Helmut Schmidts Regierungssprecher kämpft für Marx und Engels

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Gänsebraten-Humor aus der DDR, Titel-Händler und falscher Prinz: In „TELE-RETRO“ zeigen Ausgaben der Kolumne „Teletäglich“, welche Themen dem Fernsehen vor 25 Jahren berichtens- und bedenkenswert schienen. Heute: Die Ausgabe vom 30. Dezember 1990.

Aus der DFF-Sendung „Zwischen Frühstück und Gänsebraten" aus der DDR, ausgestrahlt von der ARD am Dienstag:

„Bei Ihnen tickt hier etwas." - „Ja, ich habe als Kind eine Taschenuhr verschluckt." - „Macht das denn keine Beschwerden?" - „Höchstens beim Aufziehen."

„Ich bin jetzt bei einem Zirkus engagiert, der Werbung macht." - „Wie heißt denn der Zirkus?" - „Hier, die haben mir gestern geschrieben. Werbezirkus Mango." - „Werbezirkus Mango? Ach Mensch - Wehrbezirkskommando!"

Humor ist…

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Am Mittwoch zeigte die ARD-Sendung „Leo's" zusammengeschnittene Interviews mit dem Titel-Händler „Konsul" Weyer und seinem Prozessgegner Lichtenberg, der sich seit einer Adoption „Prinz Frederic von Anhalt“ nennen darf. Auszug:

Weyer: „Ein mehr als zehnmal vorbestrafter Gauner..."

Von Anhalt: „Alles gelogen. Wenn er den Mund aufmacht, lügt er."

Weyer: „Ich habe erst später erfahren, dass er aus dem Sedlmayer-Milieu kommt."

Von Anhalt: „Weyer ist ein alternder Möchtegern-Playboy."

Weyer: „Mit einer so miesen Dreckschleuder möchte ich nichts zu tun haben."

Von Anhalt: „Er ist ein ganz schleimiger Lügner."

Weyer: „Miese Ratte."

Von Anhalt: „Seine Gehirnzellen schrumpfen.“

Weyer: „Er ist überfällig, wegen Geistesgestörtheit aus dem Verkehr gezogen zu werden."

Gibt es beim Fernsehen nicht auch ohne diese Typen schon genug schlechte Komiker?

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In der ZDF-Sendung „Die deutsche Einheit" am Mittwoch sagte der frühere US-Botschafter in Bonn, Richard Burt: „Ich glaube, wir haben die Stärke der östlichen Systeme überschätzt und die Stärke unserer eigenen Werte und Überzeugungen unterschätzt Was meiner Meinung nach wirklich zum Ende der Teilung Deutschlands und der Teilung Europas geführt hat, war einfach die Idee der Freiheit.“

Je wahrer, je klarer (deutsches Sprichwort).

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In der SFB-Sendung „Freitagnacht" am Freitag sagte der frühere Regierungssprecher Bölling über das Marx-Engels-Denkmal im früheren Ostberlin: „Es wäre kleinlich, wenn man das jetzt wegräumte… Wenn Sie daran denken, dass in den letzten drei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts von Norden bis in den tiefen Süden überwiegend künstlerisch wertlose Bismarck-Statuen aufgebaut worden sind… Ich finde es sympathisch, dass unsere früheren Ostberliner Landsleute diese beiden bedeutenden deutschen Denker mit einer Art von liebevoller Ironie schon umarmen… Weder Karl Marx noch Friedrich Engels sind für 40 Jahre DDR-Diktatur haftbar zu machen.“

Stanislav Jerzy Lec: „Wer schon an sich lächerlich ist, kann nicht Gegenstand der Satire sein.“

Anmerkungen

Der Diplom-Psychologe Andreas Lukoschik moderierte 1987-1991 das ARD-Gesellschaftsmagazin „Leo’s“. Seit 1998 leitet er in der Schweiz die Amadeus AG, eine Agentur für International Cultural Engineering und Marketing.

Klaus Bölling (SPD) wurde 1974 unter Bundeskanzler Helmut Schmidt Regierungssprecher und Leiter des Bundespresseamtes. 1981 wurde er Nachfolger von Günter Gaus als Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in Ostberlin. 1982 kehrte Bölling nach Bonn in sein Amt als Regierungssprecher zurück, das er bis zum Ende der sozialliberalen Koalition 1982 ausübte. Seitdem lebt er als Publizist in Berlin.

 

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