Dalai Lama: Warum ein heimatloser Mönch sogar Ungläubige verzaubert

Dienstag, 22. Januar 2019

Er ist das weltweit berühmte Gesicht des Friedens. Seine Anhänger verehren ihn als Inkarnation des göttlichen Buddha. Seine Gegner fürchten seine unwiderstehliche Macht über Köpfe und Herzen. Vor 60 Jahren floh er nach Indien. Seither reist er heimatlos durch die Welt. Wer ist der Dalai Lama wirklich?

Seine Geburt fällt in eine gefährliche Zeit. Erst seit 22 Jahren ist seine Heimat von China unabhängig. Die Faust des übermächtigen Nachbarn ist durch Revolutionen, Bürgerkriege und japanische Angriffe geschwächt. Auch im zweiten großen Anrainerstaat Indien gärt es, denn dort wird der politische Kampf gegen die britische Kolonialmacht immer heftiger.

Tibet liegt zwischen China und Indien als Auge des Orkans, der sich damals über Asien formt. Im Brennpunkt der Interessen dreier Weltmächte herrscht die trügerische Stille des Vergessenseins. Die Hauptstadt Lhasa („Land der Götter“) gilt als verbotene Stadt. Nur wenige Europäer haben den Dalai Lama mit eigenen Augen gesehen. Entsprechend wundersam sind die Mythen über den Gottkönig vom Dach der Welt.

Entrücktes Shangri-La in himmelhohen Himalayabergen, kahlrasierte Mönche in exotischen Klöstern, Musikinstrumente aus menschlichen Oberschenkelknochen, flatternde Gebetswimpel im ewigen Wind – das ist die Kulisse, aus denen der Dalai Lama vor sechzig Jahren in die Welt und das Bewusstsein des Westens tritt: als Gott auf der Flucht, als Held im Kampf gegen die Kommunisten und als Friedensbote auf den Spuren des ersten gewaltlosen Widerstandskämpfers Mahatma Gandhi.

Am 6.Juli 1935 wird Lhamo Dhondrup in dem Dorf Taktser im Osten Tibets als Sohn kleiner Bauern geboren. Als er zwei Jahre alt ist, sucht eine Delegation ranghöchster Lamas die Eltern auf. Sie haben das kleine Kind als Wiedergeburt des Avalokiteshvara erkannt. So heißt das buddhistische Erleuchtungswesen des universellen Mitgefühls, das sich seit einem halben Jahrtausend immer wieder als Dalai Lama („Ozeangleicher Lehrer“) reinkarniert.

Der Dalai Lama Nr. 13 war am 17. Dezember 1933 verstorben. Als

der kleine Lhamo vier Jahre alt ist, steigt er als Nr. 14 unter dem Mönchsnamen Tenzin Gyatso auf den Thron. Doch 1950 marschieren Maos Rotchinesen in Tibet ein. Am 17. März 1959 flieht der inzwischen 20-jährige Gottkönig nach Indien. Seither kämpft der Dalai Lama um Freiheit für sein Volk, erst mit Büchern und Interviews, später mit Reisen durch die ganze Welt. Und überall findet der kleine Mann mit dem weißen Schal über dem gelben Mönchsgewand Aufmerksamkeit, Unterstützung und Bewunderung.

Was fasziniert die Menschen an diesem Heimatlosen, der so ganz anders ist als die anderen Flüchtlinge, Vertriebenen und Exilanten unserer Zeit? Das Phänomen erklärt sich am besten aus den vielen Facetten einer ungewöhnlichen Persönlichkeit.

Der Dalai Lama ist ein ungeheuer kraftvoller Menschenmagnet. Wo er geht und steht, zieht er die Menge an. Sie sehen in ihm ein Symbol für Harmonie, Mitgefühl und Toleranz. Seine Bewunderer, gläubig oder nicht, preisen ihn als globales Symbol friedfertiger Gewaltlosigkeit. Sie ist für ihn „intelligente Feindesliebe“. 1989 erhält er den Friedensnobelpreis. 2005 erklärt er eine entmilitarisierte Welt zu seinem politischen Ziel: „Krieg ist veraltet!“

Der Dalai Lama hat keine Armee, doch seine Stimme findet weltweit Gehör. 1998 ruft er nach Kernwaffentests in Indien und Pakistan zur weltweiten Ächtung der Atombombe auf. 2008 appelliert er an die US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain, sich im Fall ihres Sieges für nukleare Abrüstung einzusetzen. 2009 schreibt er mit 16 anderen Friedensnobelpreisträgern an Obama. Der Dalai Lama zählt auch zu den wichtigsten Unterstützern der „Internationalen Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen“ (ICAN).

Die dritte große Angst der Moderne nach Kriegs- und Atomfurcht ist die Sorge um den Planeten Erde. Und auch findet die Lichtgestalt aus Tibet überall Zustimmung. „Bisher hat Mutter Erde es noch ertragen können, dass wir so schlampig mit ihr umgegangen sind“, sagt er. „Jetzt ist allerdings ein Punkt erreicht, an dem sie unser Verhalten nicht mehr stillschweigend hinnehmen kann. Sie warnt uns, dass auch ihre Toleranz irgendwann ein Ende hat!“

Als Buddha noch der Prinz Siddhartha Gautama ist, sieht er, dass beim Pflügen der Felder unzählige Lebewesen zugrunde gehen. Der Hollywoodfilm „Sieben Jahre in Tibet“ mit Brad Pitt zeigt, dass auch der junge Dalai Lama Bauarbeiter stoppt, wenn bei Erdarbeiten Raupen oder Käfer in Gefahr geraten. Heute verurteilt er besonders den Walfang scharf. Auch dieser Einsatz für die „Buddhas der Meere“ gewinnt ihm viele Herzen.

Ebenso viel Zuspruch findet er im Kampf gegen die Erderwärmung. „Auch der Klimawandel ist nur global zu lösen“, sagt er. „Egoismus, Nationalismus und Gewalt sind der grundsätzlich falsche Weg.“ 2015 warnt er zusammen mit führenden buddhistischen Lehrern aus der ganzen Welt: „Wir sind an einer entscheidenden Wegkreuzung angelangt, an der unser Überleben und das anderer Spezies auf dem Spiel stehen.“ Doch, so die gemeinsame Erklärung: „Aus der Einsicht der Verbindung aller Wesen und dem Mitgefühl für diese werden wir in der Lage sein, aus Liebe, nicht Angst, zum Schutz unseres Planeten zu handeln.“

Vor allem in weitgehend entchristlichten Ländern ist der Dalai Lama auch als Religionskritiker populär. „Seit Jahrtausenden wird Gewalt im Namen von Religionen eingesetzt und gerechtfertigt“, klagt er. „Religionen waren und sind oft intolerant. Deshalb sage ich, dass wir im 21. Jahrhundert eine neue Ethik jenseits aller Religionen brauchen.“

Viel wichtiger als Religion ist für ihn die „elementare menschliche Spiritualität“, denn darin sieht der berühmteste Mönch seit Martin Luther „eine in uns Menschen angelegte Neigung zur Liebe, Güte und Zuneigung“. Damit gewinnt er auch als spirituellen Führer eine große Gefolgschaft.

„Nach meiner Überzeugung können Menschen zwar ohne Religion auskommen, aber nicht ohne innere Werte, nicht ohne Ethik“, sagt lehrt der Dalai Lama als Moralphilosoph. „Ethik und Religion sind wie Wasser und Tee. Tee enthält Blätter, Gewürze, vielleicht ein wenig Zucker und in Tibet auch eine Prise Salz, und das macht ihn zu etwas, das wir jeden Tag haben möchten. Aber sein Hauptbestandteil ist immer Wasser. Wir können ohne Tee leben, aber nicht ohne Wasser.“

Als geistlicher Lehrer stellt der Dalai Lama fest: „Wir benötigten positive Geisteszustände. Das gilt auch für Politiker. Ich übe das täglich vier Stunden. Meditation ist wichtiger als ritualisierte Gebete.“ Denn: „Die Hauptursachen für Kriege und Gewalt sind unsere negativen Emotionen. Wir geben ihnen zu viel Raum, unserem Verstand und unserem Mitgefühl dagegen zu wenig.“

Sein Rat: „Mehr zuhören, mehr nachdenken, mehr meditieren. Durch Meditation und Nachdenken können wir lernen, dass Geduld das wichtigste Mittel gegen die Wut ist, Zufriedenheit gegen Gier wirkt, Mut gegen Angst, Verständnis gegen Zweifel.“

Die Botschaft kommt an. Die frühere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer ist begeistert: „Nie zuvor“ habe sie „eine so tiefe spirituelle Frömmigkeit“ erlebt, sagt sie. Wer wissen wolle, was Religion sein könne, könne das „vielleicht nur noch in Tibet so erfahren“.

Der Schweizer Religionswissenschaftler Prof. Georg Schmid urteilt wesentlich kritischer: „Ich sehe immer noch eine uralte Sehnsucht nach einem Führer, nach geistlicher Autorität. Der Dalai Lama gilt als total friedlich, als fehlerfrei. Kritik am ihm ist geächtet, wird verfemt. Kritische Bücher zum Dalai Lama dürfen in weiten Kreisen nicht einmal besprochen werden, oder dann nur sehr negativ.“

„All das gefällt mir gar nicht!“ gesteht der Experte und wagt einen schockierenden Vergleich: „Das Nachfolgen-Können ohne Fragezeichen steckt offenbar nicht nur in Deutschland, sondern in Mitteleuropa vielen im Blut. Und wenn man schon keinem Hitler mehr nachfolgt, dann muss es ein östlicher Führer sein. Wieviel Führerhörigkeit, wie viele Autoritätsbedürfnisse haben wir noch?“

Außerdem weist Prof. Schmid auf eine wenig bekannte, etwas dunklere Seite des Dalai Lama hin: „Er hat eine sehr gewinnende Art. Aber innerhalb des tibetischen Buddhismus kann er sehr prägnant, sehr fordernd auftreten. Er kann ungeheuer harte Forderungen stellen. Er ist total tolerant gegenüber den Westlern, die er auch aufruft, bei ihrer eigenen Religion zu bleiben. Aber er kann sehr rigoros sein, wenn es um innertibetische Abgrenzungen geht. In seiner Exil-Regierung in Indien sind handfeste Auseinandersetzungen möglich.“

Umstritten ist der Dalai Lama auch wegen seiner besonderen Wirkung auf Frauen. Die einstige „Grüne“-Chefin Petra Kelly, die Mitte der 1980er Jahre ganz wesentlich half, ihn in Deutschland populär zu machen, war hin und weg von seiner Ausstrahlung „femininer Maskulinität“. Die Zeitschrift „Emma“ dagegen erinnert daran, dass der Dalai Lama bei seinen Anhängern den Beinamen „Wunscherfüllendes Juwel“ träge. Dieser Begriff aber stehe im tibetanischen Buddhismus für den Phallus des Gottkönigs, der zudem „höchste Lehrmeister des Tantra“ sei, sich im Westen aber „publikumswirksam als zölibatärer Mönch präsentiert“.

Allerdings „müssen die Angehörigen des tibetanischen Klerus strikte Keuschheit üben“, weiß „Emma“ und zitiert den Dalai Lama mit einer komplizierten Erläuterung: „Im tibetischen Buddhismus gibt es eine ausgeprägte sexuelle Symbolik, besonders in der Darstellung der Gottheiten mit ihren Gefährtinnen, woraus oftmals ein falscher Eindruck entsteht. Das Sexualorgan wird zwar benutzt, aber der Fluss der Energie wird völlig beherrscht.“

Entscheidend dafür sei die Fähigkeit, sich vor dem Fehler des Samenergusses zu hüten, erklärt der Dalai Lama. Und da es sich eben nicht um einen gewöhnlichen Sexualakt handele, könne man auch die Verbindung zur Enthaltsamkeit herstellen.

„In anderen Worten: Solange Mönch oder Lama nicht ejakulieren, können sie sich durchaus verschiedenster sexueller Aktivitäten befleißigen“ ätzt „Emma“. Die „Benutzung des Sexualorgans“ sofern korrekt vorgenommen, sei ohne weiteres mit dem Gelübde des Zölibats vereinbar. Derlei sexuelle Praktiken, sage der Dalai Lama spitzfindig, „sind in Wahrheit kein Sex, auch wenn es so aussieht“.

Solche Kritik kann die Popularität des Dalai Lama kaum stören, er lächelt sie einfach weg. Auch mit der längst nicht mehr von allen geglaubten Tradition, nach dem Tod eines Dalai Lama könnten gelehrte Mönche in einem Kind den vorbestimmten Nachfolger finden, will er brechen: Zu groß ist die Gefahr, dass den Chinesen ergebene Würdenträger irgendeinen Jungen zum neuen Gottkönig erklären und im Sinne Pekings erziehen.

Peking fürchtet die unwiderstehliche Macht des kleinen, lächelnden Mannes über Köpfe und Herzen. Deshalb verfolgen sie ihn als „Separatisten“ durch die ganze Welt mit diplomatischem und wirtschaftlichem Druck auf alle seine Gastländer. Deshalb ist es für den Dalai Lama inzwischen „denkbar“, dass sein Nachfolger in einer Art Konklave nach Art der katholischen Kirche „aus der Mitte der höheren Lamas oder höheren Gelehrten“ ohne jeden Einfluss Pekings gewählt wird. Eilig ist es ihm damit allerdings nicht: „In meinen Träumen werde ich 113 Jahre alt.“

Buddhismus

Der Buddhismus ist mit bis zu 500 Millionen Anhängern, davon die Hälfte in China, die viertgrößte Religion der Erde nach Christentum, Islam und Hinduismus.

Als historischer Buddha („Erwachter“) gilt der Fürstensohn Siddhartha Gautama. Er im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. in Nordindien.

Nach der buddhistischen Lehre sind alle unerleuchteten Wesen in einem endlosen Kreislauf („Samsara“) von Geburt und Wiedergeburt gefangen.

Das Ziel der Buddhisten ist eine befreiende Einsicht in die Grundtatsachen allen Lebens. Das Mitgefühl mit allen anderen Lebewesen macht es möglich, den leidvollen Kreislauf zu beenden.

Lamaismus

Der Lamaismus ist eine in der Mongolei, in Tibet und im Himalaya verbreitete Form des Buddhismus. Er wird auch als Vajrayana („Diamantene Fahrzeug“) oder Tibetischer Buddhismus bezeichnet.

„Lama“ ist ein tibetischer Ehrentitel für „Lehrer“. Der Mongolenfürst Altan Khan verlieh ihn im Jahr 1578 an den buddhistischen Missionar Sönam Gyatsho.

Der tibetische Buddhismus enthält Elemente aus der Kultur des Landes wie etwa die Musikinstrumente, die Opferkuchen aus Gerstenmehl und die Gebetsfahnen („Windpferde“).

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