Liebe, Sex, Perversion: Vor 10 Jahren schrieb Benedikt XVI. seine erste Enzyklika

Sonntag, 21. Februar 2016

Im Januar 2006 wies der Professor auf dem Stuhl Petri mit einem Aufsehen erregenden Lehrschreiben seinem Pontifikat eine Position und seiner Kirche eine neue Richtung zu. Der Text zeigt den Verfasser, den der Weltgeist bisher vor allem als strengen Hüter vatikanischer Moral und katholischer Selbstgewissheit zur Kenntnis nahm, klarer denn je als aufgeklärten Philosophen, als klugen und verständnisvollen Führer durch die Fährnisse der Zeit und als unbeugsamen Kämpfer für die Rechte des Menschen und des Lebens.

Der Titel „Deus caritas est“ - „Gott ist die Liebe“ stellt das Rundschreiben auf das tiefste Fundament, auf das eine Religion sich gründen kann: „In einer Welt, in der mit dem Namen Gottes bisweilen die Rache oder gar die Pflicht zu Hass und Gewalt verbunden wird, ist dies eine Botschaft von hoher Aktualität und von ganz praktischer Bedeutung. Deswegen möchte ich in meiner ersten Enzyklika von der Liebe sprechen, mit der Gott uns beschenkt hat und die von uns weitergeben werden soll.“

Im Vorwort lässt der Papst erkennen, dass auch der religiöse Fanatismus einen Anlass für die Enzyklika gibt, doch geht es um mehr. „Ich beabsichtige, darin – zu Beginn meines Pontifikats – einige wesentliche Punkte über die Liebe, die Gott dem Menschen in geheimnisvoller Weise und völlig vorleistungsfrei anbietet, zu klären und zugleich die innere Verbindung zwischen dieser Liebe Gottes und der Realität der menschlichen Liebe aufzuzeigen.“

Zu dieser Realität zählt der Papst, wie sich sofort zeigt, auch die Erotik: „Das Christentum – meinte Friedrich Nietzsche – habe dem Eros Gift zu trinken gegeben; er sei zwar nicht daran gestorben, aber zum Laster entartet. Damit drückte der deutsche Philosoph ein weit verbreitetes Empfinden aus: Vergällt uns die Kirche mit ihren Geboten und Verboten nicht das Schönste im Leben? Stellt sie nicht gerade da Verbotstafeln auf, wo uns die vom Schöpfer zugedachte Freude ein Glück anbietet, das uns etwas vom Geschmack des Göttlichen spüren läßt?“

Dann spricht der Papst die Probleme der Kirche mit der Sexualität unserer Zeit in bisher nicht gekannter Deutlichkeit an: „Die Griechen – durchaus verwandt mit anderen Kulturen - haben im Eros zunächst den Rausch, die Übermächtigung der Vernunft durch eine 'göttliche Raserei' gesehen, die den Menschen aus der Enge des Daseins herausreißt und ihn in diesem Überwältigtwerden durch eine göttliche Macht die höchste Seligkeit erfahren läßt ... In den Religionen hat sich diese Haltung in der Form der Fruchtbarkeitskulte niedergeschlagen, zu denen die 'heilige Prostitution' gehörte, die in vielen Tempeln blühte. Eros wurde so als göttliche Macht gefeiert, als Vereinigung mit dem Göttlichen.“

Der Papst prüft den Vorwurf christlicher Sexualfeindlichkeit auch vor dem Hintergrund bibelzeitlicher Fruchtbarkeitskulte, bei denen sich junge Hierodulen zahlenden Gläubigen hinzugeben hatten: „Das Alte Testament hat sich dieser Art von Religion, die als übermächtige Versuchung dem Glauben an den einen Gott entgegenstand, mit aller Härte widersetzt, sie als Perversion des Religiösen bekämpft. Denn die falsche Vergöttlichung des Eros, die hier geschieht, beraubt ihn seiner Würde, entmenschlicht ihn. Die Prostituierten im Tempel, die den Göttlichkeitsrausch schenken müssen, werden nämlich nicht als Menschen und Personen behandelt, sondern dienen nur als Objekte. Tatsächlich sind sie nicht Göttinnen, sondern missbrauchte Menschen. Deshalb ist der trunkene, zuchtlose Eros nicht Aufstieg, Ekstase zum Göttlichen hin, sondern Absturz des Menschen.“

Der Vergleich mit den Konkurrenzreligionen der Antike lässt an ähnliche Erscheinungen der Gegenwart denken. Pornographie etwa, vom Gesetz geduldet und von der Gesellschaft gewünscht, gilt der katholischen Kirche als Todsünde.

„Zweierlei ist bei diesem kurzen Blick auf das Bild des Eros in Geschichte und Gegenwart deutlich geworden“ lehrt der Papst weiter. „Zum einen, dass Liebe irgendwie mit dem Göttlichen zu tun hat: Sie verheißt Unendlichkeit, Ewigkeit - das Größere und ganz andere gegenüber dem Alltag unseres Daseins. Zugleich aber hat sich gezeigt, dass der Weg dahin nicht einfach in der Übermächtigung durch den Trieb gefunden werden kann. Reinigung und Reifungen sind nötig, die auch über die Straße des Verzichts führen. Das ist nicht Absage an den Eros, nicht seine 'Vergiftung', sondern seine Heilung zu seiner wirklichen Größe hin.“

Der Papst will die Erotik nicht etwa verbieten, sondern die Gläubigen im Gegenteil ermuntern, sie als Geschenk der Fülle des Lebens zu genießen – aber so und nur so, wie sie vom Schöpfer gemeint ist: „Heute wird dem Christentum der Vergangenheit vielfach Leibfeindlichkeit vorgeworfen, und Tendenzen in dieser Richtung hat es auch immer gegeben.“

Damit gibt der Papst erstmals zu, dass Kräfte der Kirche auf dem Feld der Erotik auch Falsches lehrten. „Aber die Art der Verherrlichung des Leibes, die wir heute erleben, ist trügerisch. Der zum 'Sex' degradierte Eros wird zur Ware, zur bloßen 'Sache'; man kann ihn kaufen und verkaufen, ja der Mensch selbst wird dabei zur Ware ... In Wirklichkeit stehen wir dabei vor einer Entwürdigung des menschlichen Leibes, der gleichsam ins Biologische zurückgestoßen wird.“

Der Papst folgt genau der Linie seines Vorgängers: Der Liebesakt entspricht nur dann dem Willen dem Schöpfers, wenn er für ein Kind offen bleibt, also ohne Pille oder Kondom. Johannes Paul II. ging es immer um die Freiheit des Menschen auch von den Zwängen der Zeit, zum Beispiel von der Möglichkeit zur straffreien Abtreibung, die nach Ansicht des Vatikans viele Frauen gar nicht wirklich frei macht, sondern erst recht unter Druck setzt.

„Ja, Eros will uns zum Göttlichen hinreißen, um uns über uns selbst hinauszuführen, aber gerade darum verlangt er einen Weg des Aufstiegs, der Verzichte, der Reinigungen und Heilungen“, heisst es in dem Lehrschreiben: Gottgewollte Erotik als ein Schatz der Sinne sei nur dann wirklich erfahrbar, wenn in der körperlichen Liebe Geist und Materie ineinandergreifen, Leib und Seele beieinander sind.

„Wie muß Liebe gelebt werden, damit sich ihre menschliche und göttliche Vorstellung erfüllt?“ fragt der Papst und antwortet: Hinweise können wir im Hohelied finden.“ Dieses Buch aus dem Alten Testament entstand nach der Überlieferung zur Zeit König Salomos (965-926), nach neuer Forschung erst nach dem Babylonischem Exil (597-539).

Früher deuteten Theologen den Inhalt als Allegorie auf die Beziehung des Menschen zu Gott. Der Papst aber folgt der modernen Auffassung, dass es sich um eine Sammlung erotischer Liebes- und Hochzeitslieder handelt. Dem im Hohelied verwendeten hebräischen Wort „ahaba“ für Liebe entspricht das griechisch-neutestamentarische „Agape“. Zur Zeit des Neuen Testaments bezeichnet Eros die körperliche Liebe zwischen Mann und Frau, Agape die geistige, etwa zwischen Jesus und seinen Jüngern.

„Liebe wird nun Sorge um den anderen. Sie will nicht mehr sich selbst – das Versinken in der Trunkenheit des Glücks -, sie will das Gute für den Geliebten. Sie will Verzicht, sie wird bereit zum Opfer, ja sie will es“, erklärt der Papst: Gottgewollt kann nur eine Liebe und Erotik sein, die den Egoismus überwindet. Liebe darf nicht auf Kosten anderer gehen: nicht auf Kosten des Partners, nicht auf Kosten Dritter, auch nicht auf Kosten ungeborener oder werdender Kinder: „Ja, Liebe ist 'Ekstase', aber Ekstase nicht im Sinn des rauschhaften Augenblicks, sondern Ekstase als ständiger Weg aus dem in sich verschlossenen Ich zur Freigabe des Ich, zur Hingabe und so gerade zur Selbstfindung, ja zur Findung Gottes.“

Der Papst zielt auf den Zusammenhang zwischen den beiden Hauptformen christlicher Liebe, der Gottesliebe und der Nächstenliebe: „In Wirklichkeit lassen sich Eros und Agape niemals ganz voneinander trennen. Je mehr beide in unterschiedlichen Dimensionen in der einen Wirklichkeit Liebe in die rechte Einheit miteinander treten, desto mehr verwirklicht sich das wahre Wesen von Liebe überhaupt.“

Durch die enge Verbindung des Körperlichen mit dem Geistig-Seelischen werden Eros und Erotik so gereinigt und geadelt, dass sie von der Sünde nicht mehr erreicht werden können: „Der Eros ist gleichsam wesensmäßig im Menschen selbst verankert; Adam ist auf der Suche und 'verläßt Vater und Mutter', um die Frau zu finden; erst gemeinsam stellen die beiden die Ganzheit des Menschseins dar, werden 'ein Fleisch' miteinander.“

Kirchenkritiker reiben sich gern an der Bibel-Legende, Gott habe die Frau aus einer Rippe des Mannes erschaffen, doch an einer anderen Stelle der Schöpfungsgeschichte steht klipp und klar: „Als Mann und Frau erschuf er sie“ - gleichwertig und gleichberechtigt auch in Liebe und Erotik.

„Der Eros verweist von der Schöpfung her den Menschen auf die Ehe, auf eine Bindung, zu der Einzigartigkeit und Endgültigkeit gehören. So, nur so erfüllt sich seine innere Weisung. Dem monotheistischen Gottesbild entspricht die monogame Ehe“: Der Papst bestätigt damit auch, dass die kirchlich, also vor Gott geschlossene Ehe nicht geschieden werden darf – außer aus ganz besonderen Gründen, zum Beispiel wenn einer der Ehepartner keine Kinder haben möchte: „Die auf einer ausschließlichen und endgültigen Liebe beruhende Ehe wird zur Darstellung des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk und umgekehrt: die Art, wie Gott liebt, wird zum Maßstab menschlicher Liebe.“

Der Papst macht klar: Die Enzyklika ist ein Plädoyer für die Liebe, für den Eros, für die Erotik als gottgewollte und von Gott geschenkte Freude, die es vor Missbrauch und Perversion zu schützen gilt.

Benedikt XVI. sieht, das zeigt dieses erste Lehrschreiben, eine seiner wichtigsten Aufgaben darin, die katholische Kirche mit dem Liebes- und Lebensgefühl des modernen Menschen im Sinne des Schöpfers zu versöhnen.

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt