„Sie schießen um sich wie volltrunkene Cowboys“

Freitag, 20. Juli 2018

Vor 30 Jahren, am 16.August 1988, beginnt das Geiseldrama von Gladbeck. Drei Tage später endet es in einem Blutbad. Mindestens moralisch mitschuldig sind eine überforderte Polizei, eine überdrehte Presse und eine allzu sehr von sich überzeugte Politik.

Die Pressekonferenz ist gut besucht, die Statistik erfreulich, der Gastgeber bester Laune. Stolz hebt Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Schnoor die hohe Professionalität seiner Polizei vor allem bei einem besonders heiklen Tatbestand hervor: „Geiselnehmer haben bei uns im Lande keine Chance!“

Wenige Tage später beginnt in Gladbeck die größte Katastrophe, die es je in Deutschland nach einer Geiselnahme gab: Zwei Verbrecher werden erst nach 56 Stunden überwältigt, drei Menschen sterben.

Mindestens moralisch mitschuldig sind eine überforderte Polizei, eine überdrehte Presse und eine allzu sehr von sich überzeugte Politik.

„Fehleinschätzungen von Polizei und Polizisten führten zum Desaster“, stellt jetzt der Kriminalwissenschaftler Gunter Pirntke in seiner Dokumentation „54 Stunden Angst“ fest. „Kompetenzchaos, psychologisches Ungeschick, das Verhalten der Journalisten und verantwortungslose Polizeiaktionen“ hätten die Katastrophe verursachen: „Es war ein komplettes kollektives Staatsversagen.“

16.August 1988, 7.55 Uhr. Zwei maskierte Männer dringen durch einen Hintereingang in die noch geschlossene Filiale der Deutschen Bank an der Schwechater Straße in Gladbeck ein. Sie bedrohen den Filialleiter und die Kassiererin mit Revolvern und verlangen Geld.

Fünf Minuten später geht ein Arzt am Schaufenster der Filiale vorbei, sieht die maskierten Männer, eilt in seine Praxis im ersten Stock und alarmiert die Polizei. Ein Streifenwagen fährt zum Tatort. Anders als vorgeschrieben hält er direkt vor dem Schaufenster an und wird prompt von den Verbrechern gesehen.

Es ist der erste einer ganzen Reihe schlimmer Fehler. In dieser Sekunde wird aus einem gewöhnlichen Banküberfall eine Geiselnahme, die das ganze Land drei Tage lang in Atem hält.

Die Geiseln sind Reinhold Alles und Andrea Becker. Der Filialleiter ist 35 Jahre alt und herzkrank. Seine Ehefrau schwanger. Die Kassiererin ist 24 Jahre alt.

Um 8.30 wird Innenminister Schnoor informiert: „Banküberfall mit Geiselnahme in Gladbeck. Zwei bewaffnete Täter haben zwei Angestellte der Deutschen Bank in ihrer Gewalt. Forderung: 300.000 DM Lösegeld, Fluchtfahrzeug, freier Abzug. Sondereinheiten sind angefordert.“

An der Bank treffen nach und nach 300 Polizisten ein: Spezialkommandos aus ganz Nordrhein-Westfalen, schlecht orientiert, kaum koordiniert.

Die Räuber sehen draußen Männer mit Schutzhelmen und Präzisionswaffen. Sie reagieren, so Kriminalwissenschaftler Pirntke, „durch wildes Herumballern in der Bank“ und „schießen um sich wie volltrunkene Cowboys“.

Nach dem Einsatzprotokoll trifft Leitender Kriminaldirektor Friedhelm Meise um 10.10 Uhr erste Anordnungen: „Absperrungen verstärken, provozierende Aktionen vermeiden, Telefongespräche abhören, präpariertes Fluchtfahrzeug bereitstellen, Notzugriff vorbereiten.“

Zu dieser Zeit geben längst Presseagenturen und Rundfunksender die Nachricht durch. Reporter suchen sich die Nummer der Bankfiliale heraus und rufen an. Mal haben sie den Kassierer, mal einen Gangster am Apparat. Die Polizei hört alles mit.

Aus Essen kommt Staatsanwalt Hans-Christian Gutjahr mit einem Angebot: Bedingungslose Kapitulation und Freilassung der Geiseln innerhalb einer Stunde, im Gegenzug sechs Monate Freiheitstrafe.

Ungewöhnlich, aber juristisch zulässig. Voraussetzung ist laut Strafgesetzbuch lediglich, dass der Geiselnehmer „das Opfer unter Verzicht auf die erstrebte Leistung in dessen Lebenskreis zurückgelangen lässt“.

Auch der Direktor der Bank in Gladbeck, Wolfgang Schöning, tut sofort das Richtige: Er alarmiert die Zentrale in Frankfurt und organisiert in kürzester Zeit das Lösegeld.  

Die Banker erwarten vom Innenminister den Verzicht auf ein rechtsstaatliches Prinzip: Wenn die Gangster die Geiseln freigeben, solle die Polizei sie mit der Beute unbehelligt davonfahren lassen und 24 Stunden lang nicht verfolgen. Geld spiele keine Rolle, wenn es um Menschenleben geht.

Doch beide Vorschläge werden abgelehnt. Die Gangster trauen der Zusage nicht, und der Minister ist überzeugt, seine tüchtige Polizei werde die Geiselnahme rasch beenden.

Es ist ein schrecklicher Irrtum.

„Wir haben zwei dicke Pusten im Moment in der Hand und wenn da irgendwat unternommen wird, wat mich in Gefahr bringt oder meinen Kumpel, dann isses vorbei“, droht einer der Gangster am Telefon im breiten Ruhrpott-Platt. „Dann klink ich aus, dann gibt dat oben ein Peng inne Birne, und dann werden wir wohl alle sterben.“

Ein psychologisch geschulter Hauptkommissar redet auf ihn ein und bekommt heraus, wer hinter den Masken steckt. Der Wortführer ist der Gewohnheitsverbrecher Hans Jürgen Rösner. Er hat nach Raubüberfällen und Einbrüchen elf seiner 31 Lebensjahre im Knast verbracht. Sein Komplize Dieter Degowski, ein ehemaliger Sonderschüler, ist 32 Jahre alt, Sozialhilfeempfänger und Kleinkrimineller.

Bei der Lösegeldübergabe lassen sich die beiden nicht überraschen: Ein Kriminalbeamter in Badehose muss das Paket mit einem Besen vor die Eingangstür schieben. Der Filialleiter holt das Geld auf allen Vieren herein. Um seinen Hals ist ein Kabel geschlungen. Rösner zielt mit der Waffe auf ihn, Degowski auf die junge Kassiererin.

16. August, 21.47 Uhr. Der Fluchtwagen ist präpariert: Wanze, Peilsender, Fernsteuerung zum Abschalten des Motors. Die Gangster plündern den Haupttresor und leeren Schließfächer. Dann fahren sie los.

An einer Tankstelle kauft Rösner erst einmal eine Stange Zigaretten. Als andere Autofahrer neugierig werden, droht er ihnen mit seinem Colt.

An einem Kiosk holt Rösner Bier und Süßigkeiten, in einer Apotheke Tabletten gegen Aufregung und Übelkeit, in einer Imbisstube Frikadellen, Hähnchen und Kotelett: „Hier ist der Bankräuber aus Gladbeck“, sagt er, „macht keinen Scheiß, wir wollen nur wat zu essen!“

Wieder zurück, merkt Rösner, dass in dem BMW das Radio fehlt. Um die Meldungen hören zu können, will er sich an der Tankstelle ein anderes Auto besorgen.  

Einer der ortsfremden Polizisten, die nach dem Einsatz von der Bank nach Hause fahren, muss tanken und fragt die Einsatzzentrale nach der nächsten Möglichkeit. Ein ahnungsloser Kollege lotst ihn ausgerechnet dorthin, wo Rösner jetzt zum zweiten Mal auftaucht. Der Gangster überrascht den verdutzten Beamten, nimmt ihm die Dienstwaffe ab und schnappt sich auch das Handfunkgerät auf dem Beifahrersitz.

„Hierdurch wurde die gesamte weitere Fahndung beeinträchtigt“, stellt die vertrauliche „Einsatznachbereitung Gladbeck“ des Düsseldorfer Innenministeriums später fest. Der gesamte Funkverkehr muss auf einen anderen Kanal umgestellt werden, und das bekommen nicht alle mit. Ein fürchterliches Chaos ist die Folge.

An der Tankstelle sieht Rösner einen blauen Mercedes. Er ahnt nicht, dass die Polizei das Auto als Köder ausgelegt hat. Gangster und Geiseln steigen ein und fahren zu einer Freundin: Marion Löblich, 24 Jahre alt, Halbtagskraft bei der Arbeiterwohlfahrt.

Die junge Frau ist tablettensüchtig und Rösner hörig. Einmal hat sie sich, „um ihm einen Gefallen zu tun“, nach einem Gelage sogar zum Sex mit Kumpel Degowski überreden lassen. Jetzt steigt sie in das Fluchtfahrzeug und übernimmt die Dienstwaffe des Polizisten.

17. August, 1.20 Uhr. Rösner lenkt den blauen Mercedes aus der Stadt und fährt kreuz und quer über Autobahnen und Landstraßen: Osnabrück, Münster, Hagen, Bremen. Immer wieder kommen Elitepolizisten nahe an Gangster und Geiseln heran, immer wieder aber scheut die Einsatzleitung das Risiko.

In der Fußgängerzone von Vegesack kauft sich das Verbrecherpärchen Kleidung. Degowski bewacht inzwischen die Geiseln. Schwerbewaffnete Elitepolizisten stehen bereit, aber nur ein einziger Beamter wird zur Beobachtung losgeschickt.

Beim Anschleichen muss der Späher immer wieder große Umwege machen. Deshalb bekommt er nicht mit, dass Degowski einmal aussteigt, um zu urinieren. Und auch nicht, dass der völlig übermüdete Gangster danach seine Waffe auf die Mittelkonsole legt und einschläft.

Der Preis für das Zögern der Polizei, die nicht den kleinsten Fehler machen will und deshalb immer größere macht, wird jetzt rasch höher. Die Chefs haben Angst, und die Elitepolizisten schieben Frust: „Kann jetzt mal jemand ein definitives Wort sprechen, ob wir die endlich plattmachen sollen?“ funkt einer an die Kollegen. 

17.August, 19 Uhr. Rösner und seine Komplizen entern einen fast vollbesetzten Bus der Bremer Straßenbahn AG. Jetzt haben sie nicht mehr zwei, sondern 29 Geiseln.

Für zwei von ihnen ist es das Todesurteil: der 15-jährige Schüler Emanuele de Giorgi sitzt neben seiner neunjährigen Schwester Tatiana. Die 18-jährige Silke Bischoff hat gerade die Höhere Handelsschule hinter sich und will Staatsanwaltsgehilfin werden. Ihre Freundin Ines V. ist Verkäuferin und ebenfalls 18 Jahre alt.

Fernseh- und Fotoreporter drängen sich um den Bus. Sie knipsen und interviewen vor allem Rösner, der immer wieder mit seiner Waffe und seiner Entschlossenheit prahlt: „Ich scheiß auf mein Leben!“

Degowski sitzt dicht neben Silke Bischof und drückt ihr seinen Trommelrevolver „Highway Patrolman“ in den Hals. Trotzdem treiben einige Journalisten ihre Kumpanei mit dem Bösen so weit, dass sie die Verbrecher sogar auf Polizisten in Zivil aufmerksam machen.

Dann dirigiert Rösner den Bus auf die Autobahn. Bei der Verfolgung prallt der 31 Jahre alte Polizeibeamte Ingo Hagen mit seinem Einsatzfahrzeug gegen einen Lkw und wird zum ersten Toten des Geiseldramas.

17. August, 22.39 Uhr. Der Bus hält an der Raststätte Grundbergsee. Rösner will Proviant besorgen, seine Freundin auf die Toilette. Übereifrige MEK-Beamte überwältigen sie dort und bringen sie in Handschellen außer Reichweite.

Rösner gerät vor Wut außer sich: „Wenn die Marion nicht in fünf Minuten hier ist, wird eine Geisel erschossen!“ brüllt er. Jetzt erst erfährt die Einsatzleitung von dem Zugriff. Sofort ordnet sie die Rückführung an. Doch als ein Beamter die Handschellen aufschließen will, bricht der Schüssel entzwei.

Das Ultimatum läuft ab. Wütend reißt Degowski seinen Revolver vom Hals seiner Geisel und schießt dem kleinen Italiener aus nächster Nähe in den Kopf.

Sekunden später steht Marion Löblich am Bus. „Mach keinen Scheiß!“ schreit sie noch. Doch Degowski sagt: „Ist doch egal, anders geht das nicht. Ich kann nicht verlieren!“ Dann richtet er die Pistole wieder auf seine blonde Geisel.

Ines V. zieht den sterbenden Jungen aus dem Bus. Polizisten leisten Erste Hilfe. Die Einsatzleitung hat vergessen, einen Krankenwagen mitzuschicken. Aber sie hat die Autobahn gesperrt. Die Retter müssen sich durch einen riesigen Stau kämpfen. Als sie nach einer Stunde endlich im Krankenhaus ankommen, ist der kleine Giorgio tot.

Rösner will nach Holland. Er glaubt, dort gehe die Polizei sanfter mit Straftätern um. Unterwegs ballert er auf ein Taxi, in dem ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur sitzt. Degowski schießt auf einen jungen Motorradfahrer eine ganze Trommel leer.

Die Holländer wissen, was auf sie zukommt. Fünf Kilometer hinter der Grenze lässt Rösner den Bus auf einen Parkstreifen auf der Nationalstraße 1 ausrollen. Bald tauchen Polizisten auf.

Rösner schickt den Busfahrer nach draußen und fordert ein schnelles Fluchtauto. Der mutige Mann kehrt tatsächlich zurück und bringt ein Walkie-Talki mit.

„Um fünf Uhr früh ist ein großer BMW da“, versprechen die Holländer über Funk. Auch dieses Auto wird präpariert, doch hier vertraut Rösner der Polizei.

18. August, 5 Uhr. Die Gangster laden Beute, Kleidung und Proviant in den silbernen BMW 735i. „Der läuft über 200“, jubelt Rösner, „also da können wir allen wegfahren!“ Als er mit der Hand, die seine Pistole hält, eine Plastiktüte voller Colaflaschen aufhebt, löst sich ein Schuss. Die Kugel durchschlägt den Oberschenkel seiner Freundin. Sie fällt auf einen Sitz und schreit: „Du Esel hast mich getroffen!“

Degowski glaubt, die Polizei habe geschossen, und feuert blindwütig durch die Scheiben. Zwölf Elitepolizisten sind inzwischen durch die Büsche bis auf drei Meter an den Bus herangerobbt. Sie glauben, dass die Gangster Geiseln töten, und wollen stürmen. „Raus! Waffen raus! Hände hoch!“ rufen sie. Im letzten Moment schreit Rösner in das Walkie-Talkie: „Versehen! Nichts passiert!“

Die Gangster steigen um. Silke Bischoff und Ines V. müssen mitkommen. Degowski sitzt zwischen ihnen auf der Rückbank.

Die anderen Geiseln sind frei. Innenminister Schnoor fliegt ein und schüttelt ihnen die Hände: „Ich fühle mich den Menschen, die Schreckliches durchgemacht haben, verpflichtet!“ sagt er der Presse.

Rösner fährt nach Wuppertal und holt aus einer Apotheke Jod, Antibiotika, Verbandsmaterial und Wachhaltetabletten. Er verarztet seine Freundin und kauft ihr einen weißen Faltenrock, weil die Jeans jetzt nicht mehr über das Bein gehen.

18.August, 11.05 Uhr. Rösner steuert den BMW in die Kölner City. „Hier wird der Geiselkrimi eineinhalb Stunden lang um absurden Straßentheater“, schildert Kriminalwissenschaftler Pirntke. „Innerhalb weniger Minuten ist das Fluchtfahrzeug von Schaulustigen umringt. Einige Passanten führen sich auf, als seien Filmstars aufgetaucht.“

Die Polizei ist machtlos. Reporter übernehmen die Regie, interviewen Täter und Opfer. Degowski presst seine hilflose Geisel an sich. „Wie geht’s?“ fragt einer. „Nicht so gut“, antwortete Silke Bischoff gequält.

Udo Röbel vom „Kölner Express“ hat Mitleid mit dem verängstigten Mädchen. Spontan schlägt er eine Austauschgeisel vor: Der Essener Kardinal Franz Hengsbach hat 1971 geholfen, sieben Millionen DM Lösegeld für den entführten ALDI-Chef Theo Albrecht zu übergeben.

Doch die Gangster sind zu nervös: Die Polizei hat Poller hochgefahren, der Fluchtweg ist versperrt und die Menge um den BMW wird immer dichter.

„Sie waren mit der Situation völlig überfordert“, berichtete Röbel später. „Wir müssen hier weg!“, sagt Rösner zu ihm. „Kannst du uns zur Autobahn bringen?“ Der Reporter steigt ein und lotst die Gangster zur Tankstelle Siegburg. Einsatzfahrzeuge und ein Pulk von Reportern rasen hinterher.

In Siegburg darf Röbel aussteigen. „Mach den Bullen klar, dass sie uns in Ruhe lassen sollen!“ befiehlt Rösner.

18. August, 13.18 Uhr. Der letzte Akt des Dramas beginnt. Rösner steuert den BMW wieder auf die Autobahn und drückt das Gaspedal durch. Die Einsatzleitung beschließt, die Gangster durch „Festnahme aus der Bewegung durch Rammen“ zu stoppen. Das Kölner SEK führt dazu einen gepanzerten Mercedes heran.

Rösner ist wieder misstrauisch geworden und hält hinter einer Bergkuppe bei Kilometer 38,0 an. Als er die Verfolger sieht, fährt er wieder los – zu spät: Das schwere Rammfahrzeug knallt in die linke Hintertür.

Anders als erhofft aber sind die Gangster durch den Stoß nicht benommen. Degowski schießt sofort, und die Polizisten müssen in Deckung gehen.

Das Feuergefecht dauert über eine Minute. 57 Schüsse werden abgefeuert. Als Degowski seinen Revolver leergeschossen hat, bricht er mit einem Kreislaufkollaps zusammen.

„Scheißbullen!“ brüllt Rösner und versucht verzweifelt, noch einmal anzufahren. Seine Freundin kauert vor dem Beifahrersitz und ruft ihm zu, er solle Silke Bischoff nach vorne ziehen und ihr die Waffe an den Kopf halten. „Nein, nein, bitte nicht!“ schreit die Geisel in Todesangst. Ihre Freundin springt aus dem Auto und stürzt direkt vor einem SEK-Mann in den Graben.

Rösner legt sich quer über die Vordersitze und zielt zwischen ihnen nach hinten. Eine Kugel trifft ihn in den linken Oberschenkel. Endlich gibt er auf, wirft seinen Colt aus dem Fenster.

Maron Löblich hebt die Hände. Degowski kommt wieder zu sich. Sein Kopf liegt auf Silke Bischoffs Knien, und er schmeckt Blut.

Ein SEK-Mann reißt die hintere Tür auf. Silke Bischoff gleitet ihm entgegen. Ihre Augen sind geschlossen. Eine Kugel aus Rösners Waffe hat sie in Herz und Lunge getroffen, als sie schutzsuchend die Arme vor der Brust kreuzte.

Zwei SEK-Sanitäter versuchen, das schwerverletzte Mädchen mit Mund-zu-Mund-Beatmung zu retten. Der Notarzt muss erst aus dem zwölf Kilometer entfernten Königswinter gerufen werden. Kurz nach ihm trifft ein Rettungshubschrauber mit einem Kölner Unfallchirurgen ein. Das Protokoll hält fest: „Die Reanimationsbemühungen bei der Patientin wurden eingestellt. Sie wies mit dem Leben nicht zu vereinbarende Körperzerstörungen auf.“

Die Ursachen der Katastrophe sind bald dokumentiert.

Erschütternde Unfähigkeit, empörendes Kompetenzgerangel und unfassbare Schlamperei bei der Polizei. Haarsträubender  Hochmut und unglaubliche Selbstüberschätzung bei den Politikern. Hemmungslose Sensationsgier bei Journalisten von Presse, Funk und Fernsehen. Es hagelt Reuebekundungen, Rücktritte und Rügen.

Am 14. Dezember 1988 stellt ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Landtags von Nordrhein-Westfalen  fest, es liege keinerlei Fehlverhalten der Polizei oder des Innenministers vor. Am 21.Mai 1989 nimmt Schnoor von SPD-Chef Hans-Jochen Vogel den „Gustav-Heinemann-Bürgerpreis“ für Verdienste um Freiheit und Gerechtigkeit entgegen.

ENDE

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt