Illner-Talk: Gauland nimmt Holocaust-Höcke in Schutz

Freitag, 16. November 2018

Maybrit Illner: „Neustart ohne Merkel – wer wird gewinnen und wer verlieren?“ ZDF, Donnerstag, 15.Oktober 2018, 22.15 Uhr.

AfD-Chef Alexander Gauland hat in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ am Donnerstag seinen Parteigenossen Björn Höcke gegen Nazi-Vorwürfe verteidigt.

Dabei ging es um Höckes höchst umstrittene Aussage, das Holocaust-Denkmal in Berlin sei ein „Denkmal der Schande“.

Wörtlich sagte der AfD-Chef dazu: „Herr Höcke, den ich sehr schätze, hat völlig recht: Es ist ein Mahnmal unserer Schande! Und das hat er ausgedrückt.“

Die Deutsche Presse-Agentur habe damals daraus gemacht, die Holocaust-Erinnerung selbst sei eine Schande, aber, so Gauland: „Das hat er überhaupt nicht gesagt!“

Nur ein Missverständnis, eine böswillige Fehlinterpretation, Fake News der „Lügenpresse“? Oder nicht doch kalkulierte Doppeldeutigkeit? In der Runde drang Gauland mit seiner Rechtfertigung ebenso wenig durch wie im Publikum: Die Politiker protestieren, die Zuschauer machen betretene Gesichter.

JU-Chef Paul Ziemiak fuhr den fälligen Konter: „Die Menschen erkennen jetzt, was für Typen bei der AfD unterwegs sind“, sagte er. „Wenn wir vernünftige Politik machen, wird sich auch die AfD dann am Ende erledigen.“

Zu Beginn der Talkshow hatten zwei Experten ihre Einschätzungen zur Kandidaten-Kür um den CDU-Parteivorsitz gegeben. „Aufbruchstimmung bei der CDU!“ jubelt Kommunikationsberater Dirk Metz, einst Pressesprecher bei Roland Koch. „Drei sehr unterschiedliche Kandidaten! Das gibt Rückenwind!“

Neue Dynamik!“ freute sich auch SPD-Strategieberater Frank Stauss, schießt aber gleich den ersten Pfeil: „Wenn Merz Parteivorsitzender wird, kann Angela Merkel nicht Bundeskanzlerin bleiben!

Vorsichtigstes Statement

Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz, Jens Spahn? Ziemiak hielt sich bedeckt: „Für alle drei Kandidaten gibt es in der Jungen Union Unterstützung!“

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey wollte über ihre SPD reden, bei der es jetzt um „Hingehen, Zuhören, Handeln“ gehe. Da kam bei ihr gleich wieder die Kommunalpolitikerin mit dem sympathischen Dienstleistungslächeln durch.

Geheimnisvollste Erklärung

Göring-Eckart glitt sofort in ihren Parteisprech ab: Ihre Wähler seien „die Leute, die leidenschaftlich sind, die Aufbruch wollen, die Veränderung wollen…“ Bitte beim Thema bleiben!

Der selbsternannte Merkel-Jäger Gauland saß mit seinem grünen Pullover ebenfalls in der Jury: „Ich hätte einen Kandidaten, mit dem man auch in Zukunft anders umgehen könnte, aber wenn ich das jetzt sage, wird er bestimmt nicht gewählt“, orakelte er.

Ziemiak nahm Gauland daraufhin voll auf die Hörner: Die AfD sammle „Protestwähler und Rechtsradikale“, sagte der JU-Chef.

„Sie haben Ihre Wähler im Stich gelassen!“ keilte Gauland zurück.

Frechste Frage

Der Wahlforscher Matthias Jung, der als Merkels Guru bei der Anpassung der Kanzlerin an neue politischen Positionen gilt, erklärte Merkels Kurs so: „Die Gesellschaft verändert sich über die Jahrzehnte. Deshalb müssen sich die Parteien diesen Veränderungen anpassen.“

Talkmasterin Maybrit Illner nahm Göring-Eckardt aufs Korn: „Leben die Grünen vom Angstmachen?“ Das fand die Fraktionschefin natürlich überhaupt nicht: „Es geht darum, die Realität radikal zu benennen, und dann zu sagen, wie es gehen könnte!“

Gauland wollte nicht verstehen, wie Deutschland mit seinen nur zwei Prozent Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß das Klima retten könne. Zumal die Erderwärmung kaum menschliche, sondern weit überwiegend natürliche Ursachen habe.

Aber so leicht lassen sich die Grünen ihr Erfolgsthema nicht kaputtmachen: „Quatsch! Fake news!“ rief Göring-Eckardt. Ja, nur zwei Prozent, aber Deutschland habe als Industrienation eine Aufgabe als Vorreiter.

„Gut, AfD und Grüne so zu hören“, spottete Ziemiak, „denn das zeigt, wie gut es ist, dass wir Volksparteien haben!“

Dann sauste die Klima-Keule nieder

„Die Grünen sagen, die Luft wird immer schlechter“ sagt Ziemiak. „aber das stimmt nicht. Nur, die Messwerte werden bei uns immer strenger.

Göring-Eckardt holte sofort die geballte Weltverbesserungsfaust aus der Tasche: An den Straßen, wo die Luft besonders stark belastet sei, „wohnen die ärmsten Leute“. Auch der grüne Kampfbegriff „Kindernasenhöhe“ kam wieder zum Einsatz. Dafür gab’s Beifall.

Wutrausch des Abends

Beim Thema Migration redete sich Göring-Eckardt endgültig in Rage: „Sie kuscheln mit den Nazis!“ warf sie Gauland vor.

„Lassen Sie den Quatsch!“ giftete Gauland zurück. „Das ist eine Unverschämtheit! Sie wissen gar nicht mehr, was Nazis sind! Ich habe als Kind noch erlebt, wie meine Eltern Angst gehabt haben!“

Die Grüne-Politikerin beschimpfte ihn trotzdem weiter, weil „Sie derjenige sind, der den Hooligans den Teppich ausrollt! Weil Sie derjenige sind, der Hass und Hetze schürt!“ Auch dafür Beifall.

Danach bat die Talkmasterin Ex-„Spiegel“-Chef Georg Mascolo in den Ring. Der Journalist, der den Skandal um illegale AfD-Parteispenden aufgedeckt hatte, sollte nun etwas darüber erzählen und tat das in aller Deutlichkeit: „Meine Vermutung ist, dass es bei der AfD noch weitere Großspenden gibt!“

Gauland präparierte sich mit einem Schluck aus dem Wasserglas, denn jetzt galt es, Kreide zu fressen: „Ja, es sind Fehler gemacht worden“, gestand er.

Komischstes Kompliment

„Sie sind ja ein alter Hase“, sagte Illner zu Gauland. Als das Publikum lachte, fügte sie hinzu: „Im schönsten Sinne des Wortes!“

Aber das sagte sie natürlich nur, um den AfD-Chef noch besser in die Bredouille zu bringen: „In Ihrer Fraktion gibt es 18 Juristen!“ Hätten die denn nichts gemerkt?

Netter Versuch! Doch Gauland war vorbereitet: „Liebe Frau Illner, es wusste kein Jurist bei uns, was im Kreisverband Bodensee vorgeht. Ich habe es selber erst aus der Presse erfahren.“

Zum Schluss brachte Ziemiak auch die Frage nach der Beobachtung Rechtsradikaler durch den Staat auf den Punkt: „In der AfD wird offen gegen Menschen anderer Religionen, anderer Hautfarbe gehetzt, da brauche ich keinen Verfassungsschutz, da brauche ich nur Youtube anzumachen oder Zeitung zu lesen.“

 

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