Kampfwale: Die Wächter des Meeres

Mittwoch, 1. Juli 2015

Moby Dick war nicht allein. Moderne Forschungen zeigen: Auch seine Artgenossen lernten, Fangschiffe zu versenken

In der Nacht zum 1. Oktober 1807 sichtet Captain Edmund Gardner auf dem US-Walfänger „Union“ westlich der Azoren im Mondlicht Pottwale. Sofort trifft er Vorbereitungen: Sobald es hell wird, sollen seine Männer die Fangboote aussetzen. Der Schmied schärft an seiner Esse schon mal die Harpunen. Ping – Ping – Ping: Weit hallen die Hammerschläge über die See.

Um 22 Uhr erschüttert ein harter Stoß das Schiff. Dicke Eichenspanten knicken wie Streichhölzer, Wasser dringt ein. Die „Union“ sinkt. Alles in die Boote! „Ein Seeungeheuer!“ glauben die Männer. „Ein Pottwal“, sagt ihr Kapitän.

Jetzt löst moderne Wissenschaft das Rätsel: Es war ein Kampfwal, wohl 30 Meter lang und 80 Tonnen schwer. Während sich Norweger und Isländer jetzt wieder auf den Beginn der Walfangsaison am 1.Mai vorbereiten, finden Forscher in den Archiven immer mehr Berichte über solche wilden Attacken.

1816 stößt Gardner vor der chilenischen Insel Mocha auf einen weißen Pottwal. Das Tier zerschmettert das Fangboot und packt den Kapitän mit den riesigen Zähnen. Gardner überlebt schwer verletzt.

1820 reparieren Seeleute der „Essex“ vor Mocha ein Beiboot mit kräftigen Hammerschlägen. Ein Pottwal rammt das Schiff, und es sinkt ebenfalls.

Bald verteidigen auch vor Japan, Neuseeland oder Tonga Dutzende riesiger Pottwalbullen ihren Lebensraum gegen die Raubgier der Menschen. Die Seeleute geben ihnen Namen wie „Hässlicher Jack“, „Kämpfender Joe“ oder „Fleckiger Tom“. Aus „Mocha Dick“ macht US-Autor Herman Melville später den berühmten „Moby Dick“.

Die Wale schicken Dutzende Schiffe auf den Meeresboden. Das deutsche Forschungsschiff „Sonne“ ortete jetzt vor Mocha zahllose Anker, Ketten, Harpunen und Kessel zum Sieden von Walöl. Der Meeresboden fällt dort steil ab. In 1200 Meter Tiefe leben Riesenkalmare, bevorzugte Beute der Pottwale. Von den Menschen bis hierher verfolgt, machen die Meeressäuger ihren Futterplatz zum Schiffsfriedhof.

Aber wie? Forscher fanden heraus: Pottwale suchen in Vollmondnächten nach Weibchen. „Dabei stoßen sie unglaublich laute Klicklaute aus“, sagt der US-Meeresbiologe Prof. Hal Whitehead. „Sie signalisieren der Konkurrenz: Ich bin ein großer Bulle, bleibt bloß weg!“

Hören die Wale Hammerschläge, halten sie die Schiffsrümpfe für Rivalen und stoßen zu, immer in Höhe der Vordermasten: Dort sitzt beim Pottwal das Auge. „Auf diese Weise haben die Wale bald gelernt, sich gegen die Menschen zu wehren“, sagt Whitehead, „erst lange Tauchgänge, dann gegen den Wind schwimmen, zuletzt aber Frontalangriffe“: Pottwalkiefer sind die stärksten Knochen im gesamten Tierreich.

Besonders am Äquator bei den Galapagos-Inseln tobte die Schlacht: Dort treffen sich die Pottwale zur Paarung, dort ist die Wiege der Babys. Dort hielten die Walfänger besonders blutige Ernte, und dort verteidigten die Riesen ihre Art mit besonderer Wut.

Wissenschaftler teilen die Pottwal-Population heute nach Unterschieden ihrer Klick-Sprache in drei Clans ein: einer vor Chile, einer vor den Galapagosinseln und einer, der als einziger im gesamten Pazifik unterwegs ist. Zu diesem dritten Clan, so Whitehead, zählen alle Kampfwale. Sie gaben das damals erlernte Wissen weiter und wurden so zu Wächtern des Meeres.

Wanderer der Meere

Experten schätzen die Zahl der Pottwale auf 350.000 bis 1 Million Exemplare. Der Kopf macht ein Drittel des Körpers aus. Das Gehirn ist mit 9,5 Kilo das größte im Tierreich. Die Bullen leben in den fischreichen Eismeeren. Einmal im Jahr treffen sie sich am Äquator mit den Kühen. Pottwalmütter bringen nur alle sechs Jahre ein Junges zur Welt.

Öl für die Industrie

Aus der 50 Zentimeter dicken Speckschicht lassen sich bis zu 100 Fässer Walöl schmelzen. Es ist der begehrteste Schmier- und Brennstoff des industriellen Zeitalters. Walöllampen beleuchten ganze Städte. Aus dem Wachs im Kopf werden rauchfreie Tafelkerzen, das Ambra aus dem Magen wird von Parfümeuren mit Gold aufgewogen. 200.000 Pottwale sterben für Industrie und Luxus. Erst als 1859 in Pennsylvania billiges Erdöl gefördert wird, hört die grausame Jagd auf.

Walfang heute

Norwegen erlaubt seinen Fischern, jährlich ab 1.Mai rund 1000 Minkwale zu fangen. Island setzt die Quote auf 30 Zwergwale und 9 Finnwale fest. In den Buchten der Färoer werden im Jahr bis zu 1000 Grindwale getötet. Die Japaner weichen, seit der Internationale Gerichtshof in Den Haag die Jagd in der Antarktis verbot, in den Nordpazifik aus. Der weltweite Widerstand gegen das Abschlachten der Wale zeigt Wirkung, doch neue Bedrohungen kommen hinzu: Jährlich verenden bis zu 300.000 Wale und Delfine in Schleppnetzen und an Langleinen der Fischindustrie.

 

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt