Frauen-Fußball: „Unterleibsorgane verwelken“

Donnerstag, 30. Juli 2015

Deutschlands Fußballerinnen sind Weltspitze, Quoten-Queens, Olympiahoffnung. Doch wenn es nach dem DFB gegangen wäre, dürften sie gar nicht kicken!

Denn vor 60 Jahren, am 30.Juli 1955, verbietet eine verkalkte Funktionärsriege in Berlin den Frauenfußball für alle Zeiten.

Die unglaubliche Begründung: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“

Doch die absurde Entscheidung entspricht durchaus dem Geist der Zeit: "Fußball ist keine Sportart, die für Frauen geeignet ist, eben schon deshalb, weil er ein Kampfsport ist“, urteilt auch der große Sepp Herberger. Dabei ist der legendäre Bundestrainer an der plötzlichen Begeisterung selber schuld: Der WM-Titel von 1954 hat den Boom erst ausgelöst.

Nach dem „Wunder von Bern“ strömen zehntausende weibliche Fans in die Fußballvereine. Prompt ziehen Betonköpfe im DFB die Notbremse. Gutachter zählen eine lange Liste schädlicher Nebenwirkungen auf: Die Jagd nach dem runden Leder führe zur Vermännlichung des Frauenkörpers, lasse Unterleibsorgane verwelken, verlagere die Gebärmutter, mache Beckenbodenmuskeln allzu straff und verursache gar ein für die Geburt zu enges Becken.

Außerdem, so heißt es damals, verschwende Sport den begrenzten Energievorrat, den jede Frau für die Mutterschaft reservieren solle, und verändere die chemische Zusammensetzung des Körpergewebes.

Psychologen schreiben Frauen gleich auch noch fehlende Sporttauglichkeit, geringere Intelligenz, ein minderwertiges Nervensystem und Willensschwäche zu. Überhaupt sei Anstrengung unweiblich und unästhetisch, Kraft- und Ausdauersport nur etwas für Männer.

Der damals sehr berühmte holländische Sportpsychologe Frederik Jacobus Johannes Buytendijk, Vorsitzender einer „Katholischen Vereinigung für Geistige Volksgesundheit“, erklärt sogar, das Fußballspiel sei „wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit“.

Es sei „noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen“, denn „das Treten ist wohl spezifisch männlich, das Nichttreten weiblich."

Frauen, so der Forscher, sollten „lieber Fangen spielen, weil sie zum Empfangen gemacht seien“.

Was heute lächerlich klingt, ist damals bitterer Ernst: In Hamborn lässt der DFB ein „Damenfußballspiel“ sogar von der Polizei abbrechen.

Doch die Frauen setzen sich trotzdem durch: Gegen das Verbot, das erst 15 Jahre später aufgehoben wird, und auch gegen Hohn und Häme.

"Decken, decken! Nicht Tisch decken! Richtig, Mann decken!" blödelt ZDF-Ikone Wim Thoelke. Ein Schlaumeier lässt sich einen verstärkten Büstenhalter als „Brustpanzer“ patentieren. Zeitungen melden „Kopfbälle von Dauerwelle zu Dauerwelle“.

„Wochenschau“-Reporter sehen „ein bestrickendes Spiel", loben die gelungene "Umstellung von Haushaltsführung auf Ballführung" und schildern eine gelungene Ballannahme als „geradezu aus der Luft gehäkelt“.

Die "Sport Illustrierte" wundert sich, "dass eine Frau all das in den Beinen haben soll, was man benötigt, um den Ball zu beherrschen“ und fragt: „Genügt es ihnen nicht, dass sie das drin haben, was man benötigt, um die Männer zu beherrschen?"

Und als ein Treffer der Jamaikanerin Beverly Ranger vom Bonner SC „Tor des Monats“ wird, spielt die ARD-„Sportschau“ einen Hit von Vico Torriani ein: „Schön und kaffeebraun sind alle Frau‘n in Kingston Town“. Das sollte heute noch mal einer wagen!

 

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