Wie Stegner bei Maischberger um den SPD-Vorsitz kämpfte

Donnerstag, 26. September 2019
Armuts-Talker (v.l.): Heike Orzol, Sarah-Lee Heinrich, Gisela Quenstedt, Sandra Maischberger, Michael Opoczynski, Oswald Metzger, Ralf Stegner © WDR/Oliver Ziebe

„Maischberger: Trotz Rente und Arbeit: Kann Armut jeden treffen?“ ARD, Mittwoch,25.September 2019, 22.45 Uhr.

SPD-Vize Ralf Stegner hat die ARD-Talkshow „Maischberger“ am Mittwoch zu einer temperamentvollen Bewerbung um den Vorsitz seiner Partei genutzt.

Als Sparringspartner diente ihn dabei der frühere SPD- und Grüne-Politiker Oswald Metzger, der heute der CDU angehört. Die Dialoge der beiden Kontrahenten zeigten die Bruchlinien der Koalition mit ungewöhnlicher Deutlichkeit: Stegner setzt auf staatliche Dominanz und noch höhere Sozialausgaben, Metzger auf Eigenverantwortung und Hilfe zur Selbsthilfe.  

Als Jungpolitikerin profilierte sich die 18-jährige Bochumerin Sarah-Lee Heinrich. Mit Hartz IV aufgewachsen, durfte sie als Minijobberin von 450 Euro nur 170 Euro behalten. Jetzt beginnt die Einser-Abiturientin ein Studium und macht bei den Grünen mit.

Zum Start eine kluge Definition: „Was genau ist arm?“ fragte Maischberger ihren Ex-Kollegen Michael Opoczynski von „WESO“ und bekam eine interessante Antwort: „Es reicht zum Leben, aber ohne Spaß!

Denn das Dach über dem Kopf und das Essen auf dem Tisch sind nur das absolute Minimum. Das Hartz-IV Mädchen weiß, dass es auch um Kino-Karten, Tanz-Kurs oder den angesagten Pulli geht!

Dann gab es gleich Zoff!

Stegner wollte mit der Respektrente punkten und wetterte gegen die Bremser von der Union: „Die Bedürftigkeitsprüfung ist ein bürokratisches Monster!“

Neben ihm auf der Couch saß sein Kollege und Kontrahent Metzger und ätzte: „Quark!“

Alarmruf des Abends

Opoczynski ließ die Sirene heulen: „2020 kommt eine Lawine von Altersarmut auf uns zu!“ warnte er. Die Gründe: Dellen in den Erwerbsbiographien wegen Arbeitslosigkeit, Niedriglöhne für Frauen, Ausbeutung der Scheinselbständigen…

Ich kriege nur dann eine ordentliche Rente, wenn die Arbeit ordentlich bezahlt wird“, stellte Stegner dazu fest.

Interessantester Zwischenruf

„Zerrbild!“ schimpfte Metzger über Stegners Beschreibung der sozialen Schieflage. Heute gebe es 2,5 Millionen Arbeitslose weniger als zur Zeit des Arbeitsmarktreformers Peter Hartz.

 

Außerdem, so der CDU-Mann, müsse man an die nächste Generation denken, die das alles bezahlen müsse.

Doch die Studentin mit der Hartz-IV-Kindheit sah das völlig anders: „Das Problem ist nicht Alt gegen Jung, sondern Reich gegen Arm!“

Ihr bester Satz: „Armut ist nicht einfach das Problem einzelner Personen, die es verkackt haben im Leben, wenn ich das in der ARD so sagen darf, sondern ein strukturelles Problem, das von der Politik gemacht wird!“

Deutlichste Warnung

Die Ex-Verlagskauffrau Gisela Quenstedt (70) schilderte ihren Fall: zwei Söhne großgezogen, im Verlag ihres Ehemann mitgearbeitet („für nichts“), später Minilöhne und dann Scheidung. Heute kaum zehn Euro am Tag.

Wenn sich Eheleute im Alter trennen“, warnte Metzger, „dann ist das der soziale Absturz – für beide!

Coolster Bodycheck

Die Ex-Kassiererin Heike Orzol berichtet über ihre Erfahrungen mit Hilfe aus der Politik: Ein neues, gut gemeintes Gesetz sollte die Firmen zwingen, Zeitarbeiter nach bestimmten Fristen besser zu bezahlen und sogar fest anzustellen. Folge: Die Betroffenen wurden genau rechtzeitig entlassen und sodann nach einer kurzen Schamfrist wieder eingestellt – natürlich zum alten Lohn.

Stegner setzte zu einer Verteidigung der damals rot-grünen Maßnahme an: „Der Staat hat das damals eingeführt…“ Weiter kam er nicht, denn die Talkmasterin rammte ihn sofort in die Bande: „Der Staat, das waren damals Sie!“

Anpatzer des Abends

Zeitarbeit war anfangs ein Erfolg!“ erinnerte Opoczynski. Inzwischen aber würden Zeitarbeiter von ihren Arbeitgebern ausgetrickst, sogar in Ämtern und Behörden.

Stegner blies gleich wieder die Backen auf: „Die Wirtschaft ist für den Menschen da, und nicht umgekehrt!“ rief er. Metzger wollte was einwenden, doch der SPD-Vize ließ ihn nicht: „Ich darf anderer Meinung sein als Sie!“ blaffte er ihn an.

Taktische Selbstkritik

Die SPD hat sich damals dem neoliberalen Zeitgeist angepasst“, erklärte Stegner weiter, „und das war ein Fehler.“ Er selbst sei allerdings immer dagegen gewesen.

Metzger rieb trotzdem Salz in die Wunde: „Wenn es konkret wird, müssen auch Sozialdemokraten den Kopf hinhalten!“ höhnte er.

Wichtigste Erkenntnis

Dann nahm Metzger den Verbraucher in die Pflicht: „Wir müssen uns klarmachen, dass wir höhere Preise zahlen müssen, wenn wir höhere Löhne haben wollen“, doziert er. Und das gilt nicht nur für den Einzelhandel.

„Der Mindestlohn von zwölf Euro muss durchgesetzt werden!“ konterte Stegner grimmig. „Im Zweifel auch gegen Leute wie Sie!“

Frage des Abends

Wird Ralf Stegner SPD-Chef?“ wollte Maischberger zum Schluss von Metzger wissen. Der schüttelt den Kopf: „Das wäre auch nicht gut für die SPD!“

„Gut, dass Sie das nicht entscheiden!“ knurrte der Kandidat und hatte das letzte Wort

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