Rosa Luxemburg: Ein Schicksal in feministischer Zuspitzung

Dienstag, 15. Januar 2019
Schlimme Vorahnungen: Rosa Luxemburg (Barbara Sukowa, re.) und Sonja Liebknecht (Eva Jaboubkova) befürchten Krieg © Bild: MDR/Degeto"

Vor 100 Jahren wurden die Sozialrevolutionäre in Berlin ermordet. Die Strafverfolgung der Täter war eine Farce. Die ARD schildert das Schicksal der SED-Ikone heute Abend in dem Spielfilm „Rosa Luxemburg“ von Margarethe von Trotta. Das vielgerühmte Werk aus dem Jahr 1986 ist längst ein Klassiker.

Lenin nannte sie einen „Adler unter Hühnern", was sie nicht hinderte, seine blutige Abrechnung mit politischen Gegnern zu tadeln. Der SED-Staat reklamierte sie als Galionsfigur und reagierte mit geballter Aggressivität, als ihr berühmtestes Wort gegen ihn ins Feld geführt wurde, und die Umstände ihrer Ermordung blieben bis heute unaufgeklärt: Rosa Luxemburg beschäftigt ihre Nachwelt wie kaum eine andere Frau des 20. Jahrhunderts.

Die nach amtlichen Unterlagen am 5. März 1870, nach eigenen Angaben aber erst 1871 im ostpolnischen Zamosc geborene Tochter wohlhabender jüdischer Kaufleute wächst als pflichteifrige Musterschülerin auf. Mit 19 Jahren studiert sie als eine der ersten Akademikerinnen in Zürich. Sie wird Doktor der Nationalökonomie. Brillante Beiträge in der sozialistischen Presse machen sie bald bekannt. Die großen Sozialdemokraten August Bebel und Karl Kautsky fördern sie.

Seit 1898 lebte Rosa Luxemburg in Berlin. 1905 beteiligt sie sich an der ersten russischen Revolution. Nach deren Scheitern strebt sie eine Führungsfunktion in der SPD an. Als Publizistin, Rednerin und Dozentin an der Parteischule versucht sie die polnisch-russische Revolutionsstrategie nach Westeuropa zu übertragen. Als ihr das nicht gelingt, verbündete sie sich mit Karl Liebknecht auf dem äußersten linken Flügel der SPD.

Ihre politischen Gegner fürchten vor allem die große Faszination der Revolutionärin. Der damalige 1. Generalstabsoffizier der Gardekavallerie-Schützen-Division in Berlin, Oberst Waldemar Pabst, erklärt nach dem Besuch (in Zivil) einer ihrer Versammlungen: „Sie ist gefährlicher als alle anderen, auch die mit der Waffe."

Die Garde-Schützen-Division ist die militärische Hauptstütze der SPD-Regierung Friedrich Eberts und Philipp Scheidemanns gegen die von der SPD abgespaltenen USPD-Kräfte und Spartakisten, die eine Räte-Republik nach sowjetischem Vorbild anstreben - obwohl gerade Rosa Luxemburg das grausame Vorgehen Lenins heftig kritisiert hatte.

Nach Massenexekutionen linker Sozialrevolutionäre, die Lenins Allmachtanspruch im Wege standen, bemerkt sie: „Der Eindruck von der letzten Wendung der Dinge ist im allgemeinen hundsmäßig." Mehr zu sagen verbietet ihr die sozialistische Solidarität: „Man möchte die Beki" – gemeint: Bolschewiki - „mächtig beschimpfen", schreibt sie, „aber natürlich, die Rücksichten erlauben das nicht."

Als ein als Polizeipräsident Berlins eingesetztes USPD-Mitglied aus dem Amt entfernt wird, kommt es zum bewaffneten Aufstand der Kommunisten und Sozialisten. Doch Militär, Freikorps und Bürgerwehren verteidigen die junge Weimarer Demokratie entschlossen. Gardeschütze Pabst leitet einige ihrer Aktionen.

Am Abend des 15. Januar 1919 nahmen Mitglieder der Wilmersdorfer Bürgerwehr Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und den späteren DDR-Staatspräsidenten Wilhelm Pieck fest und brachten sie zu dem Oberst. Pabst verhört die Gefangenen und beschließt, sie zu beseitigen. Als Helfer stehen Freikorpsleute und junge Marineoffiziere bereit, die in den Sozialisten Vaterlandsverräter sehen.

Zuerst wird Karl Liebknecht abgeführt und, wie später bekanntgemacht wird, „auf der Flucht erschossen". Seinen Leichnam liefern die Täter bei einer Rettungswache am Zoo ab. Dann, gegen 23.40 Uhr, wird Rosa Luxemburg aus dem Stabsquartier im Hotel Eden herausgeführt. Auf dem Bürgersteig treffen sie zwei Hiebe mit einem Gewehrkolben. Die Mörder werfen die Verletzte in ein Auto und rasen davon. 40 Meter weiter fällt der tödliche Schuss. Der Leichnam wird in den Landwehrkanal geworfen.

Vor Gericht wird der Ex-Fliegeroffizier und Freikorps-Oberleutnant Kurt Vogel verurteilt – aber nur „wegen Beiseiteschaffens einer Leiche", zu zwei Jahren und vier Monaten Haft. Er flieht nach Holland und wird dort interniert. Die Nazis amnestieren ihn 1934 und bezahlen ihm sogar eine Kur. Er stirbt 1967 im Alter von 78 Jahren.

Wirklicher Täter soll der Marineleutnant Wilhelm Souchon gewesen sein, der diesen Vorwurf jedoch stets bestreitet. Er wird zwar ebenfalls vor das Kriegsgericht geladen, aber sein Prozess wird so gesteuert, dass es nicht zu einer Verurteilung kommt. 1920 flieht Souchon 1920 nach Finnland und arbeitet dort als Bankkaufmann. 1935 kehrt er zurück, tritt in die Luftwaffe ein und steigt zum Oberst auf. Nach dem Krieg lebt er unbehelligt in Bad Godesberg. Er stirbt 1982 mit 86 Jahren.

Von den Mördern Karl Liebknechts kommen nur Otto Runge und Horst von Pflugk-Harttung vor Gericht. Sie werden zu milden Gefängnisstrafen verurteilt, die sie noch nicht einmal antreten müssen, denn in der Berufungsverhandlung spricht ein preußisches Militärgericht sie frei. Von den Nazis erhalten sie später Haftentschädigungen.

Otto Runge wird im Mai 1945 von KPD-Mitgliedern in Berlin aufgespürt und in der sowjetischen Kommandantur in der Prenzlauer Allee erschossen. Horst von Pflugk-Harttung baut in Dänemark ein Agentennetz auf und wird nach seiner Enttarnung 1939 nach Deutschland abgeschoben. Als Marineoffizier gerät er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wird britischen Stellen übergeben und 1947 aus dem Internierungslager Eselheide entlassen. Er lebt von 1950 bis zu seinem Tod 1967 als Kaufmann in Hamburg.

Die SED reklamiert Rosa Luxemburg als eine ihrer Vorkämpferinnen. Im Jahre 1989 aber, zum Jahrestag der Ermordung, skandieren DDR-Oppositionelle das Luxemburg-Wort „Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden". Die Urheberin hat damit allerdings nur Andersdenkende unter prinzipiell Gleichgesinnten auf dem gemeinsamen Marsch zur kommunistischen Weltrevolution gemeint. Erst später wird das Zitat von interessierter Seite so ausgelegt, als sei Rosa Luxemburg eine Anhängerin der pluralistischen Demokratie gewesen.

Gleichwohl wissen sich die SED-Bonzen gegen die Proteste, die schließlich zum Fall der Mauer führen, nur mit einer armseligen Spitzfindigkeit zu verteidigen. Das Zitat, so DDR-Chefagitator Karl-Eduard von Schnitzler, finde sich in den Luxemburg-Schriften lediglich als Randnotiz, aber „nicht als Programm oder gar als Bekenntnis".

Das „Lexikon des internationalen Films“ lobt das Trotta-Werk als „behutsame und gefühlsstarke Frauenbiografie“. Sie lege das Augenmerk „weniger auf historische Vollständigkeit“, sondern nähere sich „vielmehr in erster Linie den persönlichen inneren Beweggründen politischen Handelns“. Urteil der Kritiker: „Einfühlsam in Inszenierung, Spiel und Fotografie, überzeugt der Film inhaltlich als Besinnung auf Zivilcourage, unbestechliche politische Moral sowie auf den Mut zu utopischem Denken.“

Die „Zeit“ dagegen urteilt deutlich weniger euphorisch, der Film sei „eine einzige Litanei der Verzweiflung, Ohnmacht und Niederlage“. Die Handlung sei „reichlich abenteuerlich“. Noch am überzeugendsten wirke er „in seiner feministischen Zuspitzung“.  

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