Wünsche für 2016: Das Schicksal gewährt uns nur das, was es selber will

Donnerstag, 31. Dezember 2015

„Im neuen Jahr Glück und Heil, auf Weh und Wunden gute Salben“, wünschte Goethe seinen Nächsten, „auf groben Klotz ein grober Keil! Auf einen Schelmen anderthalben!“

Der unsentimentale Segensspruch kennt und hegt gleichwohl den Kern aller menschlichen Sehnsucht zum Jahreswechsel: das Schlimme sei und bleibe endgültig vergangen, das Schöne setze sich fort oder werde neu gewonnen.

Die Hoffnung auf gute und bessere Zeiten, im Glückwunsch vergoldet, wärmt das Leben des Menschen bei jedem Neuanfang vom ersten Geburtstag bis zur Rente.

Zum Neujahrstag aber erfüllt diese Hoffnung auch die versammelte Seelen- und Schicksalsgemeinschaft mit ihrer Kraft, wenn Familie und Freunde, Nachbarschaft und Nation, Gläubige und Abergläubische mit- und füreinander die Rosen der Zukunft beschwören.

Der Tiefe dieser Sehnsucht entspricht die Höhe ihrer Adressaten: Seit der Mensch den Blick zu den Sternen erhob, erwartet er vom Himmel sein Heil. Er wurde nicht enttäuscht. Der Sirius lehrte Ägypten den Fruchtbarkeitszyklus am Nil, der Polarstern geleitete schon die Schiffer der Steinzeit sicher über die offene See, und der geheimnisvolle Steinkreis von Stonehenge brachte als Kalender himmlische Ordnung in die Erdenzeit seiner Erbauer.

In der Magie des ewigen Kreislaufs der Gestirne wurzelten die ersten Götter – und unsere Wünsche bis heute: Glück erbaten sich schon die Jäger der Vorgeschichte, Wohlstand die Hirten, Sicherheit die Bauern und Frieden die ersten Städter der Steinzeit.  

Als die Götter noch keine Astronauten waren, trauten die Völker ihnen die Erfüllung dieser Wünsche ohne weiteres zu. Voraussetzung waren schon in den ältesten Religionen Riten der Reinigung von Sünde und Schuld.

Dazu gehörte auch die Aussöhnung mit Mensch, Tier und Natur, die den Termin setzte: Fast immer begann das neue Jahr mit der neuen Jahreszeit des Frühlings, in der mit Licht und Wärme das Leben aus der Verbannung des Winters wiederkehrt.

Den Segen der verjüngten Sonne fühlt schon der Säugling, die Energie steigt von 200 auf 1000 Watt pro Quadratmeter, der Tag verlängert sich etwa in Norddeutschland von sieben auf siebzehn Stunden.

Südlichere Kulturen, denen in Äquatornähe ausgeprägte Jahreszeiten fehlen, richten sich nach dem Mond, und wie er wechseln auch die Termine. Das Jahr des Moslems ist elf Tage kürzer als das christliche. Juden, Kurden und Perser, Buddhisten in China und Vietnam, Hindus in Indien und in Thailand, Sikhs und Balinesen, Indiens Jain, die Khmer, die Tamilen, Koreas Chongmyo-Anhänger oder die New-Age-Kelten feiern das neue Jahr an den verschiedensten Terminen.

So auch die Christenheit. Ursprünglich überging die christliche Liturgie das Ereignis, auch um das junge Gottesvolk vom sittenlosen Treiben römischer Neujahrsfeste abzugrenzen. Im 6.Jahrhundert geriet der 1.Januar sogar zum Bußtag. Im 13.Jahrhundert legten die Päpste das „Fest der Beschneidung Christi“ auf das noch immer nur weltliche Datum: das Kirchenjahr beginnt bis heute am 1.Advent. Erst 1691 nahm der Vatikan den 1.Januar als Neujahrstag in seinen Kalender auf. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962-65 feiern Katholiken am 1.Januar das „Hochfest der Gottesmutter Maria“.

Äthiopier, Kopten und Rastafaris begrüßen das neue Jahr am 11.September, Orthodoxe am 6.Januar - bei uns der Dreikönigstag der Sternsinger, in den Ostkirchen aber das Fest der Epiphanie, der Taufe Christi und der Offenbarung der heiligsten Dreifaltigkeit.

So vielfältig wie die Termine entwickelten sich die Bräuche. Der Wunsch nach Glück war stets dabei, der Glückwunsch aber kam erst spät in Mode. Noch bis ins 18.Jahrhundert lag im protestantischen Hamburg das „Großneujahr“ auf dem 6.Januar. Silvester hieß „Altjahrsabend“, und nicht vor 1789 begrüßten Hanseaten den Jahreswechsel mit Pauken und Trompeten – und Segenswünschen.

„Am Neujahrstage dem Gottesdienst beizuwohnen, erschien unseren Vorfahren als unabweisliche Pflicht“, berichtet Ernst Finder in seiner Kulturgeschichte „Hamburgisches Bürgertum in der Vergangenheit.“ Nach Hause zurückgekehrt, „fand man wohl eine Menge der von Bediensteten im Auftrage ihrer Herrschaft abgegebenen Neujahrskarten vor“, an welchen, wie Finder eine „bissige Chronistin“ zitiert, „gerade das Beste ist, daß ihr frostiges Nichts keine weitere Lüge sagt.“

Bald indes erheiterten sich die Grüße bis ins Frivole: „Mit solchen Glückwünschen war ihrer Ausstattung nach besonderer Prunk getrieben worden“, meldet Finder, „nicht nur auf Papier, auch auf Seide und Atlas wurden sie gedruckt und mit Kupfern verziert. Als moralische und scherzhafte Wünsche wurden sie in den Zeitungen angepriesen. Doch mochte solcher Scherz zuweilen wohl absonderliche Formen annehmen, jedenfalls sah sich die Geistlichkeit veranlaßt, darauf hinzuweisen, 'daß in diesen Glückwünschen auch anstößige Dinge mit vorkommen.'“

Bezeichnend sei, so Finder, daß zum Neujahr 1806 für Glückwünsche mit dem Versprechen geworben wurde, daß sie „gar nichts Schmutziges und Unanständiges enthalten“ - der Anstand hatte noch einmal gesiegt.

Was gute Menschen einander zum neuen Jahr wünschen, bleibt seit alten Zeiten gleich: Glück und Gesundheit für die ganze Familie, dazu Wohlstand sowie den Frieden und die Freiheit, in Ruhe und Sicherheit der Arbeit und den Geschäften nachgehen zu können.

Sich selber wünschen auch große Geister zuweilen nichts anderes: „Freiheit, ein eigenes Haus und ein Weib, meine drei Wünsche, welche ich mir beim Auf- und Untergange der Sonne wiederhole, wie ein Mönche seine Gelübde“, gestand Heinrich von Kleist. Walter Rathenau dagegen, der Familienglück und Wohlstand nicht ersehnen mußte, wünschte sich zum neuen Jahr „weniger Rede, mehr Gedanken, weniger Interessen, mehr Gemeinsinn, weniger Wissen, mehr Urteil, weniger Zwiespalt, mehr Charakter.“

Und so behält doch wieder Goethe das letzte Wort, wenn er in den „Wahlverwandtschaften“ schreibt: „Das Schicksal gewährt uns unsre Wünsche, aber auf seine Weise, um uns etwas über unsere Wünsche geben zu können.“

Neujahrsbräuche

An Elbe und Küste haben sich Neujahrsbräuche aus heidnischer Zeit besonders lange erhalten – manche bis heute. Auswahl:

Die Helgoländer warfen gegen böse Geister Geschirr an Türen und Fensterläden, deshalb hieß Silvester auch „Pottensmieterinn“ - „Topfschmeißerabend“.

Die Holsteiner spielten einander gern Streiche, klauten Fuhrwerke oder stellten Schubkarren aufs Dach. Silvester war „Dickbuksabend“, da wurde besonders viel geschmaust.

Die Stader hüteten sich, Silvester als erste vom Tisch aufzustehen: Sie glaubten, man sei dann auch beim Sterben der erste.

Auf Amrun stellten Kinder abends Schüsseln ins Fenster - über Nacht legen die Hulkan („Holdchen“) Brezeln hinein.

In der Lüneburger Heide geriet die Ernte gut, wenn am Neujahrstag die Sonne wenigstens so lange schien, daß ein Mann sich auf sein Pferd schwingen konnte.

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