Sigmar Gabriel zieht über die SPD-Spitze her

Montag, 27. Mai 2019
Europarunde (v.l.): Christoph Schwennicke, Melanie Amann, Annalena Baerbock, Anne Will, Armin Laschet, Sigmar Gabriel © NDR/Wolfgang Borrs

„Anne Will - nach den Wahlen“. ARD, Sonntag, 26.Mai 2019, 22 Uhr.

Der frühere SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntag weiter gegen seine Nachfolgerin Andrea Nahles und andere Führungskräfte seiner Partei gestänkert.

Wörtlich sagte der Politiker, der bei den nächsten Bundestagswahlen nicht mehr kandidieren will, er sei erstaunt, dass jetzt „nicht einer sagt, ich übernehme die Verantwortung, wir haben was falsch gemacht!“  

Das war eine nur wenig abgeschwächte Version seiner Forderung vom Vortag, als er in einem Zeitungsinterview verlangte: „In Berlin müssen jetzt diejenigen Verantwortung übernehmen, die den heutigen personellen und politischen Zustand in der SPD bewusst herbei geführt haben!“

Danach erinnerte Gabriel indirekt an Gerhard Schröder, der 2002 die Bundestagwahl mit einer dröhnenden Absage an den Irak-Krieg der Amerikaner gewann: Jetzt schicke Trump Flugzeugträger gegen den Iran, und „unsere Partei beschäftigt sich mit allem möglichen, nur nicht damit!“ schimpft er. Verpasste Chance?

Witzigstes Eigenlob

Zu den Gerüchten um Andrea Nahles sagte Gabriel: „Kleiner Tipp an die Journalisten: Ein Putsch, der in der Zeitung steht, findet in der Regel nicht statt!“

Über seine früheren Wahlergebnisse fiel ihm ein besonders hübsches Urteil ein: „Es ist nicht so, dass ich über meine Leistung als SPD-Vorsitzender völlig entsetzt bin…“

Schwerstes Foul

„Spiegel“-Amann trat ihm dafür in die Hacken: „Wenn Gabriel über die SPD redet, ist es so, als würde Lothar Matthäus die deutsche Nationalmannschaft kommentieren!“

Warnschuss für die CDU, Blattschuss für die SPD, Vorschuss für die Grünen. ARD-Talkmasterin Anne Will legte die Europawahlergebnisse auf die Meinungswaage: Wie schwer ist das politische Pfund, wie schlimm der Stimmenschwund und was ist der Grund?

Wichtigste Frage

„Spiegel“-Amann durfte als erste ran und lederte gegen die Volksparteien los: „Verzwergung und Vergreisung!“

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) macht es klüger, stellte gleich zu Beginn die entscheidende Frage: „Wie können wir ein Industrieland bleiben und trotzdem unsere Klimaschutzziele erreichen?“

Tapferster Appell  

Gabriel rief seiner Partei zu: „Fürchtet euch nicht!“ Die beiden Politiker saßen nebeneinander, duzen sich und folgen auch dem gleichen Dresscode: lockeres Sakko, offener Kragen.

Früher trugen Politiker und Journalisten bei öffentlichen Auftritten Schlips. Später zwängten nur noch die Politiker den Hals in den Selbstbinder. Jetzt aber tut sich das als einziger der Journalist an.

Härteste Kritik

Und „Cicero“-Schwennicke ritt die erste Attacke gegen Annegret Kramp-Karrenbauer: Die CDU-Chefin hatte gesagt, die Union werde ihren Kandidaten Manfred Weber jetzt „aus einer gestärkten Position heraus“ unterstützen.

„Wer so redet, hat entweder nicht verstanden oder will gar nicht verstehen!“ schimpfte der „Cicero“-Chef daraufhin und erntete den ersten Beifall.

Tiefster Stoßseufzer

Die Talkmasterin wollte die Grüne-Co-Chefin Annalena Baerbock ins Gespräch holen, doch die spulte erst mal eine Danksagung an „unsere Wählerinnen und Wähler“ ab. „O nee, das wollte ich eigentlich nicht hören!“ ächzte Will.

Schwennicke gab Baerbock auch noch einen mit, ätzte über „das Gefühl, ich kann den Wahlzettel klimaneutral machen, ich wähle die Grünen und kann danach mit einem SUV vom Wahllokal wegfahren!“

Banalster Spruch

Im Publikum wurde gegrinst und applaudiert. „Hat er Ihre Erfolgsformel entschlüsselt?“ fragte die Talkmasterin. Die Grüne kam ins Grübeln. „Hm – weiß ich nicht“, antwortete sie schließlich.

Im Publikum wurde gelacht, und Baerbock schob schnell einen bewährten Nullsatz nach: „Das wichtigste ist, dass wir die Probleme anpacken und nicht die Hände in den Schoß legen…“ Au backe!

Steilste These

Baerbock mochte die Personaldiskussion nicht, denn: „Junge Menschen wissen im Zweifel überhaupt nicht, wer Andrea Nahles ist, oder Annalena Baerbock.“ Ups! Die politisch doch angeblich so hellwache junge Generation? Die vor allem grün wählt? Hm.

Schärfste Attacke

Laschet goss kräftig Wasser in den grünen Wein: „Das Klima ist ein Thema seit zwanzig Jahren“, stellte er fest. Trotzdem sei Baerbocks Partei noch 2017 die kleinste Partei im Bundestag geworden.

„Eine Wetterfrage ist nicht immer eine Klimafrage“, fügte der CDU-Politiker hinzu. „Sie werden doch nicht glauben, dass wir mit einem neuen Klimaschutzgesetz den nächsten heißen Sommer verhindert?!“

Schönster Wutausbruch

Und dann legte Laschet noch einmal so richtig los. „Es gibt Themen, die vielleicht im Moment nicht so hip sind bei den Clicks, die nicht der letzte Tango auf Youtube sind“, donnerte er die Grüne an. „Aber auch solche Themen muss man ansprechen!“

Gabriel eilte ihm zu Hilfe: „Wir sind Konsenspolitiker“, erklärte er. „Aber wir leben in einer Zeit, in der die Menschen eindeutige Antworten wollen. Und das haben die Grünen und die Rechten geschafft!“

Baerbock guckte nur und schwieg. Hatte sie etwa gar nicht gemerkt, dass Gabriel ihre Partei soeben zur AfD in die Schublade gesteckt hatte? Schwennicke setzte noch einmal nach: „Ich finde die Grünen unredlich, weil sie vieles versprechen, was sie gar nicht durchkriegen können!“

Gnadenlosestes Urteil

Will las eine Meldung von den Kommunalwahlen vor. In Sachsen stehe die AfD vor der CDU. „Das ist ein Hinweis darauf, dass Klimaschutz nicht überall das Hautthema ist“, stellte Gabriel fest.

Sondern? „Die größte Gefahr ist, dass Amerikaner und Chinesen sagen: Guck mal, die Europäer, die kriegen ja gar nichts mehr geregelt!“ meinte Gabriel. Zum Skandal um die FPÖ und seine Auswirkungen auf die Regierung sagte er: „Wer sich mit dem braunen Sumpf einlässt, steckt irgendwann im Morast!“ Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz hatte allerdings die Europawahl klar gewonnen.

 

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