Hans Albers im Doppeldecker: Der erste Linienflug vor 100 Jahren

Samstag, 2. März 2019

Vor 100 Jahren nimmt die erste deutsche Fluglinie den Betrieb auf. Die Piloten sind ehemalige Jagdflieger, die Passagiere sitzen im Freien.

Der Doppeldecker ist für Luftkämpfe über der Westfront gebaut. Im Cockpit führt ein Jagdflieger den Steuerknüppel. Auf der Passagierliste ist nur für fünf Fluggäste Platz. Sie sitzen mit Fliegerbrille, Lederkappe und Schal im Freien. Mit bis zu 150 Stundenkilometern knattert die „AEG J.II“ über die Äcker und Wiesen der norddeutschen Tiefebene der Sonne entgegen.

Der erste Linienflug der deutschen Luftfahrtgeschichte von Hamburg nach Berlin am 2.März 1919 ist ein filmreifes Abenteuer ganz nach Art der „tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“. Der Take-off in den feuchten Weiden vor dem Dorf Fuhlsbüttel macht die Hafen- nun auch zur Flughafenstadt. Der Mann, nach dem der neue Start- und Landeplatz einst „Hamburg Airport Helmut Schmidt“ heißen wird, liegt damals, gerade neun Wochen alt, in seiner Wiege im nahen Barmbek.

Die „Deutsche Luft-Reederei“ (DLR) fliegt seit Dezember 1917. Anfangs übernimmt sie nur militärische Transporte. Gründer ist ein Staatsmann von Weltrang: Walther Rathenau. Der Berliner Industriekapitän sitzt im Aufsichtsrat der AEG, die als Rüstungskonzern auch Flugzeuge baut. Die HAPAG, die „Luftschiffbau Zeppelin“ und die Deutsche Bank sind bei der neuen Fluggesellschaft ebenfalls an Bord.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg will Rathenau die politische Lage mit seiner neuen, linksliberalen DDP stabilisieren. 1921 wird er Wiederaufbauminister, 1922 durch die Aussöhnung mit Russland sogar der erfolgreichste Außenminister des Reiches sein. Sein wichtigstes Ziel aber bleibt, die deutsche Wirtschaft anzukurbeln. Dazu braucht sie auch modernste Verkehrsverbindungen.

Am 8.Januar 1919 erteilt das neu gegründete Reichsluftamt der DLR die Zulassung für den zivilen Luftverkehr. Am 5.Februar starten in Berlin-Johannisthal zwei Doppeldecker zum ersten Luftpostdienstflug: Sie transportieren 4000 Exemplare der Zeitung „B.Z. am Mittag“ nach Weimar, wo am nächsten Tag die erste Sitzung der neuen Nationalversammlung beginnt.

Am 1.März folgen in umgebauten Maschinen die ersten Passagierflüge: nach Hamburg und nach Warnemünde an die Ostsee. Am 15.April startet ein Liniendienst auch nach Gelsenkirchen. Außerdem bringen Saison-Flüge im Sommer Badegäste von Hamburg nach Westerland und im Herbst Messebesucher von Berlin nach Leipzig-Mockau.  

Betonpisten gibt es noch nicht. In Hamburg steigen bis zum Ersten Weltkrieg nur die Zeppeline der „Luftschiffhallen GmbH“ auf. Die ersten Passagierflugzeuge rollen 1919 noch lange über Wiesen, auf denen Schafe das Gras kurz halten. Die Doppeldecker mit Holzspanten und Tuchbespannung sind leicht und robust. Mit ihren Benz-Motoren schaffen sie über 170 km/h und erreichen Dienstgipfelhöhen um 4500 Meter.

Der farbigste unter den ersten zehn Piloten der deutschen Zivilluftfahrt ist der Neusser Antonius Raab. Als 20-jähriger Infanterieflieger klärt er feindliche Artilleriestellungen und Schützengräben auf. Als Fluglehrer unterrichtet er später in einer Gruppe Nationalchinesen auch den späteren Premierminister Zhou Enlai.

Sein Meisterstück aber liefert Raab im September 1921 als DLR-Pilot: Mit einem einzigen Passagier, dem US-Journalisten Siegfried Dunbar Weyer vom „International News Service“, fliegt er nach Schlesien und täuscht im Park von Schloss Saabor bei Grünberg eine Notlandung vor. Denn Weyer hat gehört, dass sich der abgedankte Kaiser Wilhelm II. mit Schlossherrin Hermine Prinzessin Reuß vermählen will. Von der überraschten Adelsdame ins Haus gebeten, entdecken die beiden Männer ein Foto des Ex-Kaisers auf dem Klavier. Die anschließende Pressemeldung soll Wilhelm II. so unter Druck gesetzt haben, dass er sich vier Wochen später tatsächlich mit der Prinzessin verlobte.

Die ersten Passagiere ohne solche abenteuerlichen Sonderwünsche sind Manager, Politiker und Prominente wie der damals schon populäre Hans Albers: Der Hamburger ist bei seinem ersten Flug 27 Jahre alt und muss zum Theaterspielen nach Berlin. Mit ihm klettert als erster weiblicher Passagier die berühmte Porträtfotografin Elsbeth Gropp in die noch real existierende Holzklasse.

Das Ticket kostet 450 Mark (etwa 360 Euro) für den einfachen Flug und 700 Mark für das Hin und Zurück. Dafür leiht die Fluglinie auch Pelzmäntel, -stiefel und -handschuhe aus. Doch schon im Juni 1919 startet der erste Ganzmetallflieger der zivilen Luftfahrt, die „Junkers F 13“, zum Jungfernflug, und in der beheizten Kabine mit vier Plätzen sind nun auch längere Luftreisen wie etwa die über Hamburg und Bremen nach Amsterdam komfortabel.

Am 28. August 1919 gründet die DLR mit anderen Gesellschaften in Den Haag die „International Traffic Association“, aus der später die IATA wird. Auf den Rümpfen weichen die Balkenkreuze dem stilisierten Kranich des Grafikers und Architekten Otto Firle. Am 6.April 1926 gehen die DLR und andere Unternehmen in der Deutschen Lufthansa auf, und der mythenreiche Schreitvogel wird das Wappentier der neuen Fluglinie.

Trotz geographischer Randlage ist Hamburg immer mittenmang im Boom des deutschen Linienflugverkehrs. 1919 starten die 84 Flugzeuge der DLR-Flotte zu 3546 Flügen, nur vier Jahre später sind es schon 17.350 Starts, auch zu Zielen in England und Skandinavien. 1929 bekommt Fuhlsbüttel ein Abfertigungsgebäude mit Verwaltung, Restaurant und Aussichtsplattform. 1935 vergrößert der Flughafen seine Fläche um fast 100 auf 220 Hektar und schließt sich an den öffentlichen Nahverkehr an. Zu den 22 Zielen zählt nun auch Bagdad. Die Reise in die 4050 Kilometer entfernte Stadt am Tigris dauert mit Zwischenstopps fast 24 Stunden. Es ist die längste Linienflugstrecke der Welt. 

Im Zweiten Weltkrieg tarnt die Luftwaffe die Anlage in Fuhlsbüttel mit riesigen Matten so gut, dass sie den jahrelangen Bombenhagel fast unbeschadet übersteht. Heute meldet Deutschlands ältester Flughafen 156.400 Flugbewegungen im Jahr, allerdings keine mehr direkt nach Berlin: Für die „Lufthansa“ mit ihrem Partner „Augsburg Airways“ ist die „Ultrakurzstrecke“ seit dem Upgrade der ICE-Züge auf 230 km/h im Jahr 2002 nicht mehr attraktiv genug.

Die ersten Flugzeuge im Liniendienst

Die LVG C.V. ist ein zweisitziges Aufklärungsflugzeug der „Luft-Verkehrs-Gesellschaft“ aus dem Jahr 1916. Das robuste „Arbeitspferd“ der Luftwaffe fliegt schon im Krieg auch Passagiere und Post.

Das kompaktere und leichtere LVG C.VI kommt im Juni 1918 an die Front. Der überkomprimierte Benz-Motor „Bz.IVü“ leistet 200 PS.

Die AEG J.II wird 1917 von der AEG-Abteilung Flugzeugbau als Infanterieflieger entwickelt. Der Sechszylinder-Motor von Benz hat 200 PS, der Rumpf aus Stahlrohr mit Holzspanten und Tuchbespannung ist 7,92 Meter lang und die Spannweite beträgt 13,41 Meter.

 

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