Hurra, meine Mama ist ein Kamel!

Donnerstag, 12. Februar 2015

Zugegeben, sie sieht manchmal ein bisschen bescheuert aus. Aber sie ist klug, clever und weiß alles über das wüste Leben: Wo was zum Beißen wächst, wo es Wasser gibt, wann der nächste Sandsturm kommt.

Auf der Sonnenseite des Lebens kann es ganz schön hart sein: tagsüber viel heiße Luft (bis 60 Grad), nachts kommt dafür das große Zittern (minus 30 Grad). Manchmal gibt es tagelang nichts zu trinken. Und das Essen ist auch nicht gerade üppig: Ledrige Blätter von Dornbüschen sind schon ein Leckerbissen.

Doch in der lebensfeindlichen Einöde ist eine besonders tüchtige Mutter am Werk: Das Kamel hat seinen Kindern mehr zu bieten als nur den größten Sandkasten der Welt - es erzieht seine Kleinen zu erstklassigen Wüstlingen, die jeder Lage und Plage gewachsen sind.

Wie hart dieser Job ist, macht schon die Hochzeitsnacht klar. Denn wenn ein verliebter Kamel-Kavalier beim Brunftschrei sein Gaumensegel zu einem riesigen Brüllsack aufbläst und sich der Dame seines Herzens mit donnerndem 'Blo-blo-blo' nähert, bedarf es starker Nerven!

Zum Glück ist der penetrante Höcker-Romeo mit einer einmaligen Liebesbezeugung von 20 Minuten zufrieden. Und der Braut reicht's dann auch. Nach 12 bis 14 Monaten Tragzeit verlässt sie mit zwei Schwestern, Tanten oder Freundinnen die Herde und sucht sich einen Schlupfwinkel (Dünental, Oase, Felsschlucht).

Die Geburt dauert nur ein paar Minuten, dann ist ein Buckel-Baby in den Sand gesetzt. Es wiegt schon einen Zentner, hat wolliges Fell und steht bereits nach einer Viertelstunde auf den wackeligen Beinen.

Kamele sind für ein Leben auf der Walz gebaut und deshalb von Anfang an gut zu Fuß: Bereits nach zwei bis drei Stunden versuchen sie, die Kurve zu kratzen. Sie wachsen immer als Einzelkinder auf - Zwillinge könnte in dieser harten, gefährlichen Welt selbst die tüchtigste Kamel-Mutter nicht durchbringen.

Obwohl die ganze Verwandtschaft sie kräftig unterstützt: Die Familie besteht gewöhnlich aus einem Hengst, sechs Stuten und drei Jungtieren. Sie alle sind das ganze Jahr unterwegs, immer auf der Suche nach der nächsten Wasserstelle und dem besten Futterplatz.

Das Tempo macht Papa: Er geht voran, weil er der Größte ist. Deshalb kann er am weitesten gucken: In der Wüste erweitert jeder Zentimeter Augenhöhe den Gesichtskreis um ein paar hundert Meter. Und er kommt auch am ehesten mit Leoparden und Schakalen klar. Nicht einmal vor Schlangen müssen Kamele Angst haben, denn sie sind - niemand weiß warum - gegen giftige Bisse immun.

Kamele gehen am liebsten im gemütlichen Fußgängertempo auf Wanderschaft: 4 km/h sind völlig o.k. Die Unterhaltung läuft per Blökophon: Kamele können bis zu 50 verschiedene Laute erzeugen und unterscheiden. Viele davon klingen in Menschenohren total gleich, aber jede Mama findet ihr Baby sofort und mit absoluter Sicherheit heraus, auch wenn ein ganzer Chor von Kleinkamelen quengelt.

Aber meistens weichen Kamel-Kids ihren Müttern nicht von der Seite - sie wissen ganz genau, dass sie dort immer an der Quelle sind. Kamele geben jeden Tag bis zu 20 Liter Milch, und was für eine: Fettanteil 6,4 % - Kühe schaffen nur 3,5 %. Sie fließt mindestens ein Jahr und schmeckt so gut, dass sie auch von Menschen gern getrunken wird.

Die durchschnittliche Tagesetappe der Camel-Tours führt über 40 Kilometer. Dann heißt es "Mach mal Pause". Die langen Beine lassen sich nur nach einem höchst komplizierten Schema zusammenfalten: Die Wüstentiere gehen erst vorne in die Knie, dann folgt das Hinterteil. Als letzter knickt Papa ein - er hat bis zuletzt die Stellung gehalten und aufgepasst, dass rundum Ruhe herrscht.

Die stellt sich innerhalb der Familie nur langsam ein: Kamel-Knirpse spielen gern, am liebsten Fangen. Außerdem schauen sie sich wie Menschenkinder gern gewisse Unarten der Erwachsenen ab. Kamele sind zwar durchweg friedlich, aber sie sind auch sehr familienbewusst, und die Hengste legen sich für Frau und Kind schon mal mit der Konkurrenz an.

Wenn Väter z. B. verschiedener Meinung darüber sind, wessen Sippe zuerst ans Wasserloch darf, zeigen sie Biss und treten auch mal nach. Unterschied: Kamel-Väter kloppen sich nur, wenn es zu wenig zu trinken gibt, Menschen-Väter eher, wenn sie zu viel getrunken haben.

Und auch die Söhne gehen schon, mit Gleichaltrigen, übungshalber in den Kamel-Clinch: Hälse gegeneinander schlagen, schieben, treten und auch mit den Zähnchen zwicken. Aber meistens halten die Familien Frieden. Sinnlose Aggression finden Kamele uncool.

Außerdem sind sie enorm genügsam: Durch eine besondere Vorkehrung der Natur vertragen sie sogar Wasser mit einem Salzgehalt, der bei anderen Tieren und erst recht beim Menschen schwer an der Gesundheit gehen würde.

Das hat guten Grund: Manchmal ist die Durststrecke so lang, dass die Wüstenwanderer bis zu 40 % abnehmen - eine Trockenfutterdiät, die sonst kaum jemand schadlos überstehen würde.

Den entscheidenden Vorteil bringt der Reservetank auf den Rücken: Er speichert bis zu 40 kg Fett und Flüssigkeit. An der nächsten Zapfsäule fließen dann bis zu 150 Liter durch die Kehle.

Kamel-Mütter sind kluge Erzieherinnen: Als erstes bringen sie ihren Sprösslingen bei, dass grundsätzlich gefressen wird, was auf den Tisch kommt. Als nächstes lernen die Kleinen Körperpflege: Ungeziefer fliegt im hohen Bogen aus dem Fell, wenn man sich kräftig an der Palme schubbt. Auf diese Weise wird man im Sommer auch die letzten lästigen Reste des dicken Winterfells los.

Dann kommt der Kamel-Knigge: Die Woll-Wichte dürfen viel, aber nicht alles. Einfach weglaufen ist z. B. nicht drin, weil viel zu gefährlich. Und alte Kamele sind zwar sehr kinderlieb, beanspruchen aber trotzdem einen gewissen Respekt (vor allem Papa, sein Geblöke ist Gesetz!).

Nach einem halben Jahr sind die wüsten Kinder schon 2 m lang und 120 kg schwer. Und nach drei Jahren sind sie erwachsen. Dann machen sich die Kamel-Knaben davon - und eine Junggesellenbande auf. Mit fünf oder sechs Jahren gründen sie vielleicht schon ihre eigene Familie.

Die Mädchen bleiben dagegen ihr Leben lang bei den Eltern, auch wenn sie längst selber Mütter geworden sind. 30 bis 40 Jahre lang ziehen sie immer der hohen Nase nach. Das Ende kommt sanft - Kamel-Opas und -Omas entschlafen über Nacht. Dann wird der Sand ihr Grab, ihr Requiem spielt der ewige Wüstenwind.

Kamel-Poesie

Voller Sanftmut sind die Mienen Und voll Güte ist die Seele. Sie sind stets bereit zu dienen - trotzdem nennt man sie: Kamele.

Heinz Erhardt (1909-1979)

Der Urahn war ein Hasenfuß

Das Ur-Kamel Protylopus ("Vor-Schwielensohler") lebte vor 50 Mio. Jahren in Nordamerika Er hatte noch keine Höcker, musste aber trotzdem den Buckel ganz schön krumm machen, denn er war so klein wie ein Karnickel. Seine Nachfahren waren vor 25 Mio. Jahren das rehgroße "Gazellenkamel" ("Stenomylos") und das langhälsige "Giraffenkamel" ("Alticamelus"). Der nächste Prototyp, das "Vorkamel" ("Prokamelus"), wanderte vor 2 Mio. Jahren über die damals trockene Beringstraße von Alaska nach Sibirien aus. Aus ihm entstanden die Kamele der Alten Welt.

Was Menschen von Kamelen lernen können                                                                                    

Friedfertigkeit: Kamele werden fast nie aggressiv, noch nicht einmal dann, wenn sie am Ende ihrer Kräfte sind. Kinderfreundlichkeit: Kamele fühlen sich durch Jungtiere kaum je gestört, machen ihnen sogar Platz, damit die Kleinen so richtig Selbstbewusstsein tanken können.

Genügsamkeit: Kamele sind nicht wählerisch, fressen alles, was sich beißen lässt.

Umweltbewusstsein: Kamele fressen immer nur so viel, wie sie brauchen, schonen ihren Lebensraum.

Sparsamkeit: Kamele trinken nur, wenn sie Durst haben oder einen Vorrat mitnehmen wollen. Sie können im Notfall bis zu 10 Monate durchhalten, ohne einen Tropfen Wasser zu trinken! Gemeinschaftsgefühl: Kamel-Familien halten ein Leben lang immer ganz fest zusammen. Und zumindest zwischen den Stuten gibt es niemals Streit.

Auf großem Fuß

Schwielensohler denken global. Kamele zählen zu den Schwielensohlern (dicke Geh-Polster). Weltweit gibt es 21,5 Millionen Exemplare. Zur Gattung der Großkamele (14 Mio.) gehören die zweihöckerigen Trampeltiere (Asien) und die ein höckerigen Dromedare (auch in Afrika und sogar in Australien - dorthin wurden sie vor 100 Jahren per Schiff gebracht). Zur Gattung der Kleinkamele zählen die Guanakos und die Vikunjas (zusammen 7,7 Mio.) in den Gebirgen Südamerikas. Die Haustierform des Guanako wird Lama genannt.

Trampeltier

Das größte Kamel: 3,5 m lang, 2,3 m Höckerhöhe, 1000 kg schwer. Im Sommer kurzes Fell, im Winter langer Pelz.

Dromedar

So groß wie das Trampeltier, aber schlanker, langbeiniger und deshalb auch viel schneller (bis 80 km/h).

Guanako                                                                      

2,25 m lang, Schulterhöhe 1,25 m, 120 kg schwer. Sehr widerstandsfähig gegen Hitze und Kälte.

Vikunja

Das kleinste Kamel: 1,75 m lang, 1 m hoch, 50 kg schwer. Lebt bis 6000 m hoch, hat ein besonders großes Herz, muss täglich trinken.

Kamel in kurz

Kamele bleiben immer cool: Je enger sich die buckelige Verwandtschaft beim Mittagsschläfchen auf die Pelle rückt, desto weniger Angriffsfläche bietet sie der Infrarotstrahlung, die der Sand reflektiert. Und auch das Kamelhaar isoliert gegen Hitze. Die Wüstlinge lassen ihre Körpertemperatur zwischen 34 und 42 Grad pendeln, kommen deshalb nur selten ins Schwitzen

Immer an dem Sand lang. Mit diesen Kamelen geht’s rapide bergab, denn im Dünental lockt frisches Futter - willkommenes Fast-Food auf der heißen Wüstenrallye.

Durchdursteln. Kamel-Mütter halten den ganzen Tag nach dem nächsten Wasserloch Ausschau, Kamel-Kinder finden viel schneller zur nächsten Zapfstelle.

Ahoi! Das Wüstenschiff ist seit 6000 Jahren Arabiens Massengutfrachter.

Tetrasack. Kamel-Kids kriegen ihre Milch nicht in Tüten, sondern in der umweltfreundlichsten Verpackung der Welt.

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