Grande Sportsman Gigi Buffon

Donnerstag, 16. November 2017

Nach dem peinlichen Heulsusen-Abgang des italienischen Welttorhüters überschlägt sich die Sportpresse vor Begeisterung für den Grande Sportsman aus Turin. Ich erinnere mich an die Verlängerung im WM-Finale 2006. Italien gegen Frankreich. Der berüchtigte Treter Materazzi, im Turnier schon einmal nach einem üblen Foul vom Platz geflogen, hält den weltbesten Fußballer Zinedine Zidane mit beiden Armen umklammert. Als der Ball frei ist, lässt der Italiener den Franzosen wieder los und gibt ihm auch noch einen besonders gemeinen Sex-Spruch über dessen Schwester mit.

Zidane dreht prompt durch und rammt Materazzi den Kopf in die Brust. Materazzi fällt natürlich wie vom Blitz getroffen um, doch die anderen reagieren nicht – weder Schiedsrichter Horacio Elizondo aus Argentinien noch die Linienrichter, und auch nicht die anderen Spieler.

Bis auf den Grande Sportsman Buffon. Er hat als einziger sofort kapiert, welche Chance sich Italien aus diesem Foul bietet. Wie von der Tarantel gestochen rast er aus seinem Tor, rennt sechzig Meter weit über den Platz bis zur Mittellinie und redet, während das Spiel weiterläuft, auf die FIFA-Beobachter ein, die dort am Spielfeldrand mit ihren Geräten sitzen.

Videobeweise sind nicht zulässig, aber Buffon schafft es trotzdem, dass die Funktionäre die Replay-Taste drücken und sich die Szene auf ihrem Monitor angucken.

Materazzi bleibt die ganze Zeit über schön liegen. Kurz darauf dreht sich der Schiedsrichter um, sieht den Gefoulten und befragt über Funk seine beiden Linienrichter.

„Dario, hast du was gesehen? Was ist passiert? Warum liegt er auf dem Boden?“

„Weiß nicht. Ich sehe das auch, weiß aber nicht, was passiert ist.“

„Rodolfo?“

„Nein, ich habe auch nichts gesehen.“

„Ich hatte viele Zweifel“, erinnert sich der Schiedsrichter später. „Irgendwas musste passiert sein, aber niemand hatte etwas gesehen.“

In diesem Moment meldet sich der vierte Offizielle, Luis Medina Cantalejo aus Spanien, von dem Tisch mit dem Monitor: „Horacio, Horacio, ich habe es gesehen. Einen wirklich heftigen Kopfstoß von Zidane gegen Materazzi, direkt auf die Brust.“

Daraufhin bleibt dem Schiedsrichter nichts anderes übrig, als Zidane vom Platz zu stellen. Als das klar ist, folgt der nächste Auftritt des Grande Sportsman Buffon: Er setzt eine Miene des Grande Bedauerns auf, tätschelt Zidane, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht, den Kopf und will dann sogar seine Wange an die des Franzosen schmiegen: Seht her, es tut mir ja soooo Leid!

Bei Juventus Turin sind die beiden seit fünf Jahren Mannschaftskameraden. Jetzt geht es um mehr. Die Intervention des Grande Sportsman Buffon entscheidet das Spiel. Mit elf gegen zehn retten sich die klar unterlegenen Italiener durch die letzten zehn Minuten ins Elfmeterschießen, und dort fehlt den Franzosen mit Zidane der sicherste Schütze. Der rasch wieder genesene Materazzi schießt seinen Strafstoß ins Tor.

Das Schlimmste ist, dass nach so einem Foul die unkorrekten Begleitumstände niemanden mehr interessieren. Dass entgegen der Regeln ein Video-Check zum Platzverweis führte, ist kein Thema. Aber die Szene zeigt: Der Grande Sportsman Buffon ist eben auch nur dann ein Grande Sportsman, wenn ihm durch demonstrative Grandezza nicht etwa ein Vorteil entgeht. Und deshalb bin ich froh, dass er jetzt nicht mehr WM-Rekordteilnehmer werden kann.

Wie sich ein wirklich großer Sportsmann verhält, zeigt später Zinedine Zidane, als er sich später in einem Interview mit „France Football“ bei Buffon bedankt. Es sei gut gewesen, dass der Italiener den Schiedsrichter auf den Kopfstoß hingewiesen habe, sagt er, denn: „Ich weiß nicht, wie ich damit gelebt hätte, wenn ich auf dem Feld geblieben und Frankreich Weltmeister geworden wäre. Das mit dem Kopfstoß war einfach nicht schön.“

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt