ARD und ZDF zahlen Spottpreise für Boris Becker

Dienstag, 29. Dezember 2015

Frust nach dem Daviscup, Sozialkritik zu Weihnachten, Fettlebe bei NDR und SDR: In „TELE-RETRO“ zeigen Ausgaben der Kolumne „Teletäglich“, welche Themen dem Fernsehen vor 30 Jahren berichtens- und bedenkenswert schienen (oder auch nicht). Heute: Die Ausgabe vom 29. Dezember 1985.

Im September unterzeichneten Vertreter des Deutschen Sportbunds (DSB) einen Fünfjahresvertrag mit den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten. Danach dürfen ARD und ZDF sämtliche Sportveranstaltungen auf bundesdeutschen Boden (außer Fußball und Eishockey) exklusiv übertragen. Sie zahlen dafür in diesem Jahr vier Millionen Mark, im nächsten Jahr 4.4 Millionen Mark. 1987 dann 4.3 Millionen. wieder ein Jahr später 4.2 Millionen und 1989 insgesamt 5.3 Millionen Mark. Davon erhält der Deutsche Tennisbund, dessen Daviscup-Spieler am Freitag, Samstag und Sonntag wieder für Einschaltquoten um 40 Prozent sorgten, 1985 einen Anteil von 374.000 Mark. Pro Becker-Stunde also 3000 Mark.

Warum  eigentlich noch Sporthilfe, wenn sich der DSB solche Verträge leisten kann?

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In der ARD-Humorsendung „Rudis Tagesshow' am Sonntag traten Showmaster Carrell als Tennis-Fan mit Selbstmordabsichten und die Schauspielerin Kunstmann als verzweifelte Ehefrau auf. Auszug:

Kunstmann: „Ich flehe dich an. Fritz - tu's nicht!"

Carrell, auf einem schmalen Mauervorsprung stehend: „Ich mach' Schluß! Drei Monate habe ich mich gefreut auf den Daviscup-Sieg und dann so eine Scheiße!"

Kunstmann: „Denk' doch an mich - deine Doris!"

Carrell: „Ich denke nur an Boris! Denk an die Mannschaft die die ganze Nation hat fallen lassen-jetzt lass ich mich fallen!"

Kunstmann: „Aber du hast doch kein Netz!"

Carrell: „Dafür hab' ich Aufschlag!"

Rudis Kalau-Show.

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Am Dienstag zeigte die ARD zum Heiligen Abend die Sendung „Alle Jahre wieder". Kostproben:

Moderator Rosenbauer zu der Bundestagsabgeordneten der Grünen und Theologin Vollmer: „Wenn Sie morgen predigen müssten, wie würde die Predigt ausfallen?" - Vollmer: „Erstens würde ich wünschen, wenn überhaupt, dass ich in Wackersdorf predigen könnte."

Der Kabarettist  Ron Williams: „Santa Claus muss sparen. Wissen Sie nicht, warum? Irgendwer muss dem Ronnie was ganz Großes versprochen haben - vielleicht die Sterne vom Himmel" - „Bei Helmut Kohl würde ich gern den Knecht Ruprecht spielen – nur für einen Tag. Mit der Rute und so...“ Zu Bildern und Meldungen von Obdachlosen in den USA: „It's murder, it's murder, it's Merry Christmas murder."

Alle Jahre wieder.

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In sieben von acht Abteilungen des NDR werden die wöchentlichen Regelarbeitszeiten zum Teil erheblich unterschritten. Der prozentuale Anteil der in der obersten Besoldungsgruppe angesiedelten Mitarbeiter liegt beim NDR fast 30mal so hoch wie im öffentlichen Dienst. Fast die Hälfte der NDR-Mitarbeiter erhalten Funktions-, Leitungs-, Unregelmäßigkeits-, Stellen-, Erschwernis-, Höhen-, Tauch- oder andere Zulagen. Diese Vergütungen liegen häufig 40 bis 30 Prozent über den Tarifen. Außerdem erhalten manche Mitarbeiter jährlich bis zu 29 bezahlte Nebentätigkeiten genehmigt. Das stellten die Rechnungshöfe der NDR-Länder fest.
Beim Süddeutschen Rundfunk (SDR) werden bereits drei Viertel der Redakteure wie Chefs bezahlt - mit Leitungszulage. Eine SDR-Sekretärin bekommt monatlich 3 414 Mark - 950 Mark mehr, als für vergleichbare Tätigkeit im Öffentlichen Dienst gezahlt wird -, ein Abteilungsleiter 7 619 Mark (3 050 Mark mehr). Ein Redakteur erhielt zusätzlich 2000 Mark, weil sein (während der Dienstzeit gedrehter) Film ins Ausland verkauft wurde. Ein leitender Redakteur der höchsten Gehaltsstufe zog „für Mitwirkung und Gestaltung" einer Sendung zusätzlich 3000 Mark Autoren-Honorar ein. Ein nach weitgehendem Verlust seiner Sehfähigkeit pensionierter Ex-Redakteur bekommt einen monatlichen Zuschuß „für Programmbeobachtungen". Das fand der Landesrechnungshof Baden-Württemberg heraus.

Reaktion der Verantwortlichen: SDR-Intendant Bausch legte gegen die Prüfung Verfassungsbeschwerde ein. NDR-Intendant Ranker bestand vergangene Woche auf einer Gebührenerhöhung für 1987. Berichte über die Rechnungshof-Kritik in der ARD: Fehlanzeige.

Anmerkungen

Rudi Carrell (1934-2006) trat seit 1966 im deutschen Fernsehen auf. Aus „Wikipedia“: „In den folgenden 35 Jahren war er mit zahlreichen selbst entwickelten und adaptierten Formaten einer der erfolgreichsten und prägendsten Köpfe der deutschen Fernsehunterhaltung.“

Hansjürgen Rosenbauer brachte es 1991 als ARD-Moderator („Weltspiegel“) und Talkmaster zum Intendanten des neuen ORB und blieb es bis zur Fusion mit dem Sender Freies Berlin (SFB) im Mai 2003. Im September 2003 wählte ihn der Brandenburger Landtag in den Medienrat der Medienanstalt Berlin-Brandenburg gewählt, allerdings erst im zweiten Wahlgang und nach massivem Druck der SPD auf ihren Koalitionspartner CDU.

Ron Williams brachte es 1985 zum Moderator des TV-Musikmagazins Musik-Szene (ORF/WDR/ARD). 1986 profilierte er sich in der Samstagnachtsendung „Ron-Abend“ (WDR/ARD) vor allem als Reagan-Imitator.

Die evangelische Pastorin Antje Vollmer zählte zu jenen kommunistisch inspirierten Mitgliedern der 68er-Bewegung, die mit Erfolg erst die evangelische Kirche und dann die Umweltbewegung unterwanderten. In den 1970er Jahren betätigte sie sich politisch in der sogenannten „Liga gegen den Imperialismus“ im Umfeld der maoistischen KPD/AO. 1985 trat sie zu den „Grünen“ über und trimmte zusammen mit anderen Ex-Kommunisten wie Jürgen Trittin die Öko-Partei auf Linkskurs. Der Marsch durch die Institutionen gelang: 1994-2005 war sie Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.

 

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