BKA-Chef Münch: Die Internet-Hetze muss uns Angst machen!

Donnerstag, 11. Juli 2019
Von Rechtsradikalen bedroht: Dunja Hayali im Studio © ZDF/Svea Pietschmann

„Dunja Hayali“. ZDF, Mittwoch, 10.Juli 2019, 22.45 Uhr.

Der Präsident des Bundeskriminalamtes Holger Münch hat in der ZDF-Talkshow „Dunja Hayali“ am Mittwoch eindringlich vor rechtsextremistischen Drohungen in den sozialen Medien gewarnt.

Wörtlich sagte der parteilose BKA-Chef, der schon beim Amtsantritt im Dezember 2014 einen Schwerpunkt auf der digitalen Kriminalität versprach: „Was wir im Internet an Hetze erleben, muss uns Angst machen!“

Bedrückende Zahlen über braunen Terror, aber auch bewundernswerte Beispiele mutiger Hilfsbereitschaft: Die größte Gefahr in der Not ist das Wegschauen. Dunja Hayali kombinierte die Themen "rechtsextreme Gefahr" und "Zivilcourage" zu einem Aufruf gegen Feigheit und Gleichgültigkeit.

Gruselige Typen, beklemmende Reaktionen, aber auch große Hilfsbereitschaft: Einspieler und Interviews gingen oft unter die Haut.

Schlimmste Zweifler und Leugner

Auf einem Konzert mit Nazi-Texten („Heil dem Reich“) sprach die ZDF-Talkmasterin eine bekennende Nationalsozialistin auf die sechs Millionen Opfer des Holocaust an. Freche Gegenfrage: „Waren Sie dabei, bei den Morden?“

Ein Ex-NPD-Funktionär höhnte in die Kamera, die Nazi-Zeit sei für ihn ein „schwarzes Loch“, denn: „Da liegt ein Leichenberg, aber ich kann nicht zuordnen, welcher Leichenberg das ist!“

Gefährlichste Situation

Ein Sänger brüllt ins Mikrofon: „Ich stehe auch heute noch zum deutschen Reich, denn wir sind Skinheads für alle Zeit!“ Die ZDF-Kamera machte die rechtsradikalen Zuhörer noch aggressiver, und Hayali zog sich schließlich zurück: „Aus Sicherheitsgründen bittet die Polizei uns, das Zelt zu verlassen!“

Beste Botschaft

„Die Polizei achtet darauf, dass die Verbote eingehalten werden“, stellte der BKA-Chef fest. „Solche Veranstaltungen dienen der Vernetzung, der Solidarisierung, der Stabilisierung der Szene.“

Alkoholverbote sind extrem wichtig!“ fügte er noch hinzu.

Ex-Neonazi P hilip Scheffler, früher Chef einer rechtsextremen „Kameradschaft“, heute an Schulen als Experte in der Aufklärung unterwegs, bestätigt den Frust ohne Bier: „Das hat sie schwer getroffen. Das Polizei-Prinzip der 1000 Nadelstiche, das Durchgreifen, das funktioniert!“

Grausamste Drohung

Die Stimmung ist heute noch einen Tick intensiver als in den 1990er Jahren“, sagte Scheffler über die Szene, „weil es inzwischen so eine breite Zustimmung gibt!“

Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, der NSU-Opfer vertrat, prangerte Nazi-Wut im Internet an, die sich auch gegen ihn selbst richte, und zitierte „Gewaltphantasien, in denen bis ins Detail geschildert wird, wie wir umgebracht werden sollen: ‚An Klaviersaiten werden wir dich aufhängen!‘“

Klarste Analyse

Scheffler sah auch die AfD in der Verantwortung: „Ich glaube, der harte Kern der Neonazis erträumt sich, dass es eine immer größere Radikalisierung gibt, wenn immer mehr Menschen zu dieser Partei gezogen werden!“

Härtester Vorwurf

Daimagüler fürchtet rechtsextremistische Angriffe auf Kommunalpolitiker wie den erschossenen Regierungspräsidenten Walter Lübcke: „Es gibt keinen polizeilichen Schutz!“ behauptete er. Bei der Polizei herrsche stattdessen „Überforderung und Desinteresse“. Über die Opfer klagte der Rechtsanwalt: „Der Staat lässt sie im Regen stehen!

Diesen Vorwurf mochte Münch nicht auf den Kollegen sitzen lassen: „Es gab auch Schutzmaßnahmen im Fall Lemcke!“ erklärte er, forderte aber auch: „Wir müssen deutlich mehr investieren!“

Tapferste Erklärung

Im zweiten Teil des Talks stellte Hayali zwei besonders mutige Frauen vor: Linda Cariglia eilte mit ihrer Freundin Karolina Smaga in Bielefeld einer jungen Frau zu Hilfe, die von einem Marokkaner (25) vor einer Disko in ein Gebüsch gezogen worden war.

„Ich hatte keine Angst“, berichtete die junge Heldin, die jetzt den Zivilcourage-Preis der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst" erhielt. „In dem Augenblick ist das wie Atmen: Das macht man einfach, und man denkt nicht drüber nach.“

Traurigste Geschichte

Esther Schweins, die auf Mallorca lebt, saß dort in einem Restaurant, als ein betrunkener Spanier ins Wasser torkelte und weit draußen in den Wellen verschwand.

Die Schauspielerin reagierte als einzige sofort, schwamm dem Mann hinterher und schaffte es zusammen mit anderen, ihn aus dem eiskalten Wasser zu ziehen. Sanitäter brachten den 40-jährigen in ein Krankenhaus, wo er wenig später starb.

Bewegendste Erklärung

Die Schauspielerin stürzte sich mutig ins Meer, obwohl sie 2004 in Sri Lanka die Tsunami-Katastrophe miterlebt hatte. „Die anderen sind alle sitzengeblieben“, stellte Hayali fest. „Kannst du dir erklären, warum?“

Es haben Menschen geweint, nicht über den Mann, sondern über ihre eigene Ohnmachtserfahrung, dass sie nicht in der Lage waren“, antwortete die Schauspielerin. „Ich kann das alles nachvollziehen. Ich bin weit davon entfernt, das zu verurteilen.“

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