Der Krieg im Äther

Samstag, 18. März 2017

Vor 75 Jahren starteten die USA ihren Auslandssender „Voice of America“. Er wurde zur wichtigen Stimme im Kampf der freien Welt gegen die Propaganda der Nazis. Der Kampf der Lautsprecher dauert bis heute an.

Die Ansage ist kurz, klar und vielversprechend: „Jeden Tag zu dieser Zeit werden wir zu Ihnen über Amerika und den Krieg sprechen“, sagt der Moderator. „Die Nachrichten mögen gut oder schlecht sein, wir wollen Ihnen die Wahrheit sagen.“

Mit diesen Worten nimmt vor 75 Jahren, am 1. Februar 1942, ein Sender den Betrieb auf, der auf Anhieb für Millionen Europäer zum Leuchtturm in einem Meer von Lügen wird: „Voice of America“ (VOA) ist die Lautsprecherstimme der freien Welt gegen die Demagogie und rassistische Hetze der Nazi-Diktatur.

„VOA“ ist eine Erfindung des „United States Office of War Information“ (OWI). Die US-Regierungsbehörde zur Verbreitung von Kriegsinformationen hat 3000 Mitarbeiter und beeinflusst bald sogar die Filmproduktionen Hollywoods.

Im Zweiten Weltkrieg sendet VOA in 40 Sprachen. Deutsche, Engländer und Russen mischen da schon lange mit. Es gibt weiße, schwarze und graue Sender: Zu den weißen, also echten Sendern zählen etwa die britische BBC und das kommunistische Radio Moskau, aber auch der deutsche „Soldatensender Belgrad“. Schwarze Sender, die ihre wahre Existenz verschleiern, sind z.B. „Gustav Siegfried 1“ oder der „Soldatensender Calais“, deren Anlagen in Wirklichkeit in England stehen. Graue Sender wie der „Deutsche Freiheitssender 29,8“ aus dem Spanischen Bürgerkrieg sind zwar echt, strahlen aber gezielt Falschmeldungen aus.

Besonders erfolgreich beim Einflüstern von Propaganda sind Frauen: Ihre mal verführerischen, mal mütterlichen Stimmen demoralisieren viele Soldaten und verstärken ihr Heimweh.

Was im heißen Krieg beginnt, geht im kalten weiter: Im geteilten Deutschland beginnt nach dem Mauerbau 1961 ebenfalls eine Propagandaschlacht. Die Westberliner Polizei registriert „entlang der Sektor- und Zonengrenze Musik- und Hetzsendungen“ durch 70 fahrbare und 209 stationäre Lautsprecher. Der Westen zahlt in gleicher Lautstärke heim. Manchmal liefern sich die Sprecher in ihren „Laukw“ (Lautsprecherwagen) aus wenigen Metern Entfernung direkte Rededuelle. Das akustische Wettrüsten raubt entnervten Berlinern den Schlaf.

1965 fallen bei einem DDR-Manöver Soldaten und Flugblätter vom Himmel. Die Fallschirmjäger kommen aus der Sowjetunion, die Flugzettel per Luftballon von der Bundeswehr-Abteilung „Psychologische Verteidigung“. Doch bald übernimmt das Fernsehen solche Aufgaben. In der DDR wettert Karl-Eduard von Schnitzler in seinem berüchtigten „Schwarzen Kanal“ mit Lügen und Verdrehungen gegen den „Kapitalismus“. In der Bundesrepublik stillen vor allem ARD und ZDF den Hunger der eingesperrten und belogenen DDR-Bürger nach glaubwürdigen Informationen.

Das ZDF leidet an der Einschränkung, dass es im südlichen Elbtal kaum noch zu empfangen ist. Folge: Im „Tal der Ahnungslosen“ um Dresden  wird das SED-Regime deutlich weniger kritisiert als anderswo im Arbeiter- und Bauernstaat. 

Wer trotzdem Westfernsehen sehen will, bastelt oft mit großem Erfindungsreichtum eigene Empfangsanlagen mit besonders leistungsfähigen Antennenverstärkern und Konvertern, bis mit dem Mauerfall auch der deutsch-deutsche Propagandakrieg zu Ende geht.

In der Welt bleiben die Lautsprecher weiter im Einsatz. Noch im August 2015 versetzen südkoreanische Spezialeinheiten mit Parolen über die Demarkationslinie hinweg die Nordkoreaner in solche Wut, dass es sogar zu einem Schusswechsel kommt. Und statt in 40 sendet „Voice of Amerika“ heute sogar in 46 Sprachen, darunter Arabisch, Farsi (Iran), Khmer (Kambodscha), Kinyarwanda (Ruanda) und Mandarin (China).

Sender im Zweiten Weltkrieg

Die BBC ist seit 1938 mit 11.500 Mitarbeitern in London die wichtigste Informationsquelle gegen Nazi-Deutschland. Die Nachrichten kommen nach der Ansage „Hier ist England“ und vier Paukenschlägen. Rund zehn Millionen Deutsche hören zu. Ertappten droht oft die Todesstrafe. Zum Programm zählen Beiträge mit Sigmund Freud, Albert Einstein oder Thomas Mann und viele satirische Sketche.

Der „Soldatensender Belgrad“ geht 1941 in Betrieb, mit Reichweiten bis Narvik und Kairo. Auf beiden Seiten der Fronten in Europa und Afrika hören bis zu sechs Millionen zu. Die Schallplatten kommen vom Reichssender Wien. Berühmt wird der Sender vor allem durch Lale Andersens schwermütige Ballade „Lilli Marleen“. Sie wird jeden Abend kurz vor 22 Uhr ausgestrahlt.

Radio Moskau sendet schon seit 1929 ein Programm auf Deutsch. In der Nazi-Zeit will die russische Propaganda die Moral der deutschen Truppen an der Ostfront schwächen. In der Redaktion arbeiten brillante Köpfe wie Reporter Egon Erwin Kisch, aber auch z.B. der spätere DDR-Staatspräsident Wilhelm Pieck. Sprecherin Lotte Loebinger ist die Ehefrau des späteren SPD-Politikers Herbert Wehner.

Gustav Siegfried 1“ gibt sich als Widerstandssender in Nazi-Deutschland aus. In Wirklichkeit stehen die Anlagen in England. 1943-45 werden 693 Propagandasendungen in deutscher Sprache in den Äther geschickt. Chef Peter Seckelmann ist Krimi-Autor und 1938 emigriert. Die Sendungen sind für Soldaten an der Westfront gemacht und prangern allerlei Missstände an, vor allem Fehler der deutschen Kriegsführung.

Der „Soldatensender Calais“ steht in Südostengland. Seine Geschichte wird später mit Gert Fröbe und Klausjürgen Wussow verfilmt. Mitarbeiter sind Emigranten wie der spätere CSU-Politiker Karl Theodor zu Guttenberg, Großvater des Verteidigungsministers gleichen Namens. Das Programm für deutsche Soldaten mixt Sportberichte und gut getarnte Moralzersetzung: Hitler wird nie persönlich attackiert.

Der „Deutsche Freiheitssender 29,8“ steht 1939-39 in Madrid. Die Sendungen sollen die Deutschen über die wahren Ziele der Nazis aufklären und prangern Massaker der deutschen „Legion Condor“ im Spanischen Bürgerkrieg an. Mitarbeiter sind u.a. Bertolt Brecht, Heinrich Mann und Ernest Hemingway. Die Meldungen werden vor allem von Arbeitern als „Flüsterpropaganda“ weitergegeben.

Flüster-Frauen an der Rundfunk-Front

Achsen-Sally

Mildred Gillars (1900-1988)

Ihre erotische Stimme verzückt US-Soldaten in Europa und Nordafrika. Im Kostüm einer Krankenschwester besucht die Schauspielerin amerikanische Verwundete und Gefangene in deutschen Lazaretten und Lagern. Die Interviews, ausgestrahlt von Radio Berlin in der Sendung „Home Sweet Home“, sollen die Moral der Alliierten schwächen. Die Soldaten nennen sie „Axis Sally“, weil sie für „Achsenmächte“ Deutschland und Italien arbeitet. Geboren in Portland (US-Staat Maine), kommt sie 1935 als Englischlehrerin nach Berlin, heuert aber bald als Ansagerin beim Großdeutschen Rundfunk an. 1949 wird sie in den USA zu 30 Jahren verurteilt. Im Gefängnis begegnet sie der ebenso berüchtigten „Tokyo Rose“. 1961 kommt sie frei und arbeitet als Sprachlehrerin. Nach ihrem Tod wird sie anonym beerdigt.

Roma-Sally

Rita Zucca (1912–1998)

Mussolinis Propagandaspezialisten werben sie 1943 als italienische Ausgabe der „Achsen-Sally“ für das faschistische Nationalradio an. In ihrer Sendung „Jerry's Front Calling“ verspricht sie den alliierten Invasionstruppen einen sicheren Tod. Ihr Abschiedsgruß „a sweet kiss from Sally“ wird zur stehenden Redewendung in den Schützengräben. US-Soldaten nennen sie „Roma-Sally“ und schwärmen von ihrer „gurrenden sexy Stimme“. Die Tochter eines New Yorker Restaurantbesitzers ist Sekretärin und wandert 1938 nach Italien aus. Im Dezember 1944 bringt sie einen Jungen zur Welt. 40 Tage später sitzt sie wieder am Mikrofon. 1945 wird sie verhaftet, 1946 zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, aber schon neun Monate später amnestiert. Danach lebt sie zurückgezogen bei einem Onkel in Turin.

Tokyo Rose

Iva Ikuko Toguri D’Aquino (1916-2006)

Ihre Sendung „Die Stunde Null“ auf Radio Tokio soll die Moral der US-Truppen im Pazifik mit schlimmen Nachrichten aus der Heimat untergraben: Unfälle, Waldbrände, Flutkatastrophen. Sie ist die beliebteste von mehreren Sprecherinnen, die alle „Tokyo Rose“ genannt werden. Geboren in Los Angeles, studiert die Tochter japanischer Immigranten dort Zoologie. 1941 reist sie zu Verwandten nach Japan. Nach dem Überfall auf Pearls Harbor darf sie nicht mehr in ihre Heimat zurück. Unter Druck und halb verhungert nimmt sie den Radio-Job an. Ihre Chefs sind kriegsgefangene Offiziere. Nach dem Krieg gibt sie Interviews und Autogramme. 1945 wird sie verhaftet, 1949 zu zehn Jahre Haft verurteilt. In ihrem Gefängnis sitzt auch Mildred Gillars, die Axis-Sally. 1966 wird die bekannteste „Tokyo Rose“ entlassen, 1977 rehabilitiert. Bis zu ihrem Tod lebt sie in Chicago.

Seoul City Sue

Anna Wallis Suh (1898-1969)

Ihre außergewöhnlich monotone Stimme wirkt an den Fronten des Koreakrieges geradezu gespenstisch. Anscheinend ohne jede Emotion ruft sie US-Soldaten auf, sich zu ergeben oder zu desertieren. Oft lügt sie ihnen vor, dass ihre Frauen in der Heimat sie mit anderen Männern betrügen würden. Die Soldaten nennen sie „Seoul City Sue“ nach dem populären Countrysong „Sioux City Sue“. Kaum jemand weiß, dass sie eine amerikanische Missionarin ist. Im US-Staat Arkansas geboren, unterrichtet sie seit 1930 an christlichen Schulen in China und Korea. In Seoul wird ihr Ehemann, ein Lehrer, als Kommunist verhaftet. Als der Koreakrieg ausbricht, setzen die Nordkoreaner sie als Propagandasprecherin ein. Ein Überläufer berichtet später, dass sie 1951 einer Gehirnwäsche unterzogen und 1969 als südkoreanische Spionin hingerichtet worden sei.

Hanoi Hanna

Trinh Thi Ngo (1931-2016)

Ihre Propagandasendungen sind ein Mix aus Politik und Musik: Drei Mal am Tag liest die zierliche Nordvietnamesin aus Hanoi mit den sanften Stimme die Namen gefallener US-Soldaten vor. So wirft den USA vor, einen ungerechten Krieg zu führen, und fordert sie auf, den Kampf einzustellen. Dazu kommen Reportagen über Friedensdemonstrationen in den USA und Popmusik von den amerikanischen Hitlisten. Unterstützung bekommt sie von Hollywoodstar Jane Fonda, die sogar nach Hanoi reist. Ihr Englisch lernt sie bei Privatlehrern und durch Spielfilme wie „Vom Winde verweht“. 1955 fängt sie bei dem Radiosender „Voice of Vietnam“ an, 1965-72 moderiert sie dort die wichtigste Propagandasendung des Krieges. Ihr Kriegsname lautet „Herbstduft“. Nach dem Sieg lebt sie Ehemann, Sohn und Tochter mit den Privilegien einer Parteiberühmtheit in Ho-Chi-Minh-Stadt (früher Saigon), wo sie am 30.September 2016 stirbt.

 

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