TV-Serie Holocaust: Skalpell am moralischen Organ der Deutschen

Montag, 7. Januar 2019
Holocaust-Opfer: Dr. Josef Weiss (Fritz Weaver) verabschiedet sich von seiner Schwiegertochter (Meryl Streep), seiner Frau Berta (Rosemary Harris), seiner Tochter Anna (Blanche Baker) und seinem Sohn Rudi (Joseph Bottoms, v.l.), bevor er nach Polen deportiert wird. © WDR/DEGETO

„Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss“. NDR/WDR, Montag, 7.Januar 2018, 22.00 Uhr.

Der fanatische Nazi weint, weil er glaubt, nach dem Krieg würden die Sieger „furchtbare Lügen“ über die Deutschen verbreiten. Der Deutsche mit jüdischen Wurzeln wiederum fürchtet, die Welt werde die Wahrheit über die Vernichtungslager für Lügen halten, „weil Menschen so etwas mit Menschen nicht tun“.

Dass die Prophezeiung aus dem US-Vierteiler „Holocaust“ nicht eintrifft, liegt auch an der erschütternden Serie selbst: Ihre Ausstrahlung im Januar 1979 führt die große Mehrheit der Bundesbürger endlich zum uneingeschränkten Bekenntnis unverzeihlicher deutscher Schuld und unvergänglicher deutscher Verpflichtung.

Wie ein Skalpell der Gerechtigkeit legt die bewegende Geschichte um die gnadenlose Ausrottung einer jüdischen Familie eine durch jahrzehntelange Verdrängung schon weit fortgeschrittene Fäulnis am moralischen Organ der Deutschen frei.

Die herzzerreißenden Szenen aus den Vernichtungslagern Auschwitz und Babi Jar pflanzen das Grauen tief in die Gefühlswelt auch vieler Spät- und Nachgeborener ein, die zwar um die Verbrechen wissen, aber das Leid der Opfer nie wirklich in der Brust mit- und nachempfinden konnten.

Jetzt, vierzig Jahre später, soll die Wiederholung der Serie heute in NDR und WDR sowie übermorgen auch im SWR diese seelenhygienische Wirkung von neuem entfalten. Denn immer noch oder schon wieder lassen Realitätsverweigerung, Verdrängungsmechanismen, zynisches politisches Kalkül und eine unselige Schlussstrich-Mentalität im rechtsradikalen Milieu um NPD und AfD alte Lügen und neue Legenden um das singuläre Menschheitsverbrechen der Deutschen wie Krebsgeschwüre wuchern.

Vor der Erstausstrahlung weckt gerade der erwartete Einfluss des aufwühlenden Vierteilers auf Herz und Seele der Deutschen Widerstand: Kritiker warnen vor Gefühlskitsch und verlogener Kommerzialisierung. Der Philosoph und KZ-Überlebende Elie Wiesel beklagt sogar eine „Trivialisierung des Holocaust“: Die „Seifenoper“ sei „eine Beleidigung für die, die umkamen, und für die, die überlebten.“

In der ARD führen solche Bedenken dazu, dass der Vierteiler nicht im Gemeinschaftsprogramm, sondern gleichzeitig in allen Dritten Programmen ausgestrahlt wird. Doch die Reaktion des Publikums widerlegt die Befürchtungen deutlich: Rasch schalten immer mehr Zuschauer ein, den Schluss sehen 15 Millionen. Viele verfolgen auch die Open-End-Diskussionen nach jedem Teil. Über 20.000 melden sich bei der ARD mit Zustimmung, Kritik und eigenen Erlebnissen.

In der Umgangssprache löst das Wort „Holocaust“ („Brandopfer“) die Bezeichnung „Völkermord an den Juden“ ab. Für den Politologen Peter Reichel markiert die Serie den „Beginn der Bereitschaft auch eines Massenpublikums, sich mit der NS-Vergangenheit Überhaupt auseinanderzusetzen“. Und knapp vier Monate später hebt der Bundestag die Verjährungsfrist für Mord und Völkermord, die bis dahin viele Täter vor der Gerechtigkeit schützte, endgültig auf.

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