Sakrileg: War Jesus wirklich Vater?

Dienstag, 31. Mai 2016

Vor zehn Jahren startete das Hollywoodwerk „Sakrileg“ nach dem Bestseller des US-Autors Dan Brown und stieß nicht nur im Vatikan auf heftige Kritik: Die Verfilmung des trivialen Theologie-Thrillers drohte nicht nur dem Ansehen der christlichen Kirchen zu schaden, sie rüttelt an fundamentalen Glaubensgewißheiten – mit gewaltigem Aufwand, raffinierten Mitteln und weltweiter Wirkung. Im Oktober kommt ein vierter Teil der Mystery-Serie ins Kino.

„Der Herr hat seiner Kirche die Aufgabe anvertraut, das Glaubensgut zu hüten“, schreibt der Katechismus der Katholischen Kirche gleich im ersten Satz, „und sie erfüllt diese Aufgabe zu allen Zeiten.“ Vor zehn Jahren, um Mai 2016, bestand mal wieder besonderer Bedarf: Das Hollywoodwerk „Sakrileg“, die Verfilmung des trivialen Theologie-Thrillers aus der Feder des US-Autors Dan Brown, drohte nicht nur dem Ansehen aller christlichen Kirchen zu schaden, es rüttelte auch an fundamentalen Glaubensgewißheiten – mit gewaltigem Aufwand, raffinierten Mitteln und weltweiter Wirkung.

Das Verdikt der Verteidiger ließ denn auch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Der Film sei „Quatsch“, sagte Paul Popard, Präsident des päpstlichen Kulturrats, an dem Werk erweise sich „das lüsterne Vergnügen der Medien, Produkte zu fördern, die nichts mit der Wahrheit zu tun haben.“

Leider aber, so der Kardinal damals, nähmen Zuschauer aus Unkenntnis den Unfug für bare Münze. Und genau da liegt das Problem. Der Roman um eine mörderische Jagd nach Beweisen für ein völlig neues Jesusbild ist zwar nur eins von vielen Büchern, die sich in jüngster Zeit mit tatsächlichen oder auch nur angeblichen Rätseln und Mysterien um den Glauben befassen. Doch die dramaturgischen Fähigkeiten des Autors und der propagandistische Einsatz seiner Verlage verursachen eine Gefahr, die der Film mit dem ungewöhnlich populären Hauptdarsteller Tom Hanks noch einmal vergrößerte: Bereits seit dem Jahr 2003 führte Browns Bestseller, der in den USA „The Da Vinci Code“ heißt, die Bestsellerliste an. 48 Millionen Mal wurde er dort, zwei Millionen Mal in Deutschland verkauft, zudem in 44 Sprachen übersetzt.

Dabei bringt Brown nicht etwa neue Perspektiven wie ein Hans Küng oder gar neue Thesen wie ein Martin Luther, sondern er schlachtet lediglich eine alte Legende aus – eine Legende allerdings, die schon die Urkirche der Apostelzeit als lebensgefährlich erkannte und erbittert bekämpfte: die Story, die Ex-Prostituierte Maria Magdalena habe Jesus zum Vater gemacht.

Nach Tod, Auferstehung und Himmelfahrt des gekreuzigten Erlösers bildete der Glaube an Christus als Gottes Sohn das Fundament für die Entstehung und das Wachstum der neuen Weltreligion. Daß Jesus auch ein Mensch war, wußten alle, die mit ihm gezogen waren, gesprochen, gegessen und getrunken hatten. Doch daß er eine göttliche Natur besaß, von Gott gezeugt wurde und wie dieser ewig ist, das glauben nur die Christen. Für die Juden war Jesus teils Prophet, teils Betrüger, und für die meist griechischen oder griechisch geprägten Heiden nur ein weiterer jüdischer Sektengründer, deren es viele gab.

Für die Hohenpriester war die Auferstehung Schwindel: Schon bei Pilatus vermuteten sie, der Leichnam solle gestohlen werden, um Göttlichkeit vorzutäuschen. Und als Jesus noch als Wanderprediger durch Palästina zog, kreideten ihm seine Feinde an, daß er sich von wohlhabenden Damen nicht nur finanzieren, sondern auch begleiten ließ – ein Verhalten, das an Unsittlichkeit grenzte: Damals wie heute liefen anständige Frauen nicht mit gutaussehenden jungen Gurus durch die Gegend, sondern blieben brav zu Hause.

Die bekannteste unter Jesu Begleiterinnen war Maria Magdalena, und prompt geriet ihr Ansehen in Mißkredit – sogar in der Kirche: Das älteste Evangelium, das des Markus, zeigt sie unter dem Kreuz und als erste Empfängerin der Auferstehungsbotschaft am leeren Grab. Die späteren Evangelisten Matthäus und Lukas aber spielen diese einzigartige Rolle bereits herunter, wie der Münsteraner Neutestamentler Martin Ebner analysiert. Und im dritten Jahrhundert setzten Theologen sie irrtümlich mit einer namenlosen Sünderin gleich, die Jesus die Füße wäscht und von sieben Dämonen befreit wird. Auf diese Weise erhielt Maria Magdalena den Makel einer Ex-Prostituierten angedichtet – für die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel „eine der dramatischsten Fälschungen der Kirchengeschichte“.

Die Legende macht die junge Frau aus dem Badeort Magdala am See von Genezareth bald zur Ehefrau Jesu und Mutter seines Sohnes, mit dem sie nach Südfrankreich geflohen sei. Dort lebte sie als Missionarin. Ihr Grab liege in Aix-en-Provence. Ihr Bruder Lazarus wurde erster Bischof von Marseille, ihre Schwester Martha im nahen Tarascon beigesetzt. Immer wieder auch führen Familien in Frankreich und England ihren Stammbaum bis auf den angeblichen Jesussohn zurück. Und immer wieder bringen Bestseller Maria Magdalena mit dem Heiligen Gral zusammen oder beschreiben ein geheimes Jesusgrab, zuletzt in den französischen Pyrenäen.

Aus den gleichen Ingredienzien rührte Brown seinen ersten Mystery-Mix zusammen: Ein Mord vor der „Mona Lisa“ im Louvre bringt Forscher auf die Spur von Beweisen dafür, daß Jesus mit Maria Magdalena heimlich verheiratet war und ein Kind hatte. Fanatische Finsterlinge eines Geheimordens „Priorat von Zion“ suchen diese Wahrheit mit blutiger Gewalt unter dem Deckel zu halten. Und der Gral ist bei Brown kein Gefäß für das Blut Jesu, sondern das verborgene, von der Kirche verleugnete Geheimnis um Jesu Allzumenschlichkeit.

Die Roman-These trifft die Kirche in tiefster Seele, denn gerade die Göttlichkeit des irdischen Gründers sichert dem Christentum seinen besonderen Rang unter den Religionen. „Allein die Vorstellung ist absurd“, sagt Rainer Kampling, Professor für Biblische Theologie an der FU Berlin über Browns Roman-These, „und sie hat einen rassistischen Ansatz: Was sind diese Nachkommen Jesu denn, etwa Vierteljesuaner?“

Der katholische Theologe Lutz Lemhöfer, als Referent für Weltanschauungsfragen im Bistum Limburg mit Religionsthemen in Krimis und Thrillern besonders vertraut, empfiehlt indes einen gelassenen Umgang mit dem Thema: „Brown vermischt Esoterik, Kirchenkritik und eine diffuse Religiosität zu einer spannenden Geschichte, die dem Zeitgeist huldigt“, sagt er. „Mysteriöse Verschwörungstheorien werden gern gelesen, außerdem macht es den meisten Zuschauern Spaß, wenn die Großen und Mächtigen mal eins ausgewischt bekommen, und die katholische Kirche wird ja von außen oft als Machtapparat wahrgenommen. Die Kirche sollte den Film als Aufhänger für Aufklärung und Information nutzen und über ‚Sakrileg’ diskutieren, in Schulen, Pfarreien und kirchlichen Bildungshäusern. Das Christentum sollte demonstrieren, daß es mit Kritik und Spott sehr gelassen umgehen kann.“

Das Brown-Rezept funktioniert auch heute noch perfekt. 2013 erschien bereits der vierte Thriller der Reihe um den Symbologen Robert Langdon: In „Inferno“ führen Spuren etwa auf Dantes Totenmaske zu einer Organisation, die einen tödlichen Virus freigesetzt hat. Die Verfilmung kommt im Oktober in die Kinos. Die Hauptrolle spielt wieder Tom Hanks.

Legenden um Jesus

Jesus war der Sohn eines römischen Legionärs.

Dieses Gerücht wurde gleich nach Jesu Tod in Umlauf gesetzt. Der Legionär hieß angeblich Ben Panthera und war jüdischer Herkunft.

Jesus war nach seinem Tod in Amerika.

So schreibt es Joseph Smith, Gründer der Mormonen, 1830 in seinem „Buch Mormon“.

Jesus lebte in Indien.

Seit etwa 1890 behauptete Ghulam Ahmad, Gründer der islamischen Ahmadiyya-Sekte, Jesus sei nach Kaschmir ausgewandert und in hohem Alter in Srinagar friedlich gestorben. Sein Leichnam liege im Grabhäuschen eines „Yuz Asaf“.

Jesus war nur scheintot.

1993 behauptete die australische Forscherin Barbara Thiering, Jesus sei scheintot vom Kreuz abgenommen und in einer Höhle in Qumran wieder gesundgepflegt worden. Später habe sich Maria Magdalena, mit der er zwei Söhne und eine Tochter hatte, von ihm scheiden lassen. Danach heiratete Jesus in Philippi die fromme Christin Lydia.

 

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