittelalter nutzten Päpste Bannflüche als Druckmittel gegen unbotmäßige Herrscherfamilien wie die Hohenstaufen, die mächtigste deutsche Dynastie ging unter.

In der Neuzeit fühlten sich die Besitzer des unschätzbaren Hope-Diamanten von einem Fluch verfolgt: Seit ihn ein Franzose 1642 aus einer indischen Götterstatue brach, soll er zwanzig Menschenleben gekostet haben.

Zwar zweifeln Forscher an der Zauberkraft von Flüchen, doch, so Harvard-Theologe Dr. Josef Sudback: „Immer mehr Menschen misstrauen der Naturwissenschaft, suchen für Unheil eine übersinnliche Erklärung.“

Solcher Aberglaube trägt dann dazu bei, dass ein Fluch sich wirklich erfüllt: „Wer verflucht wird und von der Wirkung überzeugt ist, bei dem tritt sie tatsächlich ein“, weiß der Schönbrunner Psychologe Dr. Harald Wiesendanger. „Es ist der gleiche seelische Vorgang wie bei jemand, der sich so lange eine Krankheit einbildet, bis er wirklich erkrankt.“ Der „Nocebo-Effekt“, Gegenstück zum „Placebo-Effekt“, der ein Medikament heilsam wirken lässt, obwohl es gar keine Wirkstoffe enthält.

Der letzte Flug der Piper 32 Saratoga N529JK

Zur Hochzeit Rory Kennedys, jüngster Tochter des 1968 erschossenen Justizministers Robert Kennedy, auf Martha's Vineyard waren 275 Gäste geladen. Der Sommersitz der Familie wird nach der Burg des Sagenkönigs Artus „Camelot“ genannt. Als Kennedys Piper vom Radarschirm verschwand, begannen die Angehörigen zu beten. Als die ersten Flugzeugtrümmer antrieben, wurde die Hochzeit abgesagt. Nachbarn berichten, dass die Kennedys die Hiobsbotschaft in stoischer Haltung ertrügen, doch nicht etwa aus Gleichmut – die Familie sei ganz einfach „taub vor Schmerz“.

 

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