Bei Plasberg: Empörung über das Raser-Urteil von Köln

Dienstag, 3. Mai 2016

„Hart aber Fair: Bewährung für Täter, lebenslang für Opfer – urteilen unsere Richter zu lasch?“ ARD, Montag, 2.5.2016, 21 Uhr.

Der frühere Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma hat in der ARD-Talkshow „Hart aber Fair“ am Montag die weit verbreitete Praxis deutscher Gerichte kritisiert, die Interessen der Täter über das Verständnis für die Opfer zu stellen.

In der Sendung forderte er den neuen Vorsitzenden des Deutschen Richterbundes, Jens Gnisa, auf: „Bitte sprechen Sie mit Ihren Kollegen, dass sie sich nicht mehr so stark auf die Täter konzentrieren.“

Bewegend schilderte Schramma, der selbst seinen Sohn durch Raser verloren und daraufhin den Verein „Opferhilfe“ gegründet hatte, die Leiden seiner Familie: 52 Prozesstage, keine Regung der beiden Täter, kein Wort der Reue, und nach dem Urteil „haben sie lachender Weise den Gerichtssaal verlassen.“

Zuvor habe der Richter eine Zeugin so lange lächerlich gemacht, „bis sie heulend rausgelaufen ist“. Deshalb, so Gramma, hätte er als Opfer gern auch mal „Gelegenheit, einem Richter zu sagen, was du da gemacht hast, war Mist.“

Gnisa zeigte Verständnis, schränkte jedoch bedauernd ein: „Ein Strafverfahren hat viel Aspekte.“ In Deutschland seien solche Prozesse „traditionell um den Täter aufgebaut“, weil es trotz mancher Verbesserungen den Status des Opfers noch gar nicht gebe: Ohne Anwalt dürfen die Hinterbliebenen noch nicht einmal Einsicht in die Akten nehmen.

Bei dem umstrittenen „Raser-Urteil von Köln“ ging es um zwei junge Männer mit türkischem Migrationshintergrund. Sie hatten im vergangenen Jahr bei einem angeblich spontanen Wettrennen eine 19jährige totgefahren und waren trotzdem auf freiem Fuß geblieben, weil das Gericht Bewährungsstrafen von zwei Jahren bzw. 21 Monaten für angemessen hielt.

Richter Gnisa hielt der Talk-Runde dazu einen Kurzvortrag über die angeblichen Härten von Bewährungsstrafen: Sozialarbeit, enge staatliche Kontrollen, ein Bewährungshelfer, „der sie unter Druck setzt“, das sei „nicht angenehm“.

Der Polizeibeamte Joachim Lenders, CDU-Politiker und Hamburg-Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, protestierte gegen diese Darstellung scharf: Täter würden über Bewährungsstrafen nur lachen, und wenn sie dann doch wieder straffällig würden, werde die Bewährung oft nicht einmal widerrufen.

Den Vorschlag Schrammas, wenigstens sicherzustellen, dass Opfer und Hinterbliebene später erfahren könnten, was aus so einer Bewährungsstrafe geworden sei, unterstützte der Richter: Der Anspruch auf solche Auskünfte bestehe bereits, „aber das nehmen nur sehr wenige Opfer in Anspruch.“ Zum vielgepriesenen Täter-Opfer-Ausgleich sagt der Richter: „Wir werden von den Opfern oft nicht angesprochen.“

Besonders empörend: Vor Gericht berichtete ein Polizist, einer der Kölner Totraser, Firat M., habe bei der Unfallaufnahme verlangt, mit der Sprühkreide „aufzupassen“, denn seine Alufelgen hätten 3000 Euro gekostet. Plasberg hakte nach: „Gehört so was in ein Urteil mit rein?“ Der Richter beschwichtigte, an einem Tatort könne es „schon mal zu spontanen Fehläußerungen kommen.“

Der Strafrechtsexperte Ingo Lenßen sagte, nach diesem schlimmen Alufelgen-Ausrutscher hätte er als Verteidiger gar nicht mehr gewaqt, auf eine Bewährungsstrafe zu plädieren. Das Publikum klatschte Beifall, und darüber regte sich nun der Richter auf: „Damit haben Sie sich billigen Applaus geholt! In Wirklichkeit hätten Sie ganz anders gehandelt!“

„Strafe muss auch Genugtuung für die Opfer sei“, forderte Lenßen. Plasberg brachte dazu Beispiele aus der Schweiz: Seit dort Rasern ein Jahr Knast und zwei Jahre Führerscheinentzug drohen, haben sich die Fälle um 50 Prozent verringert. Zwei Angeklagte, die einen Familienvater auf dem Gewissen haben, wurden zu sieben bzw. siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

„Was vermitteln wir eigentlich jungen Leuten – und jetzt haben wir so viele Fremde im Land – über den christlichen Wert des Lebens, wenn man bei uns Leute umbringen darf, und dann geht man heim und es ist gut?“ fragt Gabriele Karl unter dem Beifall des Publikums. Die Münchnerin hatte die Initiative „Opfer gegen Gewalt“ gegründet, nachdem ihre Tochter von einem polizeibekannten Sexverbrecher getötet worden war.

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt