CSU-Ramsauer knöpft sich Zuschauer vor

Donnerstag, 19. Juli 2018

„Dunja Hayali“, ZDF, Mittwoch, 18.Juli 2018, 22.45 Uhr.  

Hat der CSU-Vize und frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer in seiner knorrigen Art eine kleine Gezeitenwende im öffentlich-rechtlichen Talk-Biotop eingeleitet? Bisher konnten Zuschauer im Studio ungestört und von den Talkmastern ungerügt nach Herzenslust Hohn und Spott über die eingeladenen Politiker ausgießen. Jetzt feuerte zum ersten Mal ein Betroffener zurück.

Erst ein Eigentor von Grün

Im neuen ZDF-Talkmagazin „Dunja Hayali“ am Mittwoch schimpfte Katharina Schulze, Spitzenkandidatin der Grünen bei der Landtagswahl in Bayern, über Seehofers Masterplan verächtlich: „Das ist halt Wahlkampf! Es geht nur um die Landtagswahl!“

Die Moderatorin ließ ihr das nicht durchgehen: „In der Sie ja auch stehen!“ merkte sie an.

Und Ramsauer legte nach: Wenn es solche schwerwiegenden Probleme gebe wie in der Flüchtlingspolitik, sagte er, könne man doch nicht auf Lösungen verzichten, nur weil bald eine Landtagswahl sei. Dafür  erntete er höhnische Lacher im Publikum.

Dann eine scharfe Attacke

„Wer hat denn da gelacht?“ fragte der CSU-Politiker daraufhin verärgert und fixierte einen der Zuhörer. „Mit Ihnen rede ich nachher noch mal! Hier zu lachen ist an sich schon lächerlich!“

Die Kamera zeigte einen älteren Herrn mit lagen grauen Haaren, der sich nicht einschüchtern lassen wollte: Was das für ein Minister sei, spottete er, der sich zu seinem 69sten Geburtstag der Abschiebung von 69 Flüchtlingen rühme?

Und ein heftiges Wortgefecht

Grüne-Schulze ließ sich die Vorlage des Gleichgesinnten nicht entgehen: „Ich finde es nicht gut, wie Sie den Zuschauer beleidigen!“ sagte sie zu Ramsauer, und dafür gab es Beifall. Der CSU-Politiker sah sich plötzlich in der Defensive: „Sind Sie ernsthaft der Meinung, dass das eine Beleidigung war?“ wunderte er sich, mit dieser Art rhetorischer Empörungsgymnastik offenbar wenig vertraut.

Die Talkmasterin wollte schlichten, geriet nun aber ihrerseits unter Beschuss: „Sie sind es in der Regel nicht gewohnt, als Journalistin, dass man eine Gegenfrage stellt!“ warf Ramsauer ihr vor.

Gereizte Stimmung

Der Wortwechsel illustrierte die gereizte Stimmung, die besonders in den Medien eine faire Diskussion über das Flüchtlingsthema erschwert: Populisten von beiden Rändern wollen die Regierungsparteien mit verbalen Totschlagssuperlativen („Entsetzt! Fassungslos“) vor sich her treiben. Viele Journalisten in ARD und ZDF feuern sie dabei noch an.

Nicht so Dunja Hayali: Die ZDF-Kneifzange zwickte zwar energisch in migrationspolitische Schwachstellen wie Ankerzentren, Seenotrettung oder BAMF, blieb dabei aber immer fair und war erkennbar mehr ans Lösungen als an Meinungsmache interessiert.

Nicht über, sondern mit den Menschen sprechen

Das ZDF hatte ein Talkmagazin versprochen, bei dem „nicht über, sondern mit den Menschen“ gesprochen werde: „Informativ, emotional und kontrovers“.

Erste Station: Das künftige Ankerzentrum Zirndorf in Bayern. Ein Beamter bangte um den sozialen Frieden, wenn Flüchtlinge statt Geld nur Sachleistungen erhalten. Eine BAMF-Mitarbeiterin ärgerte sich, dass sie seit dem Skandal auch selbst unter Generalverdacht stehe.

Ramsauer beklagt Kontrollverlust

Ramsauer erinnerte an den Kontrollverlust durch die große Flüchtlingswelle seit September 2015 und sagte: „Asylrecht heißt nicht, dass jeder, der sich wirtschaftlich nicht wohlfühlt, zu uns kommen kann!“

Grüne-Schulze holte sofort zum Rundschlag aus: „Lächerlich! Regierungskrise!“ pfefferte sie los. „Europa am Rand des Abgrunds! Menschen werden zusammengepfercht! Das ist nicht christlich! Das ist nicht human!“

Zugeständnis des Abends

Ramsauer warnte davor, die Bevölkerung durch zu viele Flüchtlinge zu überfordern: „Ich sage ausdrücklich ‚Flüchtlinge‘ und nicht wie Sie ‚Geflüchtete‘.“

Aber, so der Ex-Minister: „Die Einrichtung der Ankerzentren ist ein Lernprozess. Da ist noch nicht die letzte Frage gelöst.“

Die schlimmste Tragödie

Der nächste Einspieler zeigte erschütternde Bilder einer verzweifelten Mutter aus Afghanistan, der vier Kinder ertranken. Ihr kleiner Sohn habe sie am Ende seiner Kräfte gebeten: „Mutter, töte mich! Ich möchte nicht mehr am Leben sein!“  

Ihr Neffe, seit acht Jahren in Deutschland, erhob nun schwere Vorwürfe: „Wir sind Gefangene der Politik Europas. Es geht nur noch darum, die Tore zu schließen und sich abzuschotten!“

Zweite Runde

Für eine zweite Talk-Runde war Claus-Peter Reisch eingeladen, doch der in Malta festgenommene Kapitän der „Lifeline“ sagte ab. Gekommen waren Tankred Stöbe aus dem Vorstand von „Ärzte ohne Grenzen“, der Politikberater Gerald Knaus und der Politikchef der Bild-Zeitung, Nikolaus Blome.

„Dass Menschen aus Seenot gerettet werden müssen, ist oberstes Gebot“, sagte der Journalist. „Die Frage ist: Was geschieht mit den Menschen danach? Solange Boote kommen, werden Menschen ertrinken. Private Seenotretter tragen nicht dazu bei, dass weniger Flüchtlinge kommen!“

Beispiel Australien

Australien, erklärte der Journalist, habe das Problem entschärft, indem die Regierung gesagt habe: Wir retten Flüchtlinge aus Seenot, aber wir lassen sie nicht in unser Land.“ Stattdessen würden sie vorläufig in benachbarten Inselstaaten untergebracht. Seither kämen keine Bootsflüchtlinge mehr.

Blome erinnerte daran, dass Asylsuchende und Migranten schon seit 2016 nach Ankunft auf einer griechischen Insel wieder zurück in die Türkei gebracht werden. Das habe die Zahl der Schlepper-Boote ebenso drastisch reduziert wie die Zahl der Ertrunkenen.

Wichtigste Erfahrungen

Zum Schluss berichtet Hayali über einen Besuch im sächsischen Borna. Wie in vielen anderen Städten fühlen sich auch dort besonders Rentner und Hartz-IV-Empfänger gegenüber den Flüchtlingen benachteiligt.

„Wenn die Menschen nicht mitgenommen werden, kann ich bei ihnen auch kein Verständnis erwarten“, sagte dazu Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) und fand Zustimmung im Publikum.

Und Wolfgang Osterkamp, Flüchtlingshelfer aus Borne, erklärte: „Früher war die Linke die Protestpartei, jetzt ist es die AfD. Diese Leute alle in die rechte Ecke zu stellen war der größte Fehler!“

 

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